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SZ-Serie: Arbeiten in Corona-Zeiten:Nur Stornierungen

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Isabella Pajk arbeitet viel, verdient aber kein Geld damit. Denn wie alle Reisebüros muss auch sie ihre Buchungen stornieren.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Reisebüros leiden besonders unter der Corona-Krise. Neue Abschlüsse gibt es nicht. Dafür müssen die Inhaber alte Aufträge rückgängig machen und Provisionen zurück zahlen. Am Mittwoch wollen sie in München demonstrieren

Von Karl-Wilhelm Götte, Germering

In Zeiten der Corona-Krise arbeitet Isabella Pajk manchmal auch von Zuhause aus, doch in der Regel kommt sie jeden Morgen in ihr Reisebüro "Holiday Land" in die Germeringer Untere Bahnhofstraße, das seit Mitte März geschlossen ist. Dort sitzt sie mit Mundschutz dem Frager mit Mundschutz gegenüber. Hinter ihr baut sich die Wand mit hundert Prospekten der Reiseveranstalter auf. "Es gibt Arbeit ohne Ende", sagt Pajk. Nur wird sie für ihre Arbeit nicht entlohnt.

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Im Gegenteil: Die Inhaberin des Reisebüros ist ständig mit der Rückabwicklung von gebuchten Reisen beschäftigt und muss die Rückbuchung von Provisionen der Reiseveranstalter ertragen. So wie es Pajk geht, geht es zurzeit allen 11 000 Reisebüros in Deutschland; deshalb demonstrieren sie deutschlandweit am Mittwochmittag für eine nicht rückzahlbare staatliche Soforthilfe und einen Schutzschirm. In München findet die Reisebüro-Demonstration am Mittwoch von 11.30 Uhr an am Odeonsplatz statt. Die Demonstration der Reisebüros in München mit nur 40 Teilnehmern angemeldet worden, um die Abstände einzuhalten. Sie haben sich über Facebook zusammengefunden. "Rettet die Reisebüros" steht auf einem blau-gelben Plakat in dem Netzwerk.

Die finanzielle Lage der Reisebüros ist sehr prekär. Neue Reisen werden nicht gebucht, weil eine weltweite Reisewarnung des Auswärtigen Amtes in Kraft ist. Die gilt vorerst bis zum 3. Mai, aber mit einer Verlängerung ist zu rechnen. Gebuchte Reisen, an denen Isabella Pajk ihre Provisionen verdient hat, werden allesamt storniert. "Ich habe eine halbes Jahr umsonst gearbeitet", sagt die 35-jährige Geschäftsinhaberin. Ein halbes Jahr? "Ja", bekräftigt sie, "die Reisen die im Herbst 2019 für das Frühjahr und den Sommer gebucht wurden, wurden und werden ja ebenfalls storniert."

Auch an diesem späten Vormittag klingelt ständig das Telefon. Das sei quasi so, als wenn man zum Friseur ginge und von ihm das Geld für einen Haarschnitt im Februar zurück haben wolle. Nur mache der Friseur nächste Woche wieder auf und verdiene Geld, sie aber nicht. Pajk muss die von den Reiseveranstaltern bereits erhaltenen Provisionen, die sie für zum Teil stundenlange Beratungen bekommen hat, zurückzahlen. Einige buchen sie sogar automatisch von ihrem Konto zurück, so sind die Geschäftsbedingungen. "Im Mai gibt es einen Aufschub für die Rückzahlungen", berichtet sie, dann könne sie etwas durchatmen. Sie hat die bayerische staatliche Soforthilfe von 5000 Euro bereits bekommen. "Das sind die Kosten für einen Monat", sagt sie. Ihre Mitarbeiterin hat sie deshalb in Kurzarbeit geschickt.

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Dennis Höller wartet seit fünf Wochen auf diese Soforthilfe. Er hat in seinem Reisebüro DuK in Fürstenfeldbruck zwei Angestellte, die er bezahlen muss. "Finanziell geht es uns ganz mies", berichtet er. Auch Höller, 38, der das Reisebüro seit 2012 mit einem Geschäftspartner betreibt, ist nur mit Reisestornierungen beschäftigt. Buchungen gibt es keine. "Ich kann die Ängste der Kunden verstehen", sagt Höller. "Alle wissen nicht, was kommt." Er hofft darauf, dass es in Sommer mit Bahn- und Autoreisen wieder losgehen könnte. "Flugreisen wird es vor dem kommenden Winter nicht geben, wahrscheinlich erst 2021 wieder", fürchtet er. Ähnlich skeptisch ist Lisa Kriner, die Büroleiterin des Unholzer-Reisebüros in Olching. "Wir müssen darauf warten, dass das Auswärtige Amt Klartext redet." Die Reisewarnungen werden wohl bis zum Herbst dauern. Kriner und ihre Kollegin sind in 50-prozentiger Kurzarbeit. Unholzer betreibt auch ein Busunternehmen. Etwa 15 Reisebusse stehen auf dem Hof still.

Isabella Pajk hatte das Reisebüro erst im Januar 2019 übernommen. Die Corona-Krise ist schon die zweite, die sie in ihrem kurzen Unternehmerdasein ertragen muss. Im September 2019 ereilte sie die Pleite des Reiseveranstalters Thomas Cook. Pajk sagt: "Der schuldet mir noch 30 000 Euro, die ich nicht mehr wieder sehen werde." Zudem kämpfen die Reisebüros ständig mit der Internetkonkurrenz. Sie erlebe schlaflose Nächte. "Das kann man nicht aushalten", sagt sie und man spürt ihre Verzweiflung. "Da wird einem die Lebensgrundlage genommen." Sie hofft darauf, dass mit der Demo am Mittwoch die schlimme Lage der Reisebüros bei den Politikern ankommt. Doch dann macht sich Pajk Mut: "Ich werden durchhalten, weil ich meine Arbeit liebe."

© SZ vom 29.04.2020

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