Süddeutsche Zeitung

SZ-Serie: Wer wohnt denn da?:Kurze Wege

Lesezeit: 4 min

Wenn Sebastian Melcher in die Arbeit muss, hat er es nicht weit. Seine Wohnung liegt im Gymnasium Olching, und das ist auch gut so für den Hausmeister. Seinen Alltag und seine Freizeit bestimmen die Unterrichtszeiten

Von Nadine Schrödl, Olching

Einen kürzeren Arbeitsweg als Sebastian Melcher haben wohl nur wenige. Außer vielleicht im Homeoffice. Denn der Hausmeister des Gymnasiums Olching wohnt auf dem Schulgelände, das gleichzeitig seine Arbeitsstätte ist. Über Garagen und Abstellräumen der Schule befindet sich die Vier-Zimmer-Wohnung, die er mit seiner Freundin, Hund und Katze bewohnt.

Läuft man auf das Gymnasium zu, fällt einem vielleicht am Rande des Schulgeländes ein hoher blickdichter Zaun auf. Nur die Schilder "Privatgrundstück - Betreten-Verboten!" und "Achtung vor dem Hund!" zeigen, dass dieser Teil nicht zum öffentlichen Schulbereich gehört. Verborgen vor den Blicken von Schülern und Lehrern befindet sich der Garten der Hausmeisterwohnung. Mit Blick von der Schule weg kann sich Melcher hier in seinem Garten zurückziehen. Er öffnet das große Tor, das in den Garten führt und gewährt einen Einblick. Inmitten des Gartens auf den Rasengitter-Platten steht noch eine Feuerschale mit der Asche vom vergangenem Abend.

Seit 2010 ist der gelernte Trocken- und Metallbauer als Hausmeister an der Schule. Zufällig habe er eine Anzeige gesehen und sich auf die Stelle beworben. "Das klang interessanter, als den ganzen Tag in der Werkstatt zu stehen", sagt Melcher. Mit dem Job ging damals der Umzug in das Schulgebäude verpflichtend einher. Bedenken habe er keine gehabt.

Vor dem Umzug hat Melcher bereits in Olching gewohnt, daher hat sich kaum etwas für ihn geändert. "Viele denken, dass dann jeden Tag dreißig Leute klingeln, wenn man in der Schule wohnt, aber so ist es nicht", sagt der 44-Jährige. Die Einzigen die bei ihm klingeln, seien Lehrer, die abends noch mal in die Schule wollen, wenn sie etwas vergessen haben. "Aber da mach ich nicht mehr auf. Der Aldi macht ja auch nicht nach Ladenschluss noch mal auf, nur weil man die Butter vergessen hat", sagt er.

Zu den Schülern habe er ein gutes Verhältnis und einige langjährige und engagierte Schüler kenne er auch beim Namen. Das "Betreten-Verboten"-Schild an seinem Einfahrtstor hängt daher auch nicht wegen den Schüler, sondern wegen des anliegenden Sportplatzes. Von dort flögen, erzählt er, immer mal wieder Bälle in seinen Garten.

Auf den ersten Blick ist die in das Schulgebäude integrierte Wohnung mit Garten nämlich nicht unbedingt als privater Wohnsitz zu erkennen. Denkt man daran in oder an einer Schule zu wohnen, kommt einem wahrscheinlich als erstes der Lärm während den Pausen und nach Schulschluss in den Sinn. Für Melcher ist das aber kein Problem, denn wenn es laut ist, ist er in der Arbeit und nach Feierabend ist die Schule zu und alle Kinder samt Lärm wieder zu Hause. Als Hausmeister fällt sein Urlaub außerdem immer auf die Ferien, auch da ist es sehr ruhig rund um seine Wohnung. Ein Problem mit der Lautstärke bereitet ihm nur der öffentliche Sportplatz der Mittelschule nebenan. Vor allem an den Wochenenden sei dort einiges los, sagt er.

Inzwischen hat man ihm angeboten umzuziehen, aber den kurzen Arbeitsweg möchte er nicht aufgeben. Besonders im Winter ist es ein Vorteil, nahe der Arbeit zu sein. "Ich brauche nur im Treppenhaus runterlaufen zum Bulldog, um Schnee zu räumen und zu streuen", sagt der Hausmeister. Melcher genießt es, keinen Arbeitsweg zu haben und sofort nach Feierabend wieder daheim zu sein. In seinem Ausbildungsberuf sähe das anders aus. In seinem Bauberuf wäre er durch ganz Bayern unterwegs gewesen und hätte lange Fahrtwege gehabt. "Das hätte ich mir auf Dauer nicht vorstellen können", sagt er. Wenn er in seinem derzeitigen Beruf um sieben Uhr anfangen muss, reicht es, um sechs Uhr aufzustehen.

Viele äußerten Bedenken, zu nah an dem Arbeitsplatz zu wohnen und so schlecht abschalten zu können. Für den Hausmeister stellt das kein Problem dar. "Wenn ich Feierabend habe, dann habe ich Feierabend", sagt er. Da störe es auch nicht die Schule im Blick zu haben. Ein Auge auf die Schule hat er aber trotzdem immer, so blieb auch ein Einbruch in das Gebäude eines Sonntags um fünf Uhr in der Früh von Melcher nicht lange unbemerkt. Die zwei Einbrecher, die ein Fenster aufgebrochen hatten und 80 Euro aus der Kaffeekasse zu stehlen versuchten, wurden dank Melcher sofort festgenommen.

Melcher sieht definitiv mehr Vorteile, direkt in der Schule zu wohnen. Auch die Aufteilung der 100-Quadratmeter-Wohnung gefällt ihm gut, "nur, das Gebäude ist nicht das Schönste", sagt er mit einem Blick auf den grauen Beton der Siebzigerjahre. Ein Nachteil, dort zu wohnen, sei, sagt Melcher, dass er umziehen müsste, wenn er dem Hausmeister-Beruf an der Schule nicht weiter nachgeht. "Deshalb plane ich, es bis zur Rente zu machen", sagt Melcher. Den fünfzig Jahre alten Bau handwerklich so gut es geht in Stand zu halten gehört zu seinen Hauptaufgaben. Besonders gut an der Hausmeistertätigkeit gefällt ihm die Vielseitigkeit. Die Arbeit wechselt sich ab, es gibt immer wieder was anderes zu tun. Auch die Schüler und Lehrkräfte wechseln über die Jahre immer wieder. "Da wird es nie langweilig", sagt Melcher. Vor allem im letzten Jahr fielen seine Aufgaben ein bisschen anders aus. Melcher musste die Schule Corona-konform herrichten. Desinfektionsmittelspender und Masken mussten besorgt sowie Abstandsregeln ausgehängt werden. Unterricht hat das vergangene Schuljahr zwar wenig stattgefunden, "aber auch wenn die Schule zu ist, der Hausmeister ist trotzdem da", sagt Melcher.

Eine seiner liebsten Arbeiten ist es, mit der Kehrmaschine über den Schulhof zu fahren. Natürlich gibt es auch Arbeiten, die nicht so schön sind. Wie ein verstopftes Klo zum Beispiel: "Aber das weiß man, bevor man Hausmeister wird."

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Quelle:
SZ vom 10.08.2021
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