SZ-Serie "Künstlerwerkstätten", Folge 1:Funkenschlag und Donnerhall

Lesezeit: 4 min

In der Bildhauerwerkstatt in der Alten Schmiede arbeiten Künstler mit Metall, Holz und Keramik. Angeboten werden auch Workshops, die für jeden Interessierten offen sind

Von  Julia Bergmann

Völlig nonchalant steht Hansjürgen Vogel mit dem Schweißgerät in der Hand inmitten der Bildhauerwerkstatt des Haus 10. Während er die Spitze seiner geschwungenen Metallskulptur bearbeitet, sprühen um ihn herum die Funken. "Stahl ist mein Beruf", sagt der Leiter der Abteilung Metallbildhauerei. Vogel ist gelernter Maschinenbaumeister. Metalle als Rohstoff sind ihm also schon vertraut, als er in den Achtzigerjahren anfängt, sich mit der bildenden Kunst im Allgemeinen und der Metallbildhauerei im Besonderen zu beschäftigen.

SZ-Serie "Künstlerwerkstätten", Folge 1: Ein Drittel werkeln und zwei Drittel schauen - das ist Hansjürgen Vogels Art zu arbeiten.

Ein Drittel werkeln und zwei Drittel schauen - das ist Hansjürgen Vogels Art zu arbeiten.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Vogel schaut sich in der Werkstatt in der Alten Schmiede um. Die Werkstatt bietet alles, was für die Arbeit mit Metall wichtig ist. Schweißgerät, Schere, Säge, Plasmaschneider, Portalkran und ausreichend Platz zu arbeiten. Über den Raum verteilt stehen einige seiner Kunstwerke. Auf einem kleinen Sockel etwa spannt sich eine Art Segel aus bearbeitetem, rot lackiertem Metall in die Höhe, davor auf einem schmalen Podest ein Torso mit gekröntem Kopf. Auf der Werkbank ein kleines Einzelteil: ein gegossener Zentaur, in der Mitte des Raums eine meterhohe, lang gezogene und geschwungene Pyramide. Wie viel Arbeit in so einer Skulptur steckt, ist schwer zu sagen. Allein schon, weil es darauf ankommt, wie man "Arbeit" definiert. Wenn Vogel eine neue Skulptur erschafft, geht er streckenweise zügig vor, dann wieder legt er lange Pausen ein. "Ich würde sagen, ein Drittel sägen, zwei Drittel schauen. Das ist meine Art", sagt er.

SZ-Serie "Künstlerwerkstätten", Folge 1: Hilde Seyboth leitet die Kurse in Holzbildhauerei. Jeden Mittwoch trifft sich die offene Gruppe unter ihrer Leitung in der Bildhauerwerkstatt.

Hilde Seyboth leitet die Kurse in Holzbildhauerei. Jeden Mittwoch trifft sich die offene Gruppe unter ihrer Leitung in der Bildhauerwerkstatt.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Ähnliches gilt auch für die Holzbildhauer, die im Raum nebenan einige Tage später an ihren Skulpturen feilen. Jeden Mittwoch von 18.30 bis 20.30 Uhr trifft sich die offene Gruppe unter Leitung von Hilde Seyboth in der Bildhauerwerkstatt. Seit einigen Jahren kommt auch Isabella Wolf hier her. Wolf steht vor ihrer Arbeit, einem relativ kleinen Stück Holz, aus dem ein Pinguin werden soll. Wolf schlägt mit dem großen Holzklüpfel auf das Schnitzeisen. "Es geht wie durch Butter", sagt sie. Ein angenehmes Arbeiten. Immer wieder hält Wolf inne, tritt einen Schritt zurück und schaut. Ihr Blick wandert von einer kleinen Pinguinkeramik, die sie sich als Vorlage angefertigt hat, zu ihrem Holzblock.

SZ-Serie "Künstlerwerkstätten", Folge 1: In der Bildhauerwerkstatt in der Alten Schmiede stehen einige Arbeiten von Hansjürgen Vogel, manche vollendet, andere warten noch auf ihre Fertigstellung.

In der Bildhauerwerkstatt in der Alten Schmiede stehen einige Arbeiten von Hansjürgen Vogel, manche vollendet, andere warten noch auf ihre Fertigstellung.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Das Betrachten ist auch für sie ein wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit. Nicht nur um das Geschaffene auf sich wirken zu lassen und festzustellen, wo noch nachgearbeitet werden muss. Sondern vor allem deshalb, weil bei den "abtragenden" Techniken, zu der neben der Holz- etwa auch die Steinbildhauerei gehört, ein Schnitzer zu viel nicht so einfach korrigiert werden kann. Was einmal weg ist, ist weg. Wobei auch die auftragenden Techniken, wie das Arbeiten mit Keramik, ein gutes Auge und ausgeprägtes räumliches Denkvermögen vom Künstler verlangen.

SZ-Serie "Künstlerwerkstätten", Folge 1: Die Künstlerin gibt gerne ihre reichhaltigen Erfahrungen an die Teilnehmer weiter: "Man muss immer sehen, was bietet einem das Holz an", lautet so ein wichtiger Lehrsatz für das künstlerische Bearbeiten des Materials.

Die Künstlerin gibt gerne ihre reichhaltigen Erfahrungen an die Teilnehmer weiter: "Man muss immer sehen, was bietet einem das Holz an", lautet so ein wichtiger Lehrsatz für das künstlerische Bearbeiten des Materials.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Um den Pinguin mit seinem in die Höhe gestreckten Schnabel aus dem Holz befreien zu können, beginnt Wolf am höchsten Punkt der Skulptur mit dem Abtragen. "Das war ein Tipp von Hilde", sagt sie. Das Einhalten der Proportionen fällt so im Verlauf der Arbeit leichter. Hilde Seyboth, die für den Bereich Holzbildhauerei zuständig ist, hat ihre Liebe zu Plastiken und Skulpturen in ihrer Jugend entdeckt. In ihrer Heimat in Vornbach am Inn gab es einen Bildhauer, dessen Arbeit sie fasziniert hat. Seyboth begann kleine Skulpturen, Menschen aus Wachs, zu formen. "Etwa mit 20 habe ich mich an der Akademie beworben", sagt Seyboth. Ihre Wachsfiguren haben ihr schließlich einen der begehrten Studienplätze dort eingebracht. "Es war eine ganz neue Welt für mich", sagt sie. Eine Welt, die fortan ihre Heimat werden sollte.

Mietangebot für Künstler aus ganz Bayern

Kulturwerkstatt Haus 10 - dieser Name ist im Landkreis und darüberhinaus fest mit Kunst und Kultur verbunden. Das war nicht immer so. Denn ursprünglich war "Haus 10" die schlichte Bezeichnung für ein Wirtschaftsgebäude auf dem Klosterareal. Bis dort das heutige Künstlerhaus gegründet wurde, war es ein langer Weg. Ursprünglich hatte die Stadt auf dem Gelände eine neue Stadthalle bauen wollen. Deswegen hatte man das Grundstück 1979 gekauft, doch das Vorhaben hatte sich zerschlagen. Die jahrelangen Bestrebungen, die teils brachliegenden Gebäudeteile des Klosters mit Kunst und Kultur zu füllen, fruchteten schließlich 1991. Gemeinsam hatten es der Verein IG Kultur und die Künstlervereinigung Fürstenfeldbruck geschafft. Am22. Februar 1991 wurden die von den Vereinen renovierten Räume mit einer Ausstellung eingeweiht. Die Kulturwerkstatt HAUS 10 war geboren.

Angegliedert an das Ausstellungsgebäude sind seit 1993 auch Werkstätten. Insgesamt gibt es heute drei davon: Druck-, Bildhauer und Malwerkstatt. In diesen werden nicht nur Kurse und offene Arbeitsgruppen angeboten, sie stehen auch für alle in Bayern lebenden Künstler oder Kunstinteressierten zur Miete offen. Mit der Einrichtung der Werkstätten durch das Kultusministerium wurde das Haus 10 im Jahr 1993 auch in die Reihe der Bayerischen Künstlerhäuser aufgenommen. Diese zeichnen sich durch eine Kombination aus Ausstellungsräumen und Künstlerwerkstätten aus. Ursprünglich waren alle Werkstätten im Gebäudekomplex auf dem Klosterareal untergebracht, aus Platzgründen mussten diese aber nach einigen Jahren umziehen. Seit 2010 ist die Bildhauerwerkstatt im Erdgeschoss der benachbarten Alten Schmiede untergebracht. 2013 zog die Malwerkstatt ins Obergeschoss des Gebäudes. Heute ist die Kulturwerkstatt Haus 10 vor allem für seine hochkarätigen Ausstellungen bekannt, die angegliederten Werkstätten hingegen kennt nicht jeder. In dieser Serie werden diese vorgestellt. Berj

Zu Beginn ihrer Laufbahn arbeitete die Künstlerin bevorzugt mit weichen Werkstoffen wie Wachs, Ton und Keramik, Erst später sei sie dann zum Holz übergegangen. Schließlich habe sie auch begonnen mit der Kettensäge zu arbeiten. Ihre Expertise, Tipps und die Kniffe, die sie sich in den vergangenen Jahren angeeignet hat, gibt Seyboth gerne an die Gruppenteilnehmer weiter.

Eine davon ist Karola Held. Sie kommt seit acht Jahren in die Bildhauerwerkstatt. Sie fasziniert vor allem die Vielfalt ihres Werkstoffes. Aktuell arbeitet Held an einer Skulptur aus Kirschholz. Daraus soll ein Torso entstehen - auf der einen Seite ist er männlich, auf der anderen weiblich. "Man muss immer sehen, was bietet einem das Holz an", sagt sie. Die Form des Stammes, die Maserung, der Härtegrad und die Färbung des Holzes spielen dabei ein große Rolle.

Bestes Beispiel dafür ist der Hase, den Held gemacht hat. Die Maserung des Holzes folgt der Form des Körpers und der Ohren. Dort wo die Astlöcher liegen, sitzen nun die Augen des Tiers und sein Schwanz. "Wenn ich ein Holz habe, das sehr mit mir spricht, kann ich es nicht in jede Form pressen", findet Held. Je nachdem wie Hart das Holz ist, sieht nach der Bearbeitung auch seine Oberfläche aus. Härtere Sorten wirken glätter, während man bei weicheren, noch gut, die Spuren sieht, die das Schnitzeisen hinterlassen hat.

In der Bildhauerwerkstatt wird neben Holz und Metall auch Ton verarbeitet. Regelmäßig finden dort unter Leitung von Hansjürgen Vogel mehrtägige Keramik-Workshops statt. Wie auch für die anderen Kurse und Gruppenangebote der Werkstätten des Haus 10 gilt hier: Mitmachen darf jeder. Nur eine Bedingung stellt Vogel: "Es darf niemand Tellerchen oder Aschenbecher machen."

Während Isabella Wolf in der Holzbildhauer Werkstatt noch immer mit dröhnenden Schlägen ihren Holzblock in Form bringt, steht Hansjürgen Vogel im Raum nebenan vor seiner jüngst begonnene Arbeit aus rostigem Stahl. "Kein Cortenstahl", wie er erklärt. Klar, der sei länger haltbar als gewöhnlicher Stahl, aber was soll's?

Muss so eine Skulptur überhaupt für die Ewigkeit geschaffen werden? "Es ist ja fast eine philosophische Frage", meint Vogel. "Wenn ich in die Grube gesprungen bin, wie lange muss mich meine Arbeit dann überdauern?" Vogel ist keiner, der bei diesem Gedanken von Wehmut überwältigt wird. Vielleicht, weil er Realist ist. Vielleicht, weil er weiß, dass alle Schönheit letztendlich vergänglich ist.

In der Bildhauerwerkstatt wird mit Metall, Holz und Ton gearbeitet. Grundsätzlich kann sich jeder bayerische Künstler dort einmieten um an seinen Kunstwerken zu arbeiten. Abgesehen davon gibt es auch Kurs- und Gruppenangebote. Aktuelle Termine werden laufend auf der Homepage der Kulturwerkstatt Haus 10 veröffentlicht.

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