Theater Furios-charmantes Liebeschaos

Der Mut von Regisseurin Cecilia Gagliardi zahlt sich aus: Mit einem radikal verjüngten Ensemble und der Boulevardkomödie "Boeing Boeing" eröffnet sie die Spielzeit im Germeringer Roßstall und liefert eine rasante Inszenierung, die das Publikum mit stehenden Ovationen feiert

Von Karl-Wilhelm Götte, Germering

Der Applaus am Ende ist heftig und ausdauernd. Begeistert stehen sogar einige Besucher im Germeringer Roßstall-Theater von ihren Stühlen auf und klatschen. Die Komödie "Boeing, Boeing" hat spürbar den Nerv des Publikums getroffen. Über zwei Stunden netto haben sich die Zuschauer bei der Premiere des Stückes prächtig amüsiert. Die Entscheidung von Regisseurin Cecilia Gagliardi, die Komödie mit vornehmlich jungen Schauspielerinnen und Schauspielern zu besetzen, ist ein Volltreffer gewesen. Und das nicht nur weil zu beobachten gewesen ist, dass auch mehr junge Menschen das Theater vollständig gefüllt haben.

Tür auf, Tür zu, Foto der gerade passenden Frau umdrehen und zurückdrehen, die Kissen auf dem roten Sofa blitzschnell nach den Landesfarben ordnen: die Situationskomik mit temporeichen Dialogen einer Boulevardkomödie blüht in Vollendung. Nur knapp verpassen sich die nichts ahnenden drei Verlobten von Alexander (Julian Brodacz). Alle drei Bräute sind Stewardessen, die der Hallodri nach ihren Flugplänen haarscharf so koordiniert, dass zunächst nie mehr als eine von ihnen bei ihm nächtigt. Sein Freund Robert (Manuel Grund) ist schwer beeindruckt von Alexanders Qualitäten als Frauenheld. "Boeing, Boeing" von Marc Camoletti wird seit 1965 aufgeführt und gehört zu den weltweit erfolgreichsten Boulevardkomödien. Sieben Jahre am Stück hielt sie sich allein am Broadway in New York. Doch in der Regel sind es dort ältere Herren, die die Frauen austricksen. Im Film waren es einst Tony Curtis und Jerry Lewis, die die drei Frauen im fliegenden Geschäft gegeneinander ausspielten. Im Roßstall-Theater sind es junge Akteure in den Zwanzigern, die dieses Spiel miteinander treiben. Da geht es wild durcheinander, wenn Judith (Sarah Müller) mit der Lufthansa von Stockholm einfliegt, Juliette mit Air France (Katja-Lisa Engel) gerade wieder nach Kairo abgeflogen ist und Francesca (Lisa Bales) mit Alitalia aus New York eintrifft.

Lisa Bales spielt Francesca.

(Foto: Günther Reger)

Vermisst wird manchmal der prickelnde Charme, mit dem der junge Mann die von ihm begehrte Frau betört. So könnte Brodacz in seiner Casanova-Rolle gerne noch verliebter und leidenschaftlicher agieren. Doch dieser Aspekt ist zu verschmerzen, denn Regisseurin Gagliardi hält noch einen ganz besonderen, aber sehr wirksamen Kniff bereit. Im Originalstück ist es eine Haushälterin, die dem Casanova zur Seite steht und ihn bei seinem trickreichen Spiel unterstützt. Im Roßstall-Theater ist es ein Mann, der diese Rolle übernimmt. Gagliardi hat mit Oliver Kübrich einen Glücksgriff getan. Kübrich, 64, seit 30 Jahren Schauspieler, tritt mit weißer Schürze und Hawaiihemd auf. Die weißen Haare hat Albert, der als Vater des Playboys vorübergehend bei ihm eingezogen ist, hinten zu einem Zopf gebunden. "Die eine kommt, die andere geht, das geht Tag und Nacht so und das ist anstrengend", jammert er in seinem durchgehend weinerlichen Ton. Kübrich spielt seine Rolle virtuos; hier und da erinnert er an den Butler in "Dinner for One". Es fehlt nur das Tigerfell.

Besondere Freude bereitet Manuel Grund als Robert, der die hereinschneienden Stewardessen als wahrer Charmeur ebenfalls beeindruckt. Grund hat meisterlich verinnerlicht, dass es als Schauspieler nicht reicht, nur seinen Text aufzusagen. Entscheidend für einen nachhaltigen Eindruck auf der Bühne ist auch, dass Blicke, Mimik und Gesten die Dialoge und das Szenenspiel unterstützen. Köstlich sind die Kussszenen, die Grund als Robert mit zwei der drei Stewardessen absolviert. Manchmal agiert er wortlos wie Mr. Bean und das Publikum amüsiert sich über seine Mimik.

Ein Mann der vielen Frauen: Alexander(Julian Brodacz) mit Juliette (Katja-Lisa Engel).

(Foto: Günther Reger)

Allerdings hat der Text einige Längen und Wiederholungen. Regisseurin Gagliardi gleicht das durch schöne Inszenierungsideen aus. Sie führt kleine Flugtaschen der Stewardessen-Airlines ein, aus denen Robert mal ein Damenhöschen und einen BH auspackt und für Szenenapplaus sorgt. Amüsant ist auch der Einfall, als Albert, Robert und Francesca gemeinsam und synchron mit den Armen das Fliegen symbolisieren. Lisa Bales als die italienische Flugbegleiterin Francesca beeindruckt nicht nur durch ihren kecken italienischen Akzent. Ihr gehört der Satz des Abends: "Wir Italienerinnen starten sehr oft und landen immer bei dem Mann, der uns ernähren kann."