bedeckt München 26°

SZ-Serie: Arbeiten in Corona-Zeiten, Folge 41:Wer wo vor zwei Tagen war und mit wem

Für ein halbes Jahr hat Andrea Linden ihr Büro im Landratsamt Fürstenfeldbruck und stellt die Kontaktpersonen von Corona-Infizierten fest.

(Foto: Günther Reger)

Seit Ende April gibt es im Landratsamt ein neues Berufsbild. Contact-Tracer ermitteln die Kontaktpersonen von Corona-Infizierten und müssen herausfinden, wie nahe und wie lange sich alle Beteiligten gekommen sind und welches Risiko sie dabei eingegangen sind

Eigentlich ist Andrea Linden Pharmazeutisch-Technische Assistentin, oder, wie sie selbst sagen würde: "PTA". Als solche würde sie in normalen Zeiten in der Apotheke stehen, ihre Kunden beraten und Medikamente verkaufen. Aber die Corona-Krise hat nicht nur viele Berufszweige zerstört, sondern auch ganz neue entstehen lassen. So arbeitet die 48-Jährige aus Germering seit Anfang April als sogenannte "Contact-Tracerin" - Kontaktermittlerin - im Landratsamt.

Dort ist Linden neben etwa 40 anderen Contact Tracern dafür zuständig, die Kontaktpersonen von infizierten Menschen im Landkreis zu ermitteln. Als Linden sich für die Stelle bewirbt, ist es gerade Anfang April, die Infektionszahlen steigen von Tag zu Tag, die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes stehen an ihrer Belastungsgrenze. Deswegen startet das Robert-Koch-Institut einen Aufruf auf seiner Homepage: "Dort habe ich gelesen, dass Freiwillige für die Ermittlung von Kontaktpersonen gesucht werden und habe mich direkt mit meinem Lebenslauf beworben", erzählt Linden. Aufgrund ihrer pharmazeutischen Ausbildung habe sie sich von Anfang an für das neuartige Coronavirus interessiert und sich regelmäßig auf der Seite des Robert-Koch-Instituts über aktuelle Entwicklungen informiert. Zum Zeitpunkt des Aufrufes arbeitet Linden nicht mehr in der Apotheke, da sie ihren freiberuflichen Mann mit seiner Arbeit von zu Hause aus unterstützen möchte. Sie hat Zeit und will helfen: "Ich dachte, dass ich aufgrund der Erfahrung, die ich in meinem Berufsleben gesammelt habe, in der Kontaktermittlung auch nützlich sein könnte."

Und so sitzt Linden seit Anfang April jeden Tag von acht bis 16 Uhr in ihrem Büro im Landratsamt und kontaktiert infizierte Menschen, um herauszufinden, zu welchen und vor allem wie vielen Menschen sie in den zurückliegenden 48 Stunden Kontakt hatten.

Wenn Linden sie anruft, wissen die Personen in der Regel meist schon, dass sie sich mit dem Coronavirus angesteckt haben. "Das Gesundheitsamt informiert sie über die Infektion. Wir sind dann nur dafür verantwortlich, die Kontaktpersonen so schnell wie möglich zu ermitteln und zu kontaktieren", sagt Linden. Das ist nicht immer einfach.

Etwa dann, wenn Menschen sich auf Anhieb gar nicht daran erinnern können, zu wem sie überhaupt Kontakt hatten. Um sicherzugehen, dass auch wirklich keine Kontaktperson vergessen bleibt, hat Linden ein gewisses System entwickelt: "Es hat sich als hilfreich erwiesen, einen Lebensbereich nach dem anderen abzufragen: Wer wohnt mit Ihnen zusammen im Haus? Haben Sie jemanden im Freundeskreis getroffen? Wie viele? Wie sieht's auf der Arbeit aus?" Meistens funktioniere das ganz gut, sagt Linden, da sich Menschen besser erinnern könnten, wenn man ihnen konkrete Anhaltspunkte gibt. Schwierig werde es, wenn der Infizierte seine Kontaktpersonen selbst nicht gut kennt, etwa wenn es sich um Arbeitskollegen handelt, mit denen die Person nur flüchtig oder in Ausnahmefällen zu tun hat: "Dann kann es mühsam werden, weil wir selbst Recherchen betreiben müssen und erstmal bei der Arbeitsstelle anrufen. Der Arbeitgeber muss uns eine Liste herausgeben mit den Daten der Personen, die mit dem Infizierten in Kontakt gestanden sind." Sobald Linden alle Kontaktpersonen samt Daten ermittelt hat, ruft sie an.

Aber, wie reagieren Menschen darauf, wenn sie erfahren, dass sie mit einer infizierten Person Kontakt hatten? "Es ist ganz oft so, dass die erkrankte Person ihren Freundeskreis schon im Vorfeld informiert, die meisten wissen also schon Bescheid, wenn wir anrufen. Größtenteils sind es sehr, sehr nette, freundliche Gespräche", sagt Linden. Und auch wenn es manchmal zu kleinen Gefühlsausbrüchen kommen könne, sei es wichtig, diese nicht persönlich zu nehmen, "schließlich sind wir die einzigen, die in so einem Moment für die Kontaktpersonen greifbar sind. Außerdem mündet so ein Gefühlsausbruch meistens mit dem Satz: Sie können ja nichts dafür!"

Ist der Schock erstmal überwunden, muss Linden herausfinden, ob es sich bei der Person um eine Kontaktperson der Kategorie eins oder zwei handelt. Nur Kontaktpersonen der Kategorie eins, also solche, die besonders engen Kontakt zur infizierten Person hatten, müssen in Quarantäne und werden getestet, falls sie Symptome entwickeln. Die sogenannte Kategorisierung ist für Linden das kleinste Problem, schließlich orientieren sie und ihre Kollegen sich an einem festen Schema des Robert-Koch-Instituts. Dieses definiert all jene Menschen als Kontaktpersonen der Kategorie eins, die mehr als fünfzehn Minuten lang mit dem Infizierten von Angesicht zu Angesicht gesprochen haben, von diesem angehustet oder angeniest wurden, oder etwa vom selben Glas getrunken haben.

Kontaktpersonen der Kategorie zwei tragen hingegen ein geringeres Infektionsrisiko in sich, da sie sich zwar im selben Raum mit einem bestätigten Covid-19-Fall aufgehalten haben, jedoch kein fünfzehnminütiges Gespräch von Angesicht zu Angesicht mit dem Infizierten hatten.

Sollte sich Linden trotzdem einmal nicht ganz sicher sein, in welche Kategorie die ein oder andere Kontaktperson fällt, hat sie die Möglichkeit direkt beim Gesundheitsamt nachzufragen: "Dort haben wir einen festen Ansprechpartner, wenn wir uns mal nicht sicher sind, wie in bestimmten Fällen vorzugehen ist."

Für den Job als Kontaktermittlerin bekommt Linden 2300 Euro im Monat. Ihr Arbeitsvertrag ist eigentlich auf ein halbes Jahr befristet, sollte sie aber nach Ablauf des Vertrages immer noch gebraucht werden, hätte Linden kein Problem damit, den Vertrag zu verlängern: "Meine Motivation war und ist es, zu helfen. Deswegen bleibe ich noch, so lange ich gebraucht werde."

© SZ vom 03.06.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite