Süddeutsche Zeitung

Felicia Brembeck:Weit mehr als nur bezaubernd

Felicia Brembeck gehört zu den besten Poetry-Slammerinnen Deutschlands. Bis zu 200 Mal steht sie pro Jahr auf der Bühne, neben dem Studium. Aktuell plant die 22-Jährige eine Internet-Plattform für junge Künstlerinnen - und denkt über ihr zweites Buch nach.

Atmen. Stoß. Schmerz. Lange hat sie nach diesen drei Worten gesucht. Irgendwann waren sie aufgespürt. Atem. Stoß. Schmerz. Rhythmisch, hart, kraftvoll. So beginnt Felicia Brembecks Text über eine Vergewaltigung nach einer Party und über die Abtreibung danach. "Größter Fehler meines Lebens" brachte Fee, so nennt sie sich auf der Bühne, den Sieg beim deutschsprachigen U20-Poetry-Slam in Kiel. Das war 2013, Fee gerade einmal 18 Jahre alt und unbekannt.

Danach ging es ganz schnell: Zwischen 150 und 200 Auftritten im Jahr hat sie mittlerweile auf Deutschlands Kleinkunst- und Kellerbühnen. Aber sie vergisst dabei nicht, sich ab und zu auch im Landkreis blicken zu lassen - bei den Kulturtagen oder zum Ostergottesdienst in der Eichenauer Friedenskirche. Ihr erstes Buch ist vergangenes Jahr erschienen. Das zweite wabert zumindest als Idee im Kopf herum. Sie leitet Seminare für kreatives Schreiben an Schulen. Im kommenden Jahr steht dann auch noch ihr Lehramtsexamen in evangelischer Theologie und Germanistik in München an. Und dazwischen - "viel zu wenig Schlaf", sagt Fee. Zweifelsfrei zählt die 22-jährige Eichenauerin zur poetischen Wortakrobaten-Elite. Und zweifelsfrei hat sie sich dafür die Nominierung für den Tassilo-Preis der Süddeutschen Zeitung verdient.

Woher dieser Drang komme, all das mit Sprache einzufangen, was um sie herum geschehe - Fee hat keine Ahnung. Sicher weiß sie nur, dass sie schon als Kind damit anfing. Sie war acht, als sie ihre "große Reimphase" hatte. Ihr Vorbild: Joseph von Eichendorff. Beim romantischen Lyriker schaut sie sich die Naturbeschreibungen und Reimschemata ab - will selbst eine kleine Eichendorff sein. Kaum hat sie das erzählt, muss Fee ein wenig über sich lachen: "Ich war schon ein komisches Mädchen, das komische Dinge gemacht hat."

Um ihre Augen zieht sich die Haut zu kleinen Fältchen zusammen. Später liest sie die Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger. Die jüdische Dichterin stirbt mit gerade einmal 18 Jahren in einem Zwangsarbeitslager. "Pubertät, unglückliche Liebe verflochten mit einer Todesahnung - ich war eigentlich viel zu jung dafür", sagt Fee. Mit einer Freundin spricht sie über das Gelesene, beide Mädchen schreiben eigene Gedichte, verbessern sich gegenseitig. "Jemanden zu haben, der auch Spaß daran hat, war ein ganz großes Glück", erzählt Fee. Die beiden lernten sich im Kinderchor der Bayerischen Staatsoper kennen.

Wahrscheinlich seien die Musik und das Theater schon viel früher da gewesen, als das Schreiben, überlegt Fee. Mit sieben steht sie das erste Mal auf der Bühne, als eines der Lebkuchenkinder in Engelbert Humperdincks "Hänsel und Gretel". Damals sei alles so selbstverständlich gewesen. "Ich kapier' erst heute, wie cool das alles war und wie privilegiert ich aufgewachsen bin." Bei jedem anderen würden solche Sätze wie ein rhetorischer Bescheidenheits-Gestus wirken. Bei Fee haben sie etwas Nonchalantes, etwas Spontanes.

Spontan sein, das muss man auch als Poetry-Slammerin. Die Reihenfolge der Auftritte an einem Abend wird meistens ausgelost. Danach rattert es in ihrem Kopf: Wie ist das Publikum drauf? Welcher Text? Den überironisierten über Heidi Klums Topmodels? Oder lieber "Pick me up" als Mutmacher? Witzige Texte vertragen mehr Schauspiel. Mit nachdenklichen mache man sich angreifbarer. Oft überlege sie bis zur letzten Sekunde. "Danach trägt mich nur noch der Applaus des Publikums auf die Bühne", erzählt Fee. Ihre Erfahrung von der Opernbühne und ein gesunder Drang zur Selbstdarstellung kämen ihr da schon sehr gelegen, sagt sie. Selbstdarstellung meint bei Fee nicht die des eigenen, sondern des lyrischen Ichs. Fee die Künstlerin, nicht die Fee auf einer Studentenparty in München.

Vor allem an negativer Kritik merke sie, dass Leute die beiden Fees oft miteinander vermischten. "Du hast doch keine Ahnung, wovon du sprichst", "Bist du schon mal vergewaltigt worden, oder was?" Teilweise sei es purer Hass gewesen, den man ihr nach ihrem Text bei den U20-Meisterschaften entgegenschleuderte. Heute trägt Fee den Text nicht mehr vor. Doch Unwohlsein erzeugen bei ihr vor allem kleinere, unterschwellige Bemerkungen. Sie haben weniger mit dem Publikum zu tun, als mit der Poetry-Slam-Szene selbst. Sie werde ganz klar von Männern dominiert - vom Veranstalter bis hin zu den Teilnehmern.

Oft beginne es schon bei Anmoderationen vor Auftritten. Der Mann sei der mit den herausragenden Texten, die Frau einfach nur bezaubernd. "Ich bin gern bezaubernd, aber ich habe ein Problem damit, darauf reduziert zu werden", sagt Fee und blickt zerknirscht drein. Nicht nur in ihren Texten möchte sie auf "etablierten Alltagssexismus" aufmerksam machen. Momentan bastelt sie mit anderen Slammerinnen an einer Website. "Slam Alphas" will ausschließlich junge Newcomerinnen vorstellen.

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Quelle:
SZ vom 21.05.2016
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