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SZ-Serie: Arbeiten in Corona-Zeiten, Folge 7:"Ich brauche meine Schüler"

Cathrin Theis

Leiterin Cathrin Theis sitzt jeden Tag an ihrem Schreibtisch in der Grundschule Graßlfing. Denn Arbeit bleibt auch ohne die Kinder vor Ort mehr als genug.

(Foto: Privat)

Cathrin Theis leitet die Grundschule Graßlfing. Wo normalerweise das Leben tobt, arbeitet sie mit wenigen Kollegen Papierstapel ab. Umstände, die nicht leicht für sie sind

Am Vormittag pulsiert die Grundschule Graßlfing normalerweise vor Leben. Kinder drängen sich auf den Gängen, wollen hinaus in den Hof oder sind auf dem Weg zu ihren Klassenzimmern. Es wird gegrüßt, gerufen und gelacht. An diesem Morgen herrscht Totenstille. Cathrin Theis, die Leiterin der Grundschule, ist alleine im Gebäude. Nur eine Kollegin ist noch da, sie arbeitet in einem der unteren Klassenzimmer. Und der Hausmeister, der kurz bei der Schulleiterin vorbeisieht. "Es gibt Tage, an denen bin ich ganz alleine", sagt Theis. Sie schweigt kurz. "Ich mag die Stille nicht. Ich brauche meine Schüler."

Seit etwa drei Wochen sind die Schulen aufgrund des Coronavirus geschlossen. Unterricht findet daheim statt: Die Lehrer schicken einen Wochenplan mit Aufgaben an die Familien. Betreut werden die Kinder von ihren Eltern. Doch trotz der fehlenden Schüler schwindet der Ablagestapel auf Theis' Schreibtisch kaum. Denn auch wenn keine Kinder in den Klassenzimmern sitzen, geht es in der Grundschule geschäftig zu. "Jeder Tag ist anders. Wir müssen uns immer neuen Herausforderungen stellen", sagt Theis.

Im Kollegium gab es bereits einen Coronafall, einer der Lehrer wurde positiv getestet. Fünf weitere Mitarbeiter mussten vorsorglich in Quarantäne. Auch deswegen arbeitet Theis daran, den Onlinekontakt mit Kollegen und Schülern weiter auszubauen. Das Programm brachte sie sich selbst bei. Unterstützung erhielt sie von ihrer Tochter, die momentan ebenfalls im Homeoffice arbeitet. So konnte Theis im kleinen Kreis erste virtuelle Meetings mit ihren Lehrern durchführen. Das habe bereits gut geklappt. "Nach einer Woche freut man sich, wenn man sich mal wieder sieht."

Alle Teile der SZ-Serie "Arbeiten in Corona-Zeiten"

Das wollen Theis und ihre Kollegen nun auch den Klassen ermöglichen und eine Onlineverbindung einrichten. Morgens können sich dann Lehrer mit ihren Schülern virtuell für eine bestimmte Zeit treffen. Die Klasse kommt auf einem Bildschirm zusammen, der Lehrer kann bei Bedarf Dokumente und Abbildungen zeigen. Auf diese Weise können Fragen beantwortet oder ein neues Thema einführt werden. Außerdem gebe es den Kindern mehr Struktur, so Theis. "Wenn sie den Lehrer sehen, sind sie bereiter, die Aufgaben zu bearbeiten." In einer Klasse wurde dieses Onlinetreffen bereits probeweise durchgeführt, mit positiven Feedback. Sind die Eltern nicht dazu bereit, erhalten sie eine schriftliche Zusammenfassung. Vor allem für sie soll das virtuelle Zusammenkommen von Schüler und Lehrer aber eine Entlastung sein. Es sei nicht leicht, sein Kind zu Hause unterrichten zu müssen, betont Theis. Sie erzählt von einer Mutter, die nie glauben konnte, dass ihr Kind mit Konzentrationsschwierigkeiten kämpft. "Neulich sagte sie zu meiner Kollegin: "Ich verstehe jetzt, was Sie meinten." Um die Eltern auch außerhalb des schulischen Angebots zu unterstützen, geben die Lehrer ihnen Tipps für Sportübungen oder künstlerische Aktivitäten. "Einige Schüler haben uns bereits Bilder von selbst gemalten Hundertwasser-Häusern geschickt", sagt Theis. Diese stehen inzwischen auf der schulischen Homepage. Das breite Angebot, der Kontakt zwischen Eltern und Schülern, das sei gerade in diesen Zeiten sehr wichtig.

Die muss Theis zusätzlich für administrative Aufgaben aufwenden. Eine Videokonferenz mit anderen Schulleitern ist geplant. Außerdem laufen die Planungen für das kommende Schuljahr: Die Einschreibung muss nachbearbeitet werden. Dazu Aufgaben, die im laufenden Betrieb nur zwischen Tür und Angel erledigt werden können. Immerhin, so Theis, der einzige Vorteil der Situation: "Jetzt kann ich in Ruhe arbeiten." Mit Blick auf den Ablagestapel seufzt sie aber. Seit Januar werde dieser immer höher. "Mein Traum ist es immer noch, den abzuarbeiten", sagt sie. Lieber wäre ihr allerdings, wieder Kontakt zu Kollegen und den Kindern haben zu können. "Normalerweise gehe ich durch die Gänge und die Schüler grüßen und lachen mich an. Jetzt herrscht nur noch Stille."

© SZ vom 01.04.2020

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