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SZ-Serie: Polit-Paare, Folge 6:Debatten am Küchentisch

Katrin und Emanuel Staffler sind das Power-Paar der CSU. Sie ist Bundestagsabgeordnete, er Bürgermeister von Türkenfeld, gemeinsam sitzen sie im Kreistag. Zueinander gefunden haben sie - na, wie wohl? - über die Politik

Von Heike A. Batzer, Türkenfeld

Das gelbe Kleid. Bei ihrer Rede im Bundestag hat sie es getragen, als sie süffisant ein Taschentuch in Richtung der AfD-Abgeordneten geschwenkt hat, auf dass diese ihre Krokodilstränen trocknen mögen. Das gelbe Kleid trägt sie gern und immer öfter in diesem Sommer. Es hat jetzt Wiedererkennungswert. Am Vormittag, als Katrin Staffler ihrem Wahlkreisbüro in Dachau einen Besuch abstattet, wird sie von einer Frau angesprochen. Sind Sie nicht...? Der Frau war die gelbe Robe in Erinnerung geblieben. Es entspinnt sich ein angenehmes Gespräch zwischen Bürgerin und Bundestagsabgeordneter. "Das ist das Schöne an diesem Job, dass wir hautnahe Rückmeldung kriegen", sagt Katrin Staffler. "Diese Rückmeldungen sind für unsere Arbeit extrem wichtig." Man müsse den Bürgern die Möglichkeit geben, auch ansprechbar zu sein, um die Stimmung für die Themen einzufangen.

All das ist in Zeiten von Corona nur eingeschränkt möglich. Katrin Staffler nutzt die Sommerpause, die der Bundestag noch bis 1. September einlegt, unter anderem für Besuche in ihren Wahlkreisbüros in Fürstenfeldbruck und Dachau. Und auch, um ein paar Wochen zu genießen, in denen sie nicht regelmäßig nach Berlin pendeln muss, sondern in Türkenfeld bleiben kann. Dort wohnt die 38-Jährige mit Ehemann Emanuel Staffler, 35, der seit Mai Bürgermeister der 3700-Einwohner-Gemeinde ist. Gemeinsam sitzen sie an diesem Nachmittag im Bürgermeisterbüro des pittoresken Türkenfelder Rathauses, das einmal ein Schloss war, und erzählen davon, wie es ist, Seite an Seite Politik zu machen.

Sie sind das Power-Paar der Politik im Landkreis. Schon in jungen Jahren sind beide in herausgehobenen Positionen angekommen. Gemeinsam sitzen sie für die CSU im Kreistag von Fürstenfeldbruck. Mitten im Bundestagswahlkampf 2017 hatten sie geheiratet und Katrin Mair ihren Namen geändert. Dem Ausgang der Wahl tat dies keinen Abbruch: Als Katrin Staffler wurde sie im September 2017 in den Bundestag gewählt - als Nachfolgerin von Gerda Hasselfeldt, die ihren Platz nach 30 Jahren frei machte. Zuvor hatte Staffler sich CSU-intern gegen drei Männer in ihrem Wahlkreis durchgesetzt.

Schon der Wahlkampf drei Jahre zuvor hatte ihrem Leben eine entscheidende Wendung gegeben. Damals, vor den Kommunalwahlen 2014, ergab es sich, dass Katrin Mair und Emanuel Staffler häufiger für die Partei zusammenkamen. Daraus entwickelte sich privat eine Liebesgeschichte - und gemeinsame politische Arbeit. Beide wurden 2014 in den Fürstenfeldbrucker Kreistag gewählt. Kommunalpolitische Erfahrung brachten sie aus ihren Gemeinden mit. Katrin Staffler saß von 2008 bis 2014 im Gemeinderat von Gröbenzell, Emanuel Staffler seit 2008 im Gemeinderat von Türkenfeld. Der CSU-Kreistagsfraktion gehören beide seit März erneut an, Emanuel Staffler ist dort Fraktionsvorsitzender.

Gemeinsam Politik machen Katrin und Emanuel Staffler, hier vor dem Rathaus in Türkenfeld.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Einander gegenseitig politisieren, das mussten die beiden nicht. Schon früh waren aus ihnen politische Menschen geworden. Die Oma hatte bei Emanuel Staffler entscheidenden Anteil daran. "Eine blitzgescheite Frau" sei die Mutter seines Vaters gewesen, Kirche und Politik hätten bei ihr einen hohen Stellenwert gehabt, erzählt er. Und so hat der junge Emanuel häufig mit der Oma über Politik geredet, aber sich noch viel mehr in seinem Heimatort engagiert. "Eine klassische bayerische Karriere" habe er gemacht, sagt er, lacht und zählt auf: Ministrant, Oberministrant, Pfarrgemeinderat, Musikverein, mit 21 Jahren dann der Einzug in den Türkenfelder Gemeinderat.

Katrin Stafflers Interesse an Politik wurde in der Schule geweckt. Am Gymnasium Dachau war das, und entscheidenden Anteil hatte eine Sozialkundelehrerin. In einer Gruppenarbeit sollte sich die Zwölftklässlerin mit dem Grundsatzprogramm der SPD auseinandersetzen, dabei stellte sie fest, "dass das gar nicht so richtig gepasst hat". Doch das politische Feuer war entfacht. Lehrerin und damalige Schülerin treffen sich noch heute, einmal im Jahr komme die Pädagogin mit einer Schulklasse nach Berlin, erzählt die Abgeordnete.

Wenn Politik der Lebensinhalt eines Paares ist, wie viele Debatten werden da am Küchentisch geführt? Es sei nicht so, dass man schon beim Frühstück über Politik rede, beruhigt Katrin Staffler, die studierte Biochemikerin, die früher als Pressesprecherin einer Bank gearbeitet hatte: "Zum Glück gibt es auch viele andere Themen." Aber wie andere Menschen auch erzähle jeder abends daheim von seinem Arbeitstag. Und in beider spezieller Konstellation sei "unglaublich viel Grundverständnis dafür da, was der andere tut", ergänzt ihr Ehemann.

Zurzeit haben die Stafflers ein bisschen mehr Zeit für sich selbst und für sich als Paar. Im Laufe der Zeit haben sie das gemeinsame Kochen als Hobby entdeckt. Der Bürgermeister, der früher noch "vor dem gefüllten Kühlschrank verhungert wäre", wie seine Ehefrau lachend erzählt, tut sich bei den Hauptspeisen hervor, während sich seine Frau mehr um Nachspeisen und Gebäck kümmert. Und obwohl sich Emanuel Staffler selbst als unsportlich bezeichnet, geht er mit seiner Frau immer häufiger auf Radtour.

CSU

Beim Anstoßenmit Landrat Thomas Karmasin, als die CSU diesen im Vorjahr erneut nominierte.

(Foto: Günther Reger)

Seit einigen Monaten ist er jetzt Bürgermeister. Stellvertreter seines Vorgängers Pius Keller war er schon gewesen, bei den Kommunalwahlen im März wurde er als einziger Kandidat mit 88 Prozent der Stimmen gewählt. Seine Tätigkeit bei einer großen Münchner Bank, in der er für IT-Themen zuständig ist, übt der gelernte Bankkaufmann weiterhin aus, weil das Bürgermeisteramt in der Gemeinde Türkenfeld ein Ehrenamt ist. Die Arbeitszeiten kann er flexibel gestalten, auch weil es die neuen, in Corona-Zeiten eingeführten Möglichkeiten über Videokonferenzen möglich machen. Sowohl im Kreisverband der CSU, dessen Vorsitz Katrin Staffler vor einem Jahr von Landrat Thomas Karmasin übernommen hat, als auch in der CSU-Kreistagsfraktion kommt man neuerdings über den Bildschirm zusammen. "Ich bin überrascht, wie gut es funktioniert", sagt der Fraktionsvorsitzende. "Die Parteiarbeit ist dadurch um eine Facette reicher geworden." Viele Familien hätten bessere Möglichkeiten sich einzubringen, wenn abends ihre persönliche Anwesenheit nicht notwendig sei, sagt Katrin Staffler. Ist das CSU-Ehepaar denn politisch immer einer Meinung? "In Sachfragen nicht immer", sagt Emanuel Staffler, fügt aber an, dass es bei "vielen politischen Themen kein Richtig oder Falsch" gebe und ein Kompromiss nicht immer eine Niederlage sei. Katrin Staffler schaut ihren Ehemann an und sagt dann: Sie könne sich nicht an einen politischen Dissens erinnern, bei dem man "sich nicht zum Schluss stark angenähert" habe.

Die Kreispolitik ist das Feld, das sie gemeinsam beackern. Der Kreistag, findet Emanuel Staffler, sei ein "total unterschätztes Bindeglied" zwischen den politischen Ebenen und zuständig für so wichtige Themen wie weiterführende Schulen, Krankenhaus, Wertstoffhöfe, Rettungsstrukturen, ÖPNV. Emanuel Staffler muss als Sprecher seiner Fraktion häufiger das Wort führen, das tut er als Schnellredner in beachtlicher Geschwindigkeit. Katrin Staffler äußert sich im Kreistag kaum. Seit das 70-köpfige Gremium der Abstandsregeln wegen für seine Sitzungen in Brucks kleine Realschulturnhalle umziehen musste, gilt ein neuer Sitzplan. Emanuel Staffler hat seinen Platz ganz vorne in der ersten, seine Frau hinten in der letzten Reihe. Das freilich hat seinen Grund schlicht in der Tatsache, dass die Fraktionssprecher vorne sitzen und die übrigen Kreistagsmitglieder nach Alphabet gereiht wurden. Und die vormalige Katrin Mair findet sich nun unter dem Buchstaben S.

Bisher erschienen: Peter und Hannelore Münster, Eichenau (8./9 August), Familie Off-Nesselhauf, Germering (14./15./16. August), Erwin und Markus Fraunhofer, Jesenwang (18. August), Barbara Lackermeier und Gerhard Jilka, Schöngeising (22./23. August), Wolfgang und Sandra Andre, Germering (25. August)

© SZ vom 29.08.2020
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