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Tierische Gäste:Faible für Sweet Georgia Brown

Siebenschläfer verschaffen sich in der Sommerpause Zugang zum Haus der Vereine. Dort fressen sich die Nager offenbar mit Notenblättern ein Polster für den Winterschlaf an

"Sweet Georgia Brown" ist ein Klassiker. Der 1925 von Kenneth Casey, Ben Bernie und Maceo Pinkard komponierte und getextete Titel ist so etwas wie ein Jazzstandard. Ella Fitzgerald, Duke Ellington und Louis Armstrong haben sich an dem Stück versucht. Mal sehen, ob die aus der Schulband des Graf-Rasso-Gymnasiums hervorgegangene Old School Big Band aus Fürstenfeldbruck die Nummer so gut drauf hat, dass sie bei der nächsten Jam-Session ohne Noten auskommt. Die nämlich sind weg. Abgesehen von ein paar Schnipseln, die bestenfalls als Konfetti fürs nächste Faschingstreiben geeignet sind. Ob der Siebenschläfer, der sich darüber hergemacht hat, wusste, um welchen musikalischen Leckerbissen es sich da handelt, ist offen.

Die angefressenen Jazz-Noten sprechen eine klare Sprache: ein Tier hat seine Spuren hinterlassen.

(Foto: Privat)

Als sicher jedenfalls gilt, dass sich das possierliche Tierchen mit weiteren Familienangehörigen unrechtmäßig Zugang verschafft hat zum Haus 20, dem Haus der Vereine in Fürstenfeld, und zum Lagerraum der 2009 gegründeten und von Jazzposaunist Franz Schledorn geleiteten Brucker Band. Im Juli hatte Stefan Kreminski, der Vorsitzende des Trägervereins, den Raum vor der Sommerpause nichts ahnend verlassen. Als er gemeinsam mit den 18 aktiven Musikern vor zwei Wochen wieder loslegen wollte, da sahen sie die Bescherung: das große Werk der kleinen Nager. Einen Siebenschläfer, der als Delinquent überführt wurde, verfrachteten die Musiker nach draußen ins Freie. Er habe etwas benommen gewirkt, sagt Kreminski. Vielleicht hatte er sich schon auf ein längeres Nickerchen eingestellt.

Tut so, als sei nichts gewesen: Der Siebenschläfer hat sich in eine Ecke verdrückt.

(Foto: Privat)

Denn Siebenschläfer tragen nicht ohne Grund diesen Namen. Die unter Artenschutz stehenden nachtaktiven Nagetiere, die mit ihren Knopfaugen und dem buschigen Schwanz aussehen wie eine Kreuzung aus Maus und Eichhörnchen, verschlafen in der Regel die Zeit von Anfang September bis Mai. Ihren Winterspeck fressen sie sich am liebsten mit fettreicher Nahrung an, vorzugsweise mit Bucheckern, Eicheln, Haselnüssen, Kastanien und anderen Samen. In der Not frisst der Siebenschläfer aber, wie sich nun herausstellt, auch "Sweet Georgia Brown" - und als Nachtisch gleich noch ein vegetarisches Hühnchen: Die Noten des Bigband-Arrangements "Chicken" wurden ebenfalls bis auf die Knochen abgenagt.

Ein Siebenschläfer hat sich im Proberaum der Old School Big Band versteckt.

(Foto: Privat)

An diesem Donnerstag wollen sich ein Jäger aus Maisach und eine Expertin aus dem Fürstenfeldbrucker Landratsamt ein Bild von der Lage machen und nach der Stelle in der möglicherweise undichten Wand suchen. Stadtrat Peter Glockzin, der sich im Auftrag der Stadt um das Haus 20 des Veranstaltungsforums kümmert, glaubt nicht, dass sich das Problem mit den ungebetenen Besuchern so schnell lösen lässt. Denn die Heimatgilde habe berichtet, dass es sich da wohl eher um einen ganzen Familienclan als um einen Einzeltäter handelt. Einige Tiere waren in den zurückliegenden Monaten bereits nach Maisach gebracht und dort ausgesetzt worden. Glockzin: "Eigentlich müsste man die wahrscheinlich 30 Kilometer wegbringen, sonst finden sie wieder zurück." Ganz tabu sind die possierlichen Tierchen, wenn sie Junge haben, dann genießen sie zwei Monate lang Schonzeit.

Die Siebenschläfer sind nicht das einzige Problem. Glockzin: "Wir haben da auch Mäuse und Marder drin, fast einen richtigen Zoo". Im Haus 20 sind Historischer Verein, Faschingsfreunde, Heimatgilde, Flugsportgemeinschaft sowie - in einem gemeinsam genutzten Raum - Theater 5, die Brucker Perchten und die Old School Big Band untergebracht. Dort residiert auch der Musikverein. Dessen Noten wurden nicht angetastet, weil sie in einem siebenschläfersicheren Metallschrank aufbewahrt werden.

Und die Blechbläser der alten Schule? Die haben ja auch noch Funk und Latin und all die Klassiker von Sammy Nestico und jene des Count Basie Orchestra in petto. Am Sonntag in zwei Wochen, bei ihrem nächsten Auftritt von 11.30 Uhr an auf dem Türkenfelder Bergfestival, werden sie so oder so über die Runden kommen - gute Jazzer lieben ja bekanntlich das Improvisieren.

© SZ vom 20.09.2018
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