Süddeutsche Zeitung

Theater:Komödie zum Nachdenken

Harald Molocher leistet mit der Inszenierung von "Paradiso" an der Neuen Bühne Bruck psychologische Feinarbeit. Das Premiere überzeugt mit lebendigen Dialogen und der pointierten Darstellung einer rührenden Freundschaft

Von Ekaterina Kel, Fürstenfeldbruck

Man ahnt es schon: Es wird nicht gut gehen. Und weil man es schon ahnt, stellt das Stück das fürchterlich unangenehme Ende einfach an den Anfang. Ja, sie wird die Alte ins Altenheim stecken. Das ist herzzerreißend, aber das Publikum will unterhalten werden und deshalb geht es wieder zurück an den Anfang, als "Paradiso" noch nicht der euphemistische Name für ein Seniorenheim war, sondern lediglich der Titel der 2008 entstandenen Komödie von der österreichischen Bühnenautorin Lida Winiewicz. Intendant und Regisseur Harald Molocher zeigte am Samstag die viel bejubelte Premiere an der Neuen Bühne Bruck.

Zwei Damen, sitzen auf der Bank und unterhalten sich. Die meiste Zeit über werfen sie einander gehässige Beleidigungen an den Kopf. Die 80-jährige Martha sitzt Tag für Tag allein am See und füttert die Enten. Vicky, die etwa 30 Jahre jünger ist, setzt sich zu Martha, nicht aus Mitgefühl, sondern weil sie als arbeitslose Krankenschwester von Geldnot geplagt ist und der Alten eine Sterbeversicherung andrehen will. Daraus entspinnt sich eine ungleiche Freundschaft, die, wie sich immer wieder zeigt, auf finanzieller und sozialer Abhängigkeit beruht, aber beiden doch hilft, aus der Einsamkeit auszubrechen.

Molocher baute mit seiner Truppe für die zwei Frauenfiguren eine Rampe, die gerade mal so breit ist, dass ein Rollstuhl darauf passt, auf dem die ältere der beiden zeitweise Platz nimmt. Dieses Bild umspannt ein Rahmen aus Holz. Voilà, eine Guckkastenbühne, wie sie im Lehrbuche steht. Und die ist für "Paradiso" perfekt geeignet. Denn Winiewicz' Stück könnte für das deutsche Sprechtheater beispielhafter nicht sein: Es besteht zu 100 Prozent aus Dialogen. Alles, was passiert, ist Sprache. So ist denn auch kein Wunder, dass es in den Dialogen oft um Sprache geht.

Martha ist ehemalige Schuldirektorin mit klassisch humanistischer Bildung und einer ausgeprägten Vorliebe für das Korrigieren jeglicher grammatikalischer Unsauberkeiten. Wenn sie nicht Schillers Balladen oder Catulls Verse rezitiert, erklärt sie Vicky, warum das Wort nachvollziehen kein echtes Wort sein kann. Schließlich sei es unmöglich, etwas nachträglich zu machen, was vollzogen wurde. Gespielt wird diese stolze, bisweilen etwas gruselige, weil immer alles besser wissende Frau von der fantastischen Ellen Kießling-Kretz.

Sie ist wirklich die beste Besetzung, die für diese Rolle vorstellbar ist, und an der Neuen Bühne Bruck wahrlich kein unbekanntes Gesicht. Kießling-Kretz hat in den letzten Jahren immer wieder die schrulligen Oma-Rollen übernommen, sei es die Paulette in "Zusammen ist man weniger allein" oder die Greti in "King Kongs Töchter". Stets thematisierten ihre Figuren die Angst vorm Altwerden, die Einsamkeit und den erfinderischen, unorthodoxen Umgang damit. In "Paradiso" buchstabiert Kießling-Kretz diese diffusen Ängste aus und überzeugt mit einer Darbietung der verängstigten, aber nicht mit ihren Gefühlen zurecht kommenden Martha. Die Rolle spielt sie dermaßen passend, herrlich komisch und süffisant, dass allein dieser Schauspielkunst zuzuschauen sich lohnt.

Dagegen anzustehen ist wahrlich nicht einfach. Für Marion Nitsch, die das ängstliche Mäuschen Vicky spielt, ist es bisweilen spürbar schwer, das Ruder umzulenken. Vicky ist eine Figur, die mindestens genauso am sozialen Rand steht wie Martha, nur aus anderen Gründen: Sie ist finanziell am Ende, ebenfalls allein, notorisch auf Jobsuche, weil ihr als Krankenpflegerin die Klienten wegsterben, und steht zudem im Verlauf des Stücks kurz vor der Obdachlosigkeit. Ihr Wesen auch noch mit dem Hang zum Zögerlichen zu versehen, schafft Vicky allein in der dramatischen Vorlage einen großen Nachteil gegenüber der herrschsüchtigen, allen Raum einnehmenden Martha. Ein Stück, das sich dermaßen stark auf die Psyche von lediglich zwei Figuren konzentriert, verspricht zwar große Freude beim Zuschauen, wenn die Regie fein gearbeitet hat - was hier in großen Teilen konsequent und sauber geschehen ist. Aber im Kern steckt hier auch die größte Schwierigkeit: Es gibt nichts, was davon ablenken könnte, wenn es denn mal nicht klappt.

Und obwohl Molochers Arbeit eines Lobs bedarf, weil die Leistung so einer Feinarbeit nicht zu unterschätzen ist, darf nicht übersehen werden, wo die Personenführung eben doch hinkt. Dort, wo Schauspielerin Nitsch gefährlich eintönig bleibt und eine leider etwas eindimensionale, mit der immer gleichen Energie hervorgebrachte Nörgelei und Unterwürfigkeit auf die Bühne bringt, hätte es einer Figurenregie bedurft, die weiß, wie man die Vorlage gekonnt ergänzt und dadurch mehr Akzente und Dynamik in die Bühnengespräche bringt. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau und für die meisten im Publikum kein Grund, beim Schlussapplaus nicht unmissverständliche Begeisterung zu äußern. Denn Molocher weiß, alle Vorzüge einer kleinen Bühne für seine Inszenierung zu nutzen und die Zuschauer über eineinhalb Stunden lang konstant auf Spannung zu halten.

Nicht zuletzt ist das auch der Verdienst des Dilemmas, das im Stück auf komödiantische Art verhandelt wird. Eine Gesellschaft, in der immer mehr Menschen immer älter werden, muss sich damit beschäftigen, was mit ihren Alten passiert. Ihre Erinnerungen, langsam verblassend, sind mehr wert, als viele glauben. Ihr Wissensschatz kann so manchen über den Alltag hinwegtrösten. Ihre stolzen Gemüter sind es Wert, erkannt und geschätzt zu werden. Und gleichzeitig haben all die anderen, die noch nicht das Pflegealter erreicht haben, noch ihre eigenen Leben, die sie auch wirklich leben sollten. Winiewicz schrieb eine harmlos wirkende Komödie, in der die Kritik der sozialen Wirklichkeit nicht zu kurz kommt. So tun sich die beiden Frauen anfangs bloß zusammen, weil sie voneinander abhängig sind. Die eine bedarf des Geldes, die andere der Zuwendung. Wie weit die Abhängigkeiten die beiden treiben, zeigt das Stück auf eine trotz aller bissigen Schwarzhumorigkeit liebevolle Art und Weise.

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Quelle:
SZ vom 19.02.2018
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