Süddeutsche Zeitung

SZ-Serie: Tatort Region:Waffenarsenal unter dem "Lichtmantel"

Bei einem Schusswechsel stirbt im Mai 2013 ein Mann aus Türkenfeld, der wegen sieben Raubüberfällen gesucht wird. Der Täter glaubt bis zuletzt, seine selbstgemachte Kleidung beschütze ihn.

"Meine geliebte mächtige Ich-bin-Gegenwart! Umhülle mich jetzt mit meinem mächtigen, magischen, elektronischen Mantel aus Lichtsubstanz! Mache ihn so kraftvoll, dass ihn keine menschlichen Schöpfungen durchdringen können!" Diese Sätze könnten in einem Science-Fiction-Roman stehen. Der Verfasser der Zeilen meint es jedoch ernst mit dem, was er mit ungelenker Schrift auf ein Blatt kritzelt. Und er handelt dementsprechend. Beginnt doch mit dieser Selbstbeschwörung eine in der Wohnung eines Serienräubers bei einer Hausdurchsuchung gefundene handschriftliche Notiz. Als Kripobeamte das Blatt in der Hand halten, verstehen sie, was ihnen drei Jahre lang Rätsel aufgab.

Die Polizei geht davon aus, dass der Mann zwischen 2010 und 2013 schwer bewaffnet und kaltblütig sieben Überfälle auf eine Tankstelle, Bäckereifilialen und Supermärkte in der Gegend um den Ammersee beging. Dabei schoss er mehrmals auf Verfolger und traf auch einen Unbeteiligten. Reagierten seine Opfer nicht schnell genug, bedrohte er sie mit Handgranaten, damit sie ihm Bargeld aushändigten. Insgesamt erbeutete er etwa 5000 Euro. So überfiel er morgens kurz nach der Öffnung eine Bäckereifiliale. Obwohl um diese Zeit nicht ausreichend Bargeld in der Kasse sein konnte, um bei einem bewaffneten Überfall mit einer größeren Beute zu rechnen.

Ein Räuber mit Handgranaten, der für Beträge von mehreren Hundert Euro um sich schießt. Für die Ermittler ergibt das alles keinen Sinn, erinnert sich der Fürstenfeldbrucker Kripochef Manfred Frei. "Wir wären mit normalen Ermittlungsmethoden nicht auf ihn gestoßen", sagt er. Erfolglos wurden unter anderem die Daten von 44 000 zwischen Landsberg und Fürstenfeldbruck lebenden Männern überprüft. Das Profil des Gesuchten passt in kein Fahndungsraster. Zu diesem Zeitpunkt wissen die Kripobeamten in Fürstenfeldbruck noch nicht, was für ein verschrobener Einzelgänger ihr Täter ist. Dieser lebt in einer selbstgeschaffenen Parallel- und Scheinwelt. Treibt sich wie ein Trapper, Einzelkämpfer oder Späher in Tarnkleidung und mit Waffen viel in den Wäldern bei seinem Wohnort Türkenfeld herum.

Ende Mai 2013 finden Beamte in der Wohnung des Türkenfelders neben einem beachtlichen Waffenarsenal auch den Notizzettel über die Lichtsubstanz. Zu diesem Zeitpunkt ist der 49-Jährige bereits seit einigen Stunden tot. Er stirbt im Nachbarort Geltendorf im Wald bei einem zwanzigminütigen Schusswechsel mit der Polizei an einem Kopfschuss. Obwohl er sich durch seinen kraftvollen elektronischen Mantel geschützt und daher für unverwundbar und unbesiegbar hielt.

Als ein Streifenwagen an einem Samstagmittag von der Einsatzzentrale wegen eines verdächtigen Fahrzeugs in den Wald zwischen Geltendorf und Kaltenberg beordert wird, gehen der Streifenführer und sein Begleiter, ein Polizeianwärter im Praktikum, von einem Routineauftrag aus. Ein Waldarbeiter hat ein verdächtiges Fahrzeug gemeldet. Es geht um eine Verkehrskontrolle. Den tief im Forst am Ende eines Pfades stehenden Wagen können die Männer zuerst nicht finden. Wie sich später herausstellt, werden sie bei der Suche schon von dessen Besitzer beobachtet. Schließlich lotst sie der Waldarbeiter zu einem blauen Minivan mit einem Blaulicht auf dem Dach, gefälschten Bundeswehrkennzeichen und dem Aufkleber "Feldjäger".

Unter dem schützenden "Lichtmantel" trägt der Serienräuber vorsichtshalber eine schusssichere Weste

Solche Fahrzeuge hat die Bundeswehr nicht. Das weiß der Arbeiter noch aus seiner Zeit als Soldat. Als die Polizisten ankommen, steigt ein Mann aus dem Minivan. Er trägt die gleiche Tarnkleidung wie sie von Überwachungskameras aufgezeichnete Bilder des Serienräubers zeigen. Sein schützender "Lichtmantel" ist ein oliv-brauner Tarnanzug, unter dem er einen Bundeswehr-Parka trägt. Und eine schusssichere Weste, was das Vertrauen in die magische Macht des Mantels relativiert.

Unter diesen Kleidern sind an selbstgefertigten Waffengurten sieben Revolver versteckt. Vier scharfe Waffen, von denen Ballistiker später drei den Überfällen zuordnen können; zudem noch ein Gasrevolver, zwei Kleinkaliberwaffen und reichlich Munition. Um die Nachladezeit der Waffen zu verkürzen verfügt das Mitglied eines Sportschützenvereins über spezielle Schnelllader mit vorgeladenen Patronen. Ein Laserzielgerät soll ihm helfen, besser zu treffen. Auf einen längeren Schusswechsel ist der Mann bestens vorbereitet.

Der Streifenführer weiß nicht, dass er dem seit Jahren gesuchten "Waldläufer" gegenübersteht. Diesen Namen gaben die Ermittler dem Räuber, weil er nach seinen Taten spurlos wie vom Erdboden verschluckt im Wald verschwindet. Trotz intensiver Suche mit Spürhunden, mit einem Helikopter, großflächig errichteter Absperrungen und der systematischen Kontrolle von Autos und Zügen, sieht es nach den Überfällen so aus, als hätte sich der Räuber in Luft aufgelöst. Der Bundeswehrfan ist mit Überlebenstechniken bestens vertraut. Er weiß, dass es Tarnschirme und andere Mittel gibt, die es regungslos am Boden in einer Mulde Kauernden ermöglichen, sie weder mit einer Wärmebildkamera noch mit Infrarotlicht aufzuspüren. Auch einen solchen Tarnschirm führt der Mann im Fichtenwald mit sich.

Weil er dessen Hände nicht sehen kann, fordert der Streifenbeamte sein Gegenüber auf, diese zu zeigen. Gleichzeitig mit den Händen erscheint der sehr lange Lauf eines Revolvers. Die erste Kugel trifft den Polizisten in den Bauch und schleudert ihn zurück. Zum Glück trägt er eine Schutzweste. Wie immer, seit sich bei einem seiner Einsätze eine Tür öffnete und ein Typ unvermittelt auf ihn schoss. Die zweite Kugel im Wald streift seinen Oberkörper. Die Männer suchen hinter Bäumen und ihrem Fahrzeug Schutz. Sie wissen nun, dass sie es mit dem "Waldläufer" zu tun haben, der auch auf den Waldarbeiter feuert.

Aber noch jemand gerät, ohne es zu merken, mitten in das Gefecht auf Leben und Tod. Das ist ein Jogger mit Kopfhörern, der weder die Schüsse hört noch auf die Warnrufe der Polizisten reagiert. Als er endlich begreift, dass sein Leben bedroht ist, stürzt er und verletzt sich. Den Polizisten gelingt es, ihn am Arm aus dem Schussfeld zu ziehen.

Anhand von Indizien, also aufgrund der gefundenen Waffen, der Bilder von Überwachungskameras, der Kleidung und bei der Hausdurchsuchung gefundener Gegenstände, lassen sich die sieben Überfälle dem 49-Jährigen zuordnen. Damit ist für die Polizei der Fall "Waldläufer" abgeschlossen. Der Fall eines einsamen Menschen, der auf der Verliererseite stand. Zuerst seine Arbeit als Finanzbuchhalter verlor, dann als Selbständiger scheiterte und sich in die Mystik eines selbstgestrickten Weltbildes flüchtete.

Am Tag, bevor er in dem Feuergefecht stirbt, kündigte ihm der Reitstall, bei dem seine große Liebe, eine Fuchsstute, untergebracht ist. Er konnte sich die Stallgebühr nicht mehr leisten. Was bleibt, ist in den Polizeiakten eine nicht einmal fingergroße Zeichnung von einem Strichmännchen auf einer Kugel. Ein Oval, das alles umgibt, stellt den Lichtmantel dar, der den Zeichner vor schlechten Gedanken, Gefühlen und Schwingungen schützt.

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Quelle:
SZ vom 13.08.2019
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