SZ-Serie "Inklusion" (Teil 19) Die Hürde im Kopf

Viele Menschen sind unsicher, wenn sie Menschen mit Behinderung ansprechen wollen. Welche Worte darf man sagen, welche sind tabu? Versuch einer Antwort

Von Julia Bergmann, Fürstenfeldbruck

Manchmal, wenn Herbert Sedlmeier an einer Ampel steht, kann es passieren, dass er ganz unvermittelt eine Hand auf seinem Kopf spürt. Meist gehört diese zu einer älteren Dame. Und während sie so über Sedlmeiers Kopf streichelt, sagt die dazugehörige Stimme so etwas wie: "Mei, du armer Bua!" Nun ist Herbert Sedlmeier kein Schulbub mehr, sondern ein gestandener Mann, der in wenigen Jahren das Rentenalter erreicht. Er ist der Kreisbeauftragte für Menschen mit Behinderung, aufgrund der sogenannten Glasknochenkrankheit kleinwüchsig und sitzt im Rollstuhl. Ein Endfünfziger, den Unbekannte in aller Öffentlichkeit am Kopf berühren, ist doch ganz schön skurril? Sedlmeier hat das oft erlebt, doch: "In letzter Zeit kommt das aber immer seltener vor." Macht es das besser? Sedlmeier schiebt nach: "Und wenn die Oma über 80 ist, darf sie das auch." Darf sie wirklich?

"Natürlich", findet Sedlmeier. Weil die Frau in einer Zeit aufgewachsen ist, in der sie nicht viele Menschen mit Behinderung auf der Straße gesehen hat, sie ist nicht daran gewöhnt. Wenn es darum geht, wie Menschen über Behinderung sprechen, welche Worte sie dabei verwenden, hat Sedlmeier ein dickes Fell. "Ich denk' mir dabei eigentlich nichts, weil ich immer versuche, für die anderen Verständnis aufzubringen", sagt er. Könnte er es sich aussuchen, wäre ihm am liebsten, die Menschen sprächen von Behinderung als Handicap. "Es ist eleganter. Aber in Bayern nicht so gebräuchlich", meint er. Ein englischer Begriff eben.

Dass man im Internet Glossare findet, die das Wort als überholt einstufen, findet er fragwürdig. Dazu wird auf diversen Homepages erklärt, dass der Begriff an das englische Cap-in-hand erinnere, also eine Verknüpfung zwischen Behinderung und Betteln herstelle. "Das finde ich schon sehr weit hergeholt", meint der Behindertenbeauftragte.

Begriffe, die ihn stören, gibt es aber schon. Etwa, wenn jemand über ihn sagt oder schreibt: Herbert Sedlmeier ist "an den Rollstuhl gefesselt". Ein Idiom, das gerne verwendet wird, wenn die Dramatik der Lebensgeschichte eines Menschen im Rollstuhls betont werden soll. Eine Redewendung, die, würden die Leute, die sie verwenden, genauer nachdenken, reichlich seltsam ist. Es ist ja nicht so, als wäre ein Straftäter in Sedlmeiers Büro eingebrochen und hätte den Mann mit einem meterlangen Seil am Rollstuhl fixiert.

Natürlich, Sprache funktioniert auch in einem übertragenen Sinn. Sprache bedient sich der Bilder. Manche Begriffe stehen einfach. Auch Sedlmeier betont das, wenn er erklärt, was ihm an sprachlicher Vorsicht zu weit geht. Nur weil er im Rollstuhl sitzt, müsse sich etwa niemand davor scheuen, zu fragen, wie es denn so gehe, oder ob alles gut laufe. Bei solchen Floskeln um den heißen Brei zu reden, "das wär' Schmarrn", findet er.

Die unsichtbare Fessel am Rollstuhl sei aber wirklich überholt. Sie impliziert immerhin, dass der Mensch mit Rollstuhl schwach ist, ein Opfer, und der Rollstuhl selbst rückt in die Nähe eines Folterinstruments. In der Realität ist er stattdessen ein unverzichtbares Hilfsmittel.

Immer wieder betont Sedlmeier im Gespräch: "Ich sage das nicht als Kreisbeauftragter für Menschen mit Behinderung." Er betont das, weil manche Dinge für ihn zutreffen mögen, für andere, ob behindert oder nicht, aber keinesfalls. Was als verletzend oder angemessen empfunden wird, ist eine höchst individuelle Sache. Sie hängt von der Tagesform ab, von persönlichen Erlebnissen oder Erfahrungen, davon, wie jemand zu seiner Behinderung steht, ob er überhaupt eine hat, und wenn ja, ob er schon lange oder erst seit Kurzem mit ihr lebt. Aber auch davon, ob er sie als Einschränkung empfindet oder nicht, und zuletzt ist das ganze auch eine Charakterfrage und abhängig von der Beziehung, die die Gesprächspartner untereinander pflegen. Feste Regeln mit "verbotenen" und "erlaubten" Worten aufzustellen, ist deshalb nahezu unmöglich.

Bloß keine Berührungsängste: Behinderte Menschen bestärken Menschen ohne Behinderung darin, sie einfach anzusprechen und erwarten neugierige Fragen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Also was tun, wenn sich Menschen im Umgang mit Behinderten unsicher fühlen und den richtigen Ton nicht treffen? Michael Kircher, der Vorsitzende des Olchinger Beirats für Menschen mit Behinderung, würde sich wünschen, dass die Menschen Fragen stellen, wenn sie nicht wissen, was sie tun sollen. Auch Sedlmeier sieht das so. Gerade wenn Kinder ihn sehen und ihre Eltern fragen, warum er im Rollstuhl sitzt oder warum er so klein ist. "Ich empfinde das als normal", sagt er. "Unnormal finde ich eher die Reaktion der Mutter, wenn sie rot wird und sagt, da schaut man nicht hin. Viel schlauer wäre es da doch, sie würde mich einfach fragen". Aber so etwas passiere viel zu selten, findet auch Kircher. Der Olchinger stottert, und auch er hat in persönlichen Begegnungen die Erfahrung gemacht, dass Menschen Schwierigkeiten damit haben, ihn anzusprechen. Dass sie zögern oder schlichtweg wegschauen. "Für viele ist es etwas Peinliches", sagt er. Doch wie einen Betroffenen ansprechen, ohne ihn zu verletzen? "Indem ich ehrlich bin. Wenn ich meinem Gesprächspartner klar gegenübertrete, schafft das eine gute Basis", sagt er. Auch die eigene Unsicherheit dürfe kommuniziert werden, denn gerade dadurch komme man in einer solchen Situation auf eine gemeinsame Ebene. "Das Nicht-Aussprechen bringt Unsicherheit."

Martina Lampl, die Vorsitzende des Behindertenbeirats Fürstenfeldbruck, findet, es werde überhaupt zu wenig über Behinderungen gesprochen. Etwa über ihre Krankheit, die Multiple Sklerose, wegen derer sie auch eine Gehbehinderung hat. Wie man darüber sprechen solle? Nun ja, was bestimmte Ausdrücke betreffe, sagt Lampl: "Ich habe ein dickes Fell, wenn mir etwas nicht passt, wehre ich mich schon. Das Ignorieren trifft mich eher." Oft ist sie mit einem Trike, einer Art Dreirad unterwegs, das es ihr leichter macht, sich fortzubewegen. Wenn sie das nicht nutzt, hat sie meist einen Gehstock in der Hand. So oder so, für ihre Mitmenschen ist ihre Behinderung sichtbar. Und wenn sie Lampl mit Trike oder Gehstock sehen, kommt es vor, dass sie die Straße wechseln. "Es ist so, dass viele Leute das nicht sehen möchten, sie wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen." Vielleicht weil sie "MS" hören und nicht genau wissen, was es damit auf sich hat. Aber trotzdem im Hinterkopf das Bild einer schnell degenerierenden und furchtbaren Krankheit haben. "Ja, es ist eine tückische Krankheit", sagt Lampl. Aber nicht bei jedem verlaufe sie gleich.

Mitleid, das wird deutlich, will sie nicht. "Ich will, dass mich die Menschen als Martina Lampl sehen und nicht als MS-Kranke", sagt sie. Das bedeutet nicht, das Lampl ihre Krankheit verleugnet. "Mein Körper funktioniert halt an einer Stelle nicht. Ich bin eben beeinträchtigt", sagt sie. Vor zehn oder 20 Jahren wären ihr diese Worte wahrscheinlich nicht über die Lippen gekommen. Da war die Situation noch anders, die Diagnose noch nicht so lange her. "Klar, man verliert etwas. Damit muss man umgehen", sagt sie. "Es ist schon knallhart." In so einer Situation geht sie mit bestimmten Äußerungen oder Begriffen ganz anders um, als zu einem Zeitpunkt, zu dem sie schon lange mit einer Beeinträchtigung lebt und sie akzeptiert hat.

Ganz generell plädiert Lampl für Direktheit. Ein Beispiel: Der Behindertenbeirat in Bruck heißt nicht Beirat für Menschen mit Behinderung, wie es in anderen Gemeinden schon der Fall ist. Für Lampl käme eine Namensänderung auch nicht in Frage. "Weil es so lang ist und man sich jedes mal auf die Zunge beißt, wenn man es sagt." Den Namen Behindertenbeirat empfindet sie auch nicht als störend. Es ist mehr so, dass der Beirat eben so heißt. Kircher sieht das anders. Die Olchinger haben sich erst vor wenigen Monaten in "Beirat für Menschen mit Behinderung" umbenannt. "Es stellt den Menschen in den Vordergrund", sagt er. Das war ihm und vielen anderen Mitgliedern ein großes Anliegen.

Kircher stört es, wenn Begriffe wie Behinderter, Stotterer oder Körperbehinderter verwendet werden. "Eigentlich alles, was ein Substantiv zum Nomen macht. Weil es den Menschen auf die Körperlichkeit reduziert." Er spricht lieber von Menschen mit Assistenz- oder Teilhabebedarf. Und dann sagt er: "Ich sehe mich selbst als Mittler zwischen der sogenannten normalen Welt und den Menschen mit Behinderung." Die normale Welt? Ist das nicht etwas, das viele Betroffene überhaupt nicht gerne hören? "Ich denke, der Ehrlichkeit halber sollte man das schon so sagen können", meint er. Vermeidungsstrategien lehnt Kircher ab.

Manchmal erfährt der Behindertenbeauftragte des Kreises, Herbert Sedlmeier, in der Öffentlichkeit seltsame Mitleidsbekundungen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wer sich mit welchem Begriff bezeichnet oder welche Worte verwendet werden im Umgang mit Behinderten, ist bis zu einem gewissen Grad Geschmackssache und eine Frage des Kontextes. "Es macht auch einen Unterschied, ob ich selbst eine Behinderung habe oder nicht", sagt Richard Ullmann, Vorsitzender des Behindertenbeirats Puchheim. "In München etwa gibt es eine Gruppe Künstler, die sich Crüppel-Cabarett nennt", sagt er. "Das sind Begriffe, da kann einem das Lachen im Halse stecken bleiben." Ullmann selbst spricht statt von Behinderung eher von Einschränkung. "Das ist allgemeiner", meint er und es entspricht seiner Auffassung, dass von Themen Inklusion und Barrierefreiheit ohnehin jeden etwas angehen. Ullmann selbst hat keine Behinderung. Ihn stört es, wenn er mit seinen Kollegen aus dem Gremium in Puchheim über Themen wie Barrierefreiheit informieren möchte und Passanten, die keine offensichtliche Beeinträchtigung haben, sagen: "Das betrifft uns nicht." Doch Mütter mit Kinderwagen oder Ältere mit Rollator betreffe es genauso. Was das Sprachliche betrifft, steht auch für Ullmann fest: bloß nicht Übertreiben.

Wer statt eindeutiger Begriffe schwammige Euphemismen verwendet, schießt am Ende am Ziel vorbei. "Wenn ich die Sachen nicht bei ihrem Namen nenne, hole ich gerade diejenigen, die sprachliche Schwächen haben, nicht ab", sagt Ullmann. Das ist besonders dann fatal, wenn man über etwas spricht, das sie betrifft." Dass man die Dinge direkt ansprechen soll, darin sind sich Ullmann, Sedlmeier, Kircher und Lampl einig. Wo die Grenzen der Direktheit verlaufen, darauf können sie sich nicht festlegen. Wenn es etwa für Sedlmeier nicht ok ist, eine Behinderung pauschal als Krankheit zu bezeichnen und von "den Kranken" und "den Normalen" zu sprechen, er gleichzeitig aber findet, dass man Kindern in einem jungen Alter erklären könne, der Mann im Rollstuhl sei krank. Warum? "Weil ein sehr junges Kind nicht versteht, was Behinderung heißt. Was soll man sonst sagen?", fragt er zurück.

Wer sich einfach nicht sicher ist, wie ein Mensch mit Behinderung bezeichnet werden möchte, für den gilt: immer fragen. Wenn ein Zwölfjähriger mit Zerebralparese statt des medizinischen Ausdrucks lieber von Spastiken spricht oder von sich selbst als Spastiker, dann ist es in Ordnung diese Begriffe im Gespräch mit ihm auch zu verwenden, meint Sedlmeier. "Vielleicht fällt es ihm einfach leichter, als wenn er jedes Mal erklären muss, was Zerebralparese ist."

"Was hingegen immer eine Frechheit ist, ist, dass Menschen mit geistiger Behinderung geduzt werden", sagt der Kreisbeauftragte für Menschen mit Behinderung. Wo jeder andere ein Herr Müller oder "Sie" ist, ist derjenige, der eine kognitive Beeinträchtigung hat, gerne "unser Matthias oder einfach nur "Du". In den seltensten Fällen wird ihnen die Höflichkeitsanrede zu Teil. Und das impliziert schon, dass man in einem solchen Fall dem Gesprächspartner nicht den gleichen Respekt entgegenbringt, wie jedem anderen, dass man ihn auf eine andere Ebene stellt.

Wer sich am Ende noch fragt, was er über und zu Behinderten nun sagen darf, wie man all den verschiedenen Meinungen, Wünschen und Bedürfnissen von Menschen mit Behinderung im Gespräch gerecht werden kann - die Antwort ist einfach. Denn was kompliziert klingt, tun die meisten Menschen ohnehin schon jeden Tag ganz automatisch. Es wird ein Gesprächspartner erkannt, seine Stimmung auch, und es wird der Kontext der Unterhaltung verstanden. Wer sich nicht sicher ist, soll nachfragen. Wie groß jemand ist, ob er auf Hilfsmittel angewiesen ist, welche physischen und psychischen Besonderheiten er hat, muss dabei keine Rolle spielen.