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SZ-Serie: Polit-Paare, Folge 10:Über den Biohof zu den Grünen

GERMERING:  Die Familie Dürr im Porträt

Agnes Dürr, Angelika Kropp-Dürr und Sepp Dürr auf dem Hof, auf dem alles begann. Der politische Diskurs liegt in der Familie, untereinander, mit Freunden und Andersdenkenden.

(Foto: Leonhard Simon)

Die Geschwister Agnes und Sepp Dürr aus Germering betreiben seit den Achtzigerjahren ökologische Landwirtschaft. Das ist der Beginn eines politischen Engagements, das auch Ehefrau Angelika Kropp-Dürr teilt

Von Andreas Ostermeier, Germering

Drei Dürrs sitzen im Stadtrat von Germering. Sepp Dürr ist nach etlichen Jahren in der Landespolitik wieder zurückgekehrt ins kommunale Gremium, seine Schwester Agnes Dürr führt die Fraktion und auch Ehefrau Angelika Kropp-Dürr engagiert sich schon mehrere Jahre in der Kommunalpolitik. Jedes dritte Grünen-Mandat hat ein Mitglied der Familie inne. Es scheint, als ob die Dürrs der Kern der Grünen in Germering seien. Doch das ist gar nicht so. Zu Beginn der Achtzigerjahre war Sepp Dürr überhaupt noch kein Grüner, die politischen Ökologen hielt er wegen Forderungen wie der nach einer atomwaffenfreien Zone Germering eher für Spinner, wie er sagt.

Sepp und Agnes Dürr sind denn auch nicht zu den Grünen gekommen, die Grünen kamen zu ihnen. So erzählt es Sepp Dürr. Zustande kam der Kontakt, weil die beiden Geschwister aus der familiären Landwirtschaft einen Biohof gemacht haben. Sie gehörten Mitte der Achtzigerjahre zu den ersten Biobauern in Germering und im Landkreis. Deshalb knüpften Vertreter des Ortsverbands der jungen Partei Bande zu den Dürrs. Einer der ersten beiden Grünen-Gemeinderäte, Norbert Themar, half bei der Kartoffelernte. Als Kind und Jugendlicher war ein Bauernhof sein zweites Zuhause gewesen. Nun habe er auf dem Hof der Dürrs die Arbeit eines ökologisch wirtschaftenden Bauers kennenlernen wollen, erzählt Sepp Dürr.

Den Grünen aus der bürgerlichen Mittelschicht misstraute der Germeringer Bauernsohn zunächst. Dabei hatte er selbst deren Weg zum sozialen Aufstieg und in die Akademisierung nachvollzogen. Dürr wollte nicht Bauer werden. Er studierte deutsche und italienische Literatur, promovierte und konnte sich ein Leben als Lehrer vorstellen. Dem Hof der Eltern habe er damals wenig Überlebenschancen gegeben, sagt er, denn der sei zu klein gewesen, um unter den Regeln der Konzentration der Produktion und dem Wachstumszwang bestehen zu können. In der Umstellung auf eine ökologische Produktion sah Dürr aber einen Ausweg.

Unterstützt wurde der heute 66-Jährige von Anfang an von seiner fünf Jahre jüngeren Schwester Agnes. Die lernte an der Landwirtschaftsschule, hatte es als Frau dort anfangs jedoch nicht leicht. Anfang der Achtzigerjahre sei der Platz von Frauen nicht auf dem Feld, sondern in der Küche und im Haus gesehen worden, sagt Agnes Dürr. Sie wollte aber nicht Hauswirtschaft lernen, sondern Landwirtschaft. "Die Agnes wollte schon immer Bäuerin werden", ergänzt Sepp Dürr - und seine Schwester widerspricht nicht. Den Segen der Eltern bekamen beide, denn die waren nach Aussage der Geschwister froh, dass der Hof weitergeführt wurde. 1984 eröffneten die Geschwister einen Hofladen und verkauften Milch sowie die ohne Spritzmittel angebauten Produkte.

Allein von deren Verkauf musste die Familie aber nicht leben. Sepp Dürrs Frau Angelika Kropp-Dürr verdiente 40 Jahre lang Geld bei der Lufthansa, erst als Flugbegleiterin in der Luft, dann am Boden bei der technischen Flugzeugabfertigung. Die 66-Jährige stammt aus einer Arztfamilie. Zunächst arbeitete sie in einer Apotheke, wechselte aber bald zu der Fluggesellschaft. Dort erlebte sie Ähnliches wie ihre Schwägerin. Der technische Bereich bei der Lufthansa sei eine Männerdomäne gewesen, sagt sie. Da habe sie sich anhören dürfen, sie solle lieber zu Hause bei den Kindern bleiben. Doch das wollte sie nicht, und das brauchte sie auch nicht, denn die drei Kinder hatten in der Großfamilie auf dem Hof immer jemanden, der sich um sie kümmern konnte. Angelika Kropp-Dürr kümmerte sich statt dessen während der Arbeitszeit um ihre Kolleginnen und Kollegen. Als Gewerkschafterin vertrat sie deren Anliegen im Betriebsrat der Lufthansa. Für ihre politische Arbeit habe sie in diesem Gremium viel gelernt, erzählt die Kommunalpolitikerin.

Kommunalpolitiker war zunächst auch Sepp Dürr. Über die Liste der Grünen gelangte er 1990 in den Germeringer Gemeinderat (zur Stadt erhoben wurde Germering erst 1991). Mitglied der Partei war er damals noch nicht. Als Begründung nennt er seine damalige Einstellung: "Es reicht, wenn ich meinen eigenen Schmarrn verteidigen muss." Aufsehen erregte er im Wahlkampf, als er sich für nitratfreies Trinkwasser einsetzte. Das Germeringer Wasser war damals nicht mehr für Babynahrung geeignet. Dürr wollte das ändern. Erst habe es geheißen, ein Abbau des Nitrats im Wasser sei nicht möglich, erinnert er sich. Als Werkreferent des Stadtrats habe er dann Gespräche mit Vertretern der Stadtwerke geführt und Vorschläge gemacht - und dann seien Veränderungen doch möglich gewesen, erzählt er. Im Werkausschuss des Stadtrats sitzt er jetzt wieder, und der - inzwischen sehr gute - Zustand des Germeringer Wassers interessiert ihn noch immer.

1998 wurde Sepp Dürr erstmals in den bayerischen Landtag gewählt. Mitglied der Grünen war er zu dieser Zeit bereits, wenn auch noch nicht lange. Erst 1997 hatte er den Weg in die Partei gefunden. Im Landtag machte der Germeringer rasch Karriere, im Jahr 2000 wurde er einer der beiden Fraktionsvorsitzenden und blieb es bis 2008. Aus der Kommunalpolitik in Germering verabschiedete er sich damals, die Arbeit im Maximilianeum habe ihn ausgelastet, sagt er. 20 Jahre mischte Dürr in der Landespolitik mit, bei der Wahl 2018 kandidierte er nicht mehr.

Zu Hause in Germering verdienten sich Schwester Agnes Dürr, sie wurde 2008 in den Stadtrat gewählt, und Ehefrau Angelika Kropp-Dürr, sie rückte Ende 2011 für Stadträtin Sibylle Nottebohm nach, ihre ersten kommunalpolitischen Sporen. Sie fochten gegen die Planung großer Neubaugebiete und die Ansiedlung eines Briefzentrums der Deutschen Post. Agnes Dürr ließ sich vom Ortsverband einspannen, kandidierte für das Amt des Oberbürgermeisters. In der kleinen Fraktion - bis zur Wahl im Frühjahr hatten die Grünen lediglich fünf von 40 Mandaten - sei das viel Arbeit gewesen, sagt Agnes Dürr. Umso mehr freut sie sich immer noch über das hervorragende Ergebnis vom März. Die Grünen konnten die Zahl ihrer Sitze von fünf auf neun fast verdoppeln. Nun habe die Fraktion Luft, auch einmal selbst Akzente zu setzen, anstatt den Ereignissen hinterherzulaufen, sagt die Fraktionssprecherin. Und sie hat ihren Bruder an der Seite wie bei der Bewirtschaftung des kleinen Hofs, den beide noch immer ökologisch führen.

Bisher erschienen: Peter und Hannelore Münster, Eichenau (8./9 August), Familie Off-Nesselhauf, Germering (14./15./16. August), Erwin und Markus Fraunhofer, Jesenwang (18. August), Barbara Lackermeier und Gerhard Jilka, Schöngeising (22./23. August), Wolfgang und Sandra Andre, Germering (25. August), Katrin und Emanuel Staffler (29./30. August), Gisella Gigliotti und Manfred Sengl (1. September), Michael und Valentin Schanderl (5./6. September), Michael und Johannes Bals (8. September)

© SZ vom 12.09.2020

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