Theater:Von Level zu Level

Shifting Reality

Bewegender Ausdruckstanz mit der "Kompanie Vonnunan" in der Gröbenzeller Rudolf-Steiner-Schule.

(Foto: Privat)

Die Wiener "Kompanie Vonnunan" bezieht mit ihrem interaktiven Tanztheater das Publikum in der Gröbenzeller Rudolf-Steiner-Schule derart gekonnt mit ein, dass es am Ende mit lang anhaltendem Applaus belohnt wird

Von Emil Kafitz, Gröbenzell

Abends herrscht in Schulen immer eine etwas gespenstische Stimmung. Die Jugendlichen, deren Bleistiftzeichnungen an den Wänden hängen, haben das Gebäude schon vor Stunden verlassen. Die Gänge sind leer, nur vereinzelt brennt noch irgendwo Licht. Doch in der Rudolf-Steiner-Schule in Gröbenzell bewegt sich etwas um kurz vor 20 Uhr, aus einem Raum ist eine Gesangsprobe zu hören, im Saal sitzen Schüler, Lehrer und Eltern. Sie sind gekommen, um sich das Eurythmiestück "Shifting Reality" der "Kompanie Vonnunan" aus Wien anzusehen.

In der ersten Reihe haben sich drei Mädchen vorsorglich schon mal die besten Plätze gesichert. Sie gehen in die sechste Klasse und haben das Stück schon am Vormittag vorgeführt bekommen. "Aber es hat uns so gut gefallen, dass wir uns direkt nach der Schule zusammentelefoniert haben, um es noch einmal anzusehen", erzählt Grit DeChristophero begeistert. Die drei Waldorfschülerinnen haben selbst Eurythmie als Unterrichtsfach: "Wir machen immer Eurythmie zu klassischer Musik. Ich finde es gut, dass in dem Stück kreativ mit dem Thema umgegangen wird. Dass die Gruppe Eurythmie mit Jazz-Dance, Hip-Hop und Ballett mischt, sich auch mal zu Pop-Musik bewegt und auch selber singt, ist richtig cool."

Eurythmie ist eine darstellende Bewegungskunst, vereinfacht gesagt eine Art Ausdruckstanz. Die Bewegungen sollen die innere Dynamik von Texten oder Musik widerspiegeln und dabei eine Geschichte erzählen. Im Fall von "Shifting Reality" die Geschichte zweier Freundinnen, die gemeinsam beginnen, das Computerspiel "Zero" zu spielen. In diesem muss der Spieler seinen Charakter durch ein von Krieg und Zerstörung gezeichnetes Land steuern. Ziel ist es, alle Fragmente des "Kristalls der Macht" zusammenzuführen und so für Frieden zu sorgen.

Das Eurythmiekollektiv verwendet in seiner Inszenierung bewegliche Plexiglasscheiben als Requisiten, die mal als Computerbildschirm, mal als Labyrinth oder einfach als Tür genutzt werden. Perfekt abgestimmte Licht- und Toneffekte unterstützen den Eindruck, ein Computerspiel zu beobachten. Im Stück wird das Publikum immer wieder eingebunden und darf etwa die Spielcharaktere der Freundinnen auswählen. Nachdem beide zu Anfang ähnlich fasziniert von "Zero" sind, unterscheiden sich schon nach kurzer Zeit ihre Einstellungen zu dem Spiel. Die eine versinkt immer tiefer in der virtuellen Realität und vernachlässigt dabei ihr tatsächliches Leben. Die andere beobachtet dies mit Sorge. In einer epischen Kampfszene wird sie schließlich von ihrer Freundin aus dem Spiel geworfen. Diese spielt immer weiter und immer mehr. Sie besteht das "Djungel-Level", vor dem das Publikum dazu aufgefordert wurde, Tiergeräusche zu machen.

Diese wurden aufgenommen und in der Szene abgespielt, die gerade imitierten Tiere wurden zu Gegnern im Spiel. Obwohl die Darstellerinnen dies komplett improvisieren, wirkt alles, als wäre es über Wochen geprobt worden. Schließlich hat das Mädchen "Zero" durchgespielt, sich selbst dabei aber völlig verloren. Das Stück endet ganz ruhig, zu sphärischen Klängen wiegt sich die Hauptdarstellerin zwischen den Plexiglasscheiben, die von den anderen Darstellerinnen langsam auseinandergezogen und zu Boden gelegt werden. Die Glaswand, die sie zu allen Seiten umgab, scheint zu zerbrechen, so wie die Spielrealität auf einmal zerbricht und verschwindet.

"Shifting Reality" zeigt eindrucksvoll, wie Realitäten verschwimmen können. Als sich die Darstellerinnen unter lang anhaltendem Applaus verbeugen, ist klar, dass bei der Begrüßung nicht zu viel versprochen worden war: "Das werden energiegeladene 60 Minuten!"

© SZ vom 23.01.2019
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