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Tassilo:Weinen mit der Geige

Myriam Geßendorfer

Myriam Geßendorfer wird für den Kulturpreis "Tassilo" der Süddeutschen Zeitung vorgeschlagen.

(Foto: privat)

Myriam Geßendorfer nutzt ihr Instrument, um Gefühle auszudrücken

Von Sonja Pawlowa, Eichenau

Myriam Geßendorfer wusste schon mit fünf Jahren, was sie wollte: Geigerin werden. Auf dieses Ziel ist sie zugeschritten und hat es in den folgenden zwanzig Jahren nicht aus den Augen gelassen. Während andere sich in der Welt umschauten, zu sich fanden, vieles anfingen und wieder abbrachen, blieb Myriam unbeirrt und fokussiert. Das mutet wie die Biografie eines Wunderkindes an: zielorientiert, fleißig, diszipliniert. Doch Myriam Geßendorfer ist kein Dressurpferd, kein folgsamer Roboter. Ganz im Gegenteil. Bei allem Durchhaltevermögen und unbestrittener Meisterschaft auf ihrem Instrument, scheut sie nicht vor musikalischem Neuland zurück. Für ihr Engagement ist Geßendorfer nun für den Tassilo-Preis der "Süddeutschen Zeitung" nominiert.

Angezogen vom Grenzgänger Alfred Schnittke, Detlev Glanert oder der australischen Komponistin Margaret Sutherland, tastet sich Myriam an neue Tonwelten heran. Stets auf der Suche nach neuem Input, wagemutig und virtuos auf der Violine. Mit Lieblingsstücken wie "Nigun" von Ernest Bloch kanalisiert die Musikerin negative Gefühle wie Schmerz. Ihre Geige benutzt sie quasi zum Weinen.

Aber ist das nicht abgehoben, weltfremd, ein Leben auf einem Klassik-Planeten? "Musik muss politisch und gesellschaftsrelevant sein," sagt Myriam Geßendorfer. Feminismus ist da so ein Thema, das sie auch an der Hochschule für Musik in Nürnberg gemeinsam mit anderen Studierenden umsetzt. Gesellschaftsrelevant heißt aber auch, sich außerhalb von Klassiktempeln zu bewegen. Das gelingt ihr bei Auftritten im Theatron, bei freien Improvisationen mit einem Gitarristen. Auch Festivals sind Orte jenseits der Klassik-Bubble. Mit der Rockband Eclipse-Solaire als Vorband des Alan Parsons Projects vor einem 3500-köpfigen Publikum zu stehen ist für eine 17-Jährige eine unglaubliche Erfahrung. "Merkwürdigerweise war ich weniger aufgeregt als bei den Klassik-Konzerten," sagt sie. Das Festival-Publikum und das Zusammenspiel mit der Band bringt eine gewisse Leichtigkeit und somit direkte Interaktion.

Jedoch ist Leichtigkeit die Ausnahme. Myriams Geßendorfers Leben klingt zeitweise wie in ein Charles Dickens-Roman, eine Geschichte wie im 19. Jahrhundert. Das hübsche Mädchen steht um fünf Uhr am Morgen auf, radelt bei Wind und Wetter in eine Bäckerei und verkauft dort Brezen und Semmeln. Mittags serviert sie Kuchen und Getränke im Café und übt Geige in jeder freien Minute. Sie weiß, was Arbeit ist. Ihr wird nichts geschenkt. Aber sie weiß, wofür sie es tut: Klavierstunden fürs Musikstudium, zusätzlichen Geigenunterricht. Denn Myriam Geßendorfers Leidenschaft gilt immer der Musik. Auch wenn es inzwischen Berührungspunkte mit anderen Formaten gibt. Beispielsweise mit der bildenden Kunst.

Beim Satie-Ereignis "Vexations - Flexations", das 2019 in Puchheim stattfand, erarbeitete Myriam Geßendorfer mit ihrem Freund Lukas eine Klanginstallation. In Dauerschleifen wiederholte und überlagerte sich die Melodie, die Lautstärke mal anschwellend, mal nervig. Damals wurde anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Kulturzentrum Puc 20 Stunden Erik Satie aufgeführt - ohne Pausen. Dass Klassik nicht immer Harmonie bedeutet, polarisierte das Publikum.

Aufgewachsen ist Myriam nämlich in Eichenau, ganz nah an Puchheim. Schon als Kleinkind sang sie mit der Mutter beim Zubettgehen. Mit den drei Geschwistern und den Eltern wurde stets musiziert, Klassik vermittelt. Klassik hat Myriams Leben bestimmt, auch damals schon. Mit sechs Jahren rutschte sie an der Warteliste vorbei in den Geigenunterricht bei Simone Michielsen in Puchheim. Ein Glücksfall. Bis heute ist Myriam Geßendorfer dankbar und organisiert gern mit bei "Jugend musiziert"mit. Der persönliche Einsatz des Ehepaars Michielsen, die erste Orchestererfahrungen in ihrem Wohnzimmer vermittelten, hat Myriams Wunsch neben ihrer Liebe zur Geige auch den nach ehrenamtlicher Betreuung von Kindern und Jugendlichen befeuert. Kickklusion, Mobil Spiel e.V., Projekt Zeltschule, Arbeit im Café im Altersheim und ein wenig musikalischer Seelentrost für die Senioren sind als ihre Betätigungsfelder zu nennen.

Als Teenager dachte Myriam, sie hätte die zeitgenössischen Musikrichtungen verpasst. Heute müssen sich im Gegenzug ihre Zeitgenossen fragen, was sie alles verpassen, während Myriam Geßendorfer von klassischer Orchestervioline, feminisitischen Punkbands bis hin zu Detlev Glanert eine Spannbreite bietet. Eine junge Frau, die nicht nur musikalisch zukunftsweisend agiert, sondern Kultur völlig demokratisch an alle verteilt. So geht "Kultur von unten". Das sollte einen Tassilo-Preis wert sein.

© SZ vom 17.05.2021
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