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SZ-Serie: Start-up, Folge 4:Stoff mit Zukunft

Christine Arlt und Ulrich Riedl haben ein Verfahren entwickelt, um aus Textilabfällen Kugelschreiber und Möbel zu machen und sogar Häuser zu bauen

Zwei Oktopusse aus Stoff sitzen auf dem Sims vor dem schmalen Fenster in einer Produktionshalle in Mittelstetten. Mit großen Augen blicken sie in die Halle voller riesiger Garnrollen, Kisten mit alten Kleidungsstücken und Nähmaschinen. Im Nebenraum findet sich jedoch kein Atelier voller Kleidungsstücke, Stoffresten oder Schnittmuster. Stattdessen ist es angefüllt mit: Kugelschreibern. Sie stapeln sich auf Tischen und Stühlen, so bunt wie das Garn in der Produktionshalle. Vor allem einer davon fällt ins Auge: Bei ihm geht der harte, feste Hohlkörper nahtlos in einen langen Schweif aus Stofffäden über. Es handelt sich dabei um kein Dekoelement. Tatsächlich ist das lange, biegsame Garn das Material, aus dem sämtliche Stifte im Raum gefertigt wurden. Feste, stabile Kugelschreiber, gefertigt aus weichem und biegsamen Stoff: Das ist die Geschäftsidee von Christine Arlt und Ulrich Riedel, Gründer des Start-up "Manaomea".

Manaomea

Das Team von "Manaomea": Tobias Aubele, Ulrich Riedel und Christine Arlt (von links) vor der Maschine, in der das Garn und die Stoffreste durch ein Pulltrusionsverfahren zu Stiften gearbeitet werden.

(Foto: Günther Reger)

Der Name komme aus dem Hawaiianischen, erzählt Arlt. Die 40-Jährige selbst kommt aber nicht von der Inseln im Pazifik, sondern aus Erlangen. Ihr 51-jähriger Lebenspartner Ulrich Riedel ist gebürtiger Braunschweiger. Der hawaiianische Name rücke das Wesen des Unternehmens aus, erklärt Arlt. "mana'o" bedeute so viel wie Geist oder Verstand. "mea" stehe für die Materie. Vom Geist zur Materie, von der Idee zum haptischen Produkt.

Die Fertigung des Stiftes, des "mea", basiert dabei auf physikalischen und chemischen Prozessen: Dabei wird das Garn in einem sogenannten Pulltrusionsverfahren ("Strangziehverfahren") durch eine Wanne mit eigens entwickeltem Bio-Harz gezogen und anschließend in Hitze gehärtet. Auf diese Weise entsteht ein fester Hohlkörper, in den anschließend die Mine eingeführt werden kann.

Manaomea

Die Fäden werden in Italien aus Konfektionsabfällen hergestellt.

(Foto: Günther Reger)

Ihr Material beziehen Arlt und Riedel aus Italien. Dort sammeln einige Textilunternehmen ihren Schnittabfall, trennen ihn nach Farben und verarbeiten ihn zu Garn. Einen Bruchteil davon erhalten Arlt und Riedel, es ist die Basis für die Manaomea-Kugelschreiber.

Je nach Wunsch können Kunden zusätzlich eigene Stoffe einarbeiten lassen. Auf diese Weise erhalte jeder Stift sein eigenes Design, erzähle seine eigene Geschichte, sagt Arlt. Der Versicherungskonzern Allianz, zum Beispiel, hatte für einen Auftrag Mitarbeiter aufgefordert, abgelegte blaue Kleider zu sammeln. "Es kam alles, von der Jeans bis zur Badehose."

Manaomea

Riesige bunte Garnrollen stapeln sich in den Regalen der Produktionshalle in Mittelstetten.

(Foto: Günther Reger)

Die Start-up-Gründer arbeiten hauptsächlich mit Unternehmen und Organisationen zusammen, die Produktion bewegt sich in der Regel zwischen 1000 und 5000 Stück pro Auftrag, auch Stückzahlen bis zu 100 000 sind möglich. Spätestens von Herbst an soll es aber auch eine erste eigene Kollektion für Privatleute geben, die Arlt und Riedel über Onlineshops und den Handel anbieten wollen.

So viel zum "mea", dem Produkt selbst. Doch was ist mit dem "mana'o", dem Geist hinter Manaomea? Denn die Kugelschreiber sollen den Menschen nicht nur dabei helfen, Gedanken, Notizen und Ideen zu Papier zu bringen. Sie sollen die Welt auch ein Stückchen besser, ein wenig nachhaltiger machen. Nicht umsonst werden die Stifte aus Konfektionsabfällen und abgelegter Kleidung gefertigt. Auch das Harz, das diese Fäden anschließend miteinander verbindet, besteht zu 95 Prozent aus den verschiedensten landwirtschaftlichen Abfällen. Die Maschinen betreiben Arlt und Riedel mit Ökostrom. Lediglich die Kugelschreiberminen bestehen noch aus Kunststoff. Manaomea soll dazu beitragen, "dieses natürliche System gesund wie artenreich am Leben zu erhalten", wie es auf der Webseite steht.

Manaomea

Bunte Fäden bilden die Grundlage für die Kugelschreiber von "Manaomea"

(Foto: Günther Reger)

Es war dieses Ideal, das Ulrich Riedel und Christine Arlt zur Gründung ihres Unternehmens bewegt hat. Beide führen einen Doktortitel vor ihrem Namen, beide arbeiteten ursprünglich in der Forschung im Bereich Luft- und Raumfahrttechnik. Doch diese Arbeit befriedigte Arlt auf Dauer nicht. Sie habe etwas Eigenes schaffen wollen. Etwas, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Dann war da dieses alte Patent ihres Freundes Uli. Ein Patent zur Herstellung von Stiften. "So ist diese Idee gereift." 2015 entstand schließlich der erste Bleistift aus Stoff. Zur Produktion nutzten sie eine Fertigungsanlage in der Nähe von Stuttgart. Auf Dauer war das jedoch keine Lösung: "Das tägliche Pendeln von München aus war belastend", sagt Arlt. Schließlich zogen sie und Riedel nach Olching. Dort lernten sie Tobias Aubele kennen, der mittlerweile bei Manaomea eingestiegen ist. Durch ihn erhielten sie nicht nur Unterstützung in der Produktion, er besaß auch einige Flächen in Mittelstetten. So kam die Anlage zu ihrem heutigen Platz.

Crowdfunding

Crowdfunding, heißt es auf der Seite www.junge-gruender.de, ist eine alternative Finanzierungsform, die vor allem gern von Startups, aber auch anderen Unternehmen, Künstlern und Privatpersonen genutzt wird. Die Finanzierung, das Funding, kommt nicht von einer Bank oder Sparkassen, sie kommt aus der Crowd, aus der Menge. Für spezielle Projekte oder ganze Firmengründungen stehen im Internet Plattformen zur Verfügung, über die eine Firma Menschen auf der ganzen Welt anzupumpen versucht. Hohe Renditen locken Privatinvestoren an und machen die Investition laut Junge Gründer hoch attraktiv. Allerdings gibt es für die Neugründungen auch Nachteile, so etwa der große zeitliche und organisatorische Aufwand oder die Kosten für ein gutes Kampagnen-Marketing.ecs

Seit Anfang des Jahres stellen Arlt und Riedel ihre Kugelschreiber auf Messen vor, zeigen sie dort Agenturen. Sind diese von der Idee begeistert, präsentieren sie die Kugelschreiber Unternehmen. "So läuft das in der Branche", erklärt Arlt. Einige Aufträge haben sie bereits bekommen. Der Weg dorthin war aber auch beschwerlich, erzählt Arlt. Vor allem die Finanzierung habe sich schwierig gestaltet. Zum Teil wurden sie gefördert, auch ein Crowdfunding haben sie organisiert. Mit dieser finanziellen Unterstützung konnten sie schließlich ihre ersten Produkte fertigen. "Es ist faszinierend. Manaomea kann Menschen begeistern. Und wir glauben an die Idee", sagt Arlt.

Arlt und Riedel planen, im kommenden halben Jahr ihr Sortiment zu erweitern und neben Kugelschreibern auch Möbel zu fertigen. Der gehärtete Stoff eigne sich dazu hervorragend, erklärt Arlt: "Unsere Stifte sind stabiler als Holz." Mit diesem Schritt erfüllen sich Arlt und Riedel einen Traum: Schon immer wollten sie weltweit Möbel und Häuser aus Abfall bauen. Die Stifte seien dafür ein wundervoller Botschafter, so Arlt.

Und jeder von ihnen trägt ein Zeichen, eine Reihe von geschwungenen, in sich verschlungenen Linien: Das Emblem von Manaomea. Es stelle die Bewegungen und Energien des Unternehmens dar, erklärt Arlt. Bewegungen und Energien, die auch denen eines Oktopusses entsprechen. "Ein sehr zartes Wesen, das seinen eigenen Rhythmus hat", sagt Arlt.