Süddeutsche Zeitung

Theater 4:Apfelmus und die Frage nach dem richtigen System

In der Inszenierung "Sagen wir jetzt nichts" diskutieren fünf junge Menschen über die großen Fragen der Gesellschaft

Von Florian J. Haamann, Fürstenfeldbruck

Es gibt kein richtiges Apfelmus im falschen. Vielleicht lässt sich so das, was die Schauspielerinnen und Schauspieler des Theaters 4 da auf der Bühne zeigen wollen, am besten zusammenfassen. Vielleicht aber auch nicht. Kann man 2020 überhaupt noch einzelne Sätze finden, mit denen sich die Komplexität der Gesellschaft zusammen fassen lässt? Gibt es überhaupt noch Wahrheiten, die für alle gelten oder auf die man sich zumindest einigen kann?

Das Apfelmus also. Eigentlich ja gut, weil vegan und gesund, wird es in der Inszenierung "Sagen wir jetzt nichts", die an diesem Freitag Premiere hat, zum grünbräunlich matschigen Symbol. Fünf junge Menschen kommen auf der Bühne zusammen, um auf Fitnessgeräten zu turnen und sinnlose Arbeiten zu verrichten. Und dabei essen sie eben jenes Apfelmus. Alles ruhig so weit, das System läuft, die Arbeiter tun ihren Dienst. Bis einer von ihnen den kapitalistischen Sündenfall begeht und fragt, woher das Mus eigentlich kommt. Ob es unter ungerechten Bedingungen produziert worden ist und ob die fünf an dieser Ungerechtigkeit eine Mitschuld tragen.

Schnell tut sich in der Gruppe ein Graben auf, es bilden sich zwei Fronten. Aus Freunden werden Systemverteidiger und Kritiker, die Spaltung droht. Aber an dieser Stelle reiht sich das Stück nicht in den Kanon der unreflektierten und nur auf Krawall gebürsteten Kapitalismuskritiken ein. Vielmehr reflektieren die jungen Menschen auch ihre eigenen Rollen in dem Konflikt. "Wir fragen uns beispielsweise, ob wir überhaupt ein Recht haben, ein Wirtschaftssystem zu kritisieren, zu dem wir noch nichts beigetragen haben", erzählt Regisseurin Katharina Holzhey. Sie war es auch, die die Idee zu dem Stück hatte, das sie gemeinsam mit ihrem Ensemble entwickelt hat. Am Ende wird an diesem Abend viel verhandelt: Umweltschutz, Diskussionskultur und die Frage, ob und wie man Menschen überhaupt vorschreiben kann, wie sie zu leben haben.

"Ich bin im August vegan geworden, das war ein großer Einschnitt für mich. Bis dahin habe ich selbst immer wieder über Veganer Witze gemacht, und plötzlich habe ich gemerkt, dass man an keinem sozialen Ereignis teilnehmen kann, ohne dass es zu einem Streit über dieses Thema kommt. Das war der Anlass für dieses Stück".

Es ist nicht Holzheys erstes Werk. Vor drei Jahren hat sie kurz vor dem Abitur am Viscardi-Gymnasium ihr selbstverfasstes Stück "Fadenspiele"inszeniert, 2019 folgte "Kokon", die erste Inszenierung des Theaters 4. Zwei Werke, die sich klug und einfühlsam mit jungen Menschen beschäftigen, die auf der Suche nach ihrer Identität sind.

Nun also lässt sie ihre jungen Erwachsenen nach ihrem Platz in der Gesellschaft suchen. Es sind Themen, mit denen sich die 21-Jährige nicht nur im Theater beschäftigt. Aktuell beendet sie gerade ihr Philosophiestudium, danach soll noch der Psychologie-Bachelor folgen.

Die Diskussionen, die die fünf Schauspielerinnen auf der Bühne führen, finden nicht im abgeschlossenen Raum statt, durch Input von außen wird die Debatte immer wieder weitergetrieben. Etwa wenn eine Sprecherin der Fridays-for-future-Bewegung auftaucht und ihre Meinung zum System referiert. "Wir haben versucht, die Dynamiken in Szene zu setzen, die in solchen Debatten entstehen", sagt Holzhey.

Um diese Dynamiken schon im Entwicklungsprozess des Stückes spürbar zu machen, haben sich Regisseurin und Schauspielerinnen und Schauspieler vier Tage lang in einer Einzimmerwohnung in den österreichischen Alpen zurückgezogen. Es wurde viel diskutiert und alles aufgeschrieben.

"Sagen wir jetzt nichts", Theater 4 in der Neuen Bühne Bruck, Premiere an diesem Freitag von 20 Uhr an. Weitere Termine: 18., 21., 24., 26., 29., 30. und 31. Juli. Eintritt zehn Euro, Kartenreservierung unter theater4@gmx.de

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Quelle:
SZ vom 17.07.2020
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