bedeckt München 30°

SZ-Serie: Arbeiten in Corona-Zeiten, Folge 38:Selbstbedienung hinterm Bauzaun

"Hätte es noch länger gedauert, müssten wir zumachen", sagen die Jexhof-Wirtsleute Renate und Günter Sirtl.

(Foto: Günther Reger)

Renate und Günter Sirtl hoffen nach drei Jahren als Pächter der Jexhof-Wirtschaft in Schöngeising auf ein erstes gutes Jahr. Dann unterbricht Corona die Saison

Kurz vor Elf kommen die ersten Knödel ins heiße Wasser. Es ist Sonntagvormittag im Jexhof bei Schöngeising, und Renate und Günter Sirtl bereiten sich auf die ersten Gäste vor. Das kleine Lokal im Bauernhofmuseum bei Schöngeising dürfen sie erst an diesem Montag wieder öffnen, aber draußen stehen die Tische für die Ausflügler und Stammgäste schon bereit. Anders als sonst, denn die Garnituren sind weit von einander entfernt, und auch der verzinkte in der Sonne schimmernde Bauzaun versprüht nicht annähernd das, was den Sirtls am liebsten ist: "Gemütlichkeit". Dennoch sind die beiden froh, seit vergangenen Dienstag wieder geöffnet zu haben. In der letzten Märzwoche hätten sie nach kurzem Jahresurlaub wieder den Betrieb aufnehmen wollen, doch die Corona-Pandemie hatte auch Folgen für den alten Bauernhof im Wald.

Wer den Weg einmal zum Jexhof gefunden hat, kommt immer mal wieder dorthin. Da ist der Hof selbst, in dem Besucher einen Eindruck bekommen, als sei die Zeit stehen geblieben. Mit welchen einfachen Mitteln die Menschen einmal ausgekommen sind, aber welche Mühe es machte, für den Lebensunterhalt zu sorgen. Und weil es wechselnde Sonderausstellungen und Vorträge im Museum gibt, kommen manche Besucher sogar mehrmals im Jahr. Schließlich sind da noch die vielen Stammgäste und jene, die einfach mal vorbeischauen bei Renate Sirtl, der Pächterin der Jexhof-Wirtschaft. Im vierten Jahr nun hat die 56-Jährige zusammen mit ihren Mann Günter, 59, die kleine Wirtschaft. Drei Jahre lang haben sie sich einen guten Ruf erarbeitet als gute Gastgeber, sie sind bekannt für die bodenständigen Gerichte, die sie anbieten. Sie haben einiges investiert mit der Aussicht, von heuer an auch mal Gewinn zu machen. Doch dann kam Corona.

"Hätte es noch länger gedauert mit der Schließung oder käme noch eine weitere auf uns zu, müssten wir zumachen", sagt Renate Sirtl. Auch wenn sie unter der Woche das Geschäft zu zweit bewältigen können und nur an den Wochenenden und Feiertagen Personal auf 450-Euro-Basis beschäftigen, so bedeutete jeder Tag ohne Gäste Verlust. Am vergangenen Donnerstag gab es wieder den ersten Lichtblick, als am Vatertag der Biergarten mit seinen etwa hundert Plätzen gut gefüllt war. Renate Sirtl hat sich extra in Münchner Biergärten umgesehen, um zu erfahren, wie sie die neuen Vorschriften zu Abstand und Hygiene umsetzen muss. Einfach nur die Wege zur Selbstbedienungstheke und wieder hinaus in den Garten zu markieren, sei zu wenig gewesen. Die Umzäunung habe sein müssen, aber, wie sich bei einem Gast am Vatertag gezeigt habe, könnten alle Regeln auf einmal verletzt werden. Der Mann habe sich ohne Mundschutz an der ganzen Schlange entlang seinen Weg an die Theke gebahnt. "Da habe ich ihn rausgeworfen", sagt Renate Sirtl. Ein Einzelfall, der sie zum Nachdenken gebracht hat.

Schlange stehen vor der Selbstbedienungstheke, sagen die Sirtls, seien die Gäste gewöhnt, nur jetzt seien die Abstände zwischen den Wartenden größer. Jeder Gast muss sich mit Namen und Telefonnummer in eine Liste eintragen, daneben steht die Flasche mit der Händedesinfektion. Alles Zusatzausgaben. Sie wolle diese Extrakosten nicht an die Gäste weitergeben, sagt die Jexhof-Wirtin aus Olching, und berichtet von den Preisen, die die Händler so verlangen: 75 Euro für fünf Liter Desinfektionsmittel findet sie zu viel, außerdem müssten Masken und Handschuhe gekauft werden. Da werde zur Zeit gut verdient. In den 3,90 Euro für einen Teller Leberspätzlesuppe oder den Schweinsbraten mit Semmelknödel und Salat um 9,90 Euro finden sich diese Ausgaben nicht wieder.

Nach den ersten Tagen im Biergarten - am Samstag kamen wegen des unbeständigen Wetters nur acht Gäste - wird am Montag das Stüberl wieder geöffnet. Nur noch fünf Tische stehen dort. "Wir haben uns für ein Rolliersystem entschieden", sagt Günter Sirtl. Um allen Gästen gerecht zu werden, dürfe ein Tisch nur anderthalb Stunden besetzt sein. Am kommenden Wochenende darf auch das Museum wieder öffnen, die Sonderausstellung über die Eiszeit wird das ganze Jahr über zu sehen sein - eine außergewöhnlich lange Ausstellung wegen Corona. Auch die Sirtls werden keine Winterpause machen, sie müssen die verlorenen Wochen wieder hereinarbeiten. Ohne Hochzeitsfeiern und Geburtstagen mit mehr als zwei Hausständen eine schwierige Sache.

© SZ vom 25.05.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite