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SZ-Serie: Start-up, Folge 7:Fünf Wochen Aufmerksamkeit

Die Stadt Puchheim plant im "Birkengarten" am S-Bahnhof den ersten Pop-up-Laden für Kreative. Von Oktober bis November sollen dort Start-ups oder Künstler für sich werben können. Und Pucheim hofft auf einen Imagegewinn für die Lochhauser Straße

Wo bleibt die Kreativität, wenn der Raum fehlt? Das hat sich die Autorin Beate Scheder vor gut vier Wochen in einem Artikel für die Welt gefragt. Ihre Erkenntnis, dass es immer weniger Ateliers für Künstler und Künstlergemeinschaften in Deutschland gibt, dass es immer schwieriger werde, überhaupt Räume zu finden, dies können auch Michaela Friedrich und Steffi Möllers bestätigen. Michaela Friedrich ist Künstlerin aus Gröbenzell und sucht einen Raum zum Arbeiten und Ausstellen, Steffi Möllers arbeitet in einem Atelier in ihrem Haus in Eichenau und veranstaltet dort Workshops für Erwachsene. Beide sind am Dienstag unabhängig voneinander nach Puchheim gekommen auf der Suche nach Gleichgesinnten und einer Immobilie, die sie sich leisten können. Sie sind zwei von derzeit sieben Interessenten für ein neues Projekt der Stadt Puchheim im "Birkengarten" am Bahnhof Puchheim. Dort will die Stadt mithilfe der Wirtschaftsförderung und der Start-up-Agentur von Dorien Meima-Schmid im Oktober einen Pop-up-Laden eröffnen und ihn Künstlern oder jungen Firmen gegen einen vergleichsweise geringen Beitrag für fünf Wochen zur Verfügung stellen.

Dorien Meima-Schmid kennt die Nöte von Start-up-Unternehmen, weiß um die Raumnot. Das sei nicht nur in München so, wo man den Leuten den Begriff Pop-up nicht mehr erklären müsse. Sondern auch auf dem Land sei es nicht leicht, dass sich Jungunternehmer, zum Beispiel aus der Kultur- und Kreativwirtschaft, und Künstler ansprechend präsentieren könnten. Die Leiterin der Agentur Startups And More aus München hat in den vergangenen Jahren vor allem im Oberland versucht, Kreativen mit Pop-up-Läden eine Möglichkeit zu verschaffen, sich und ihre Arbeiten zu zeigen. Zuletzt hat sie das in Planegg im Würmtal gemacht, davor auch in Miesbach, Geretsried und Bad Tölz. Und mit dem dortigen Wirtschaftsförderer hat sich indirekt die Verbindung zu Meima-Schmid und Puchheim ergeben.

Drei Etagen und 82 Quadratmeter hat der Laden im "Birkengarten", in dem die Stadt im Oktober einen Pop-up-Store einrichten lässt. Der Laden selbst steht seit längerem leer.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

In Puchheim ist Sonja Weinbuch zuständig für die Wirtschaftsförderung, und sie weiß genau, wie groß der Druck von Betrieben auf die Stadt ist. Gewerbegebiete könnte Puchheim möglicherweise noch viele ausweisen, sie wären wohl alle bald wieder belegt. Im Kontrast zu dem Boom stehen die hohe Fluktuation und der Leerstand im Einzelhandel. Insbesondere in der Lochhauser Straße und nahe dem Bahnhof werde deutlich, "dass die Ladenstruktur ungünstig" sei, wie es Puchheims Bürgermeister Norbert Seidl (SPD) ausdrückt. Insbesondere der 1981 errichtete Birkengarten direkt am S-Bahnhof ist für ihn ein Beispiel. In dem Gebäude, um das einst Birken standen, befinden sich etwa 20 Parteien. Ein Optikergeschäft ist derzeit geschlossen, ein daneben liegender Laden seit 15 Monaten leer, "alles ist nach hinten versetzte, es gibt keine Laufkundschaft und viele Treppen", beschreibt der Bürgermeister die Situation. Genau in diesem leerstehenden Laden will Seidl zusammen mit seiner Wirtschaftsförderin und der Agenturchefin etwas erreichen, das das Image in Bahnhofsnähe aufwertet, das "die Leute neugierig macht", wie Ellen Marx, die Immobilienbesitzerin sagt.

Der Ort, die Immobilie, ist ein Beispiel für Werden und Vergehen von Geschäftsideen. Früher gab es dort auch ein Lokal mit Biergarten, doch der Garten ist ein Stück schmutziger Asphalt samt mit Koniferen bepflanzten Waschbetonkübeln. Wenig einladend derzeit, aber Ellen Marx kann sich schon vorstellen, dass während der Öffnungszeit des Pop-up-Stores "mal etwas ausgeschenkt" wird. Den 82 Quadratmeter großen Laden, den die Stadt für die Aktion im Oktober benötigt, wird sie untervermieten. Denn auch wenn derzeit kein Mieter ihn nutzt, so läuft dennoch der Mietvertrag weiter. Die Dienstleistungsfirma, die dort als junges Unternehmen anfing, hatte nach der Darstellung von Marx keinen Erfolg und ging wieder ein. Miete bekommt sie derzeit nicht, Interessenten gebe es aber. Die Vermieterin kann sich vorstellen, wie sie am Dienstag sagte, dass nach dem Ende des Pop-up-Stores sich eine Firma oder eine Künstlergruppe findet, die dort länger bleiben möchte.

Dorien Meima-Schmid, Sonja Weinbuch und Norbert Seidl (von links) werben für den ersten Pop-up-Store in Puchheim, in dem Kreative im Oktober einen Laden einrichten können.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Der Versuch, den Birkengarten am Beginn der Puchheimer Haupteinkaufsstraße wieder zu beleben und jungen Firmen oder Künstlern die Gelegenheit zu einer "dreidimensionalen Inszenierung einer Marke" zu geben, kostet die Stadt 5000 Euro. Gefördert werde das Ganze von der Metropolregion München, worauf Dorien Meima-Schmid hinwies.

Die Zwischennutzung soll so Vermietern wie Kreativen nutzen. Meima-Schmid stellt sich vor, dass Workshops angeboten werden, außerdem werde es Beratungsstunden für die Start-up-Unternehmen durch ein Kultur- und Kreativteam aus München geben. Diejenigen, die von Meima-Schmidt und Weinbuch ausgewählt werden, bezahlen nur 100 Euro vor allem für die Öffentlichkeitsarbeit für fünf Wochen, können dort arbeiten, ausstellen und verkaufen. Offen sein soll von 5. Oktober bis 9. November Donnerstag bis Samstag jeweils von zehn bis 18 Uhr.

Ellen Marx, die die Entwicklung auf dem Puchheimer Immobilienmarkt seit 1968 miterlebt hat und überwiegend gewerblich genutzte Objekte vermietet, weiß um die Problematik des Birkengartens, ihr ist auch klar, dass so heute nicht mehr gebaut werden würde. Barrierefreiheit, zum Beispiel, sei damals kein Thema gewesen, viele Treppen erschwerten den Zugang, selbst in den Läden oder Praxen. Für junge Kreative dürfte das aber kein Hindernis darstellen, dass sie nicht überwinden könnten. Denn es gehe ja darum, möglichst schnell den eigenen Bekanntheitsgrad zu erhöhen, sagte Wirtschaftsförderin Sonja Weinbuch. Und ein paar Stufen, das weiß man in der Stadt, sind für die Puchheimer kein Grund, ein Event wie den ersten Pop-up-Store im Landkreis auszulassen.

Schon mal dekoriert hat die Eichenauer Künstlerin Steffi Möllers, die sich am Dienstag beworben hat.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Bewerbungen für die Teilnahme am Pop-up-Store richten Interessenten an Dorien Meima-Schmid (E-Mail: info@startupsandmore.de; Telefon 0160/112 98 42. Der Laden ist im Komplex Birkengarten an der Lochhauser Straße 4-6.