Fürstenfeldbruck:Stadtwerke wollen Energiewende

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Fürstenfeldbruck: Eine Kurve, die nur eine Richtung kennt: Vertriebsleiter Andreas Wohlmann erläutert die Entwicklung der Gaspreise.

Eine Kurve, die nur eine Richtung kennt: Vertriebsleiter Andreas Wohlmann erläutert die Entwicklung der Gaspreise.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Kurzfristig hilft angesichts des knappen Erdgases und der deutlich steigenden Kosten nur Sparen. Langfristig hofft der regionale Energieversorger, die fossilen Brennstoffe mit Hilfe weiterer Solarparks und Windräder ersetzen zu können.

Von Stefan Salger, Fürstenfeldbruck

Die Stadtwerke sehen sich als regionaler Energieversorger gut gerüstet für die aktuellen Herausforderungen, auch mit Blick auf die Folgen des Krieges in der Ukraine. Das machten Geschäftsführer Jan Hoppenstedt und Vertriebsleiter Andreas Wohlmann bei der Vorstellung des Jahresreports 2021 deutlich. "Wir stehen gut da", sagte Hoppenstedt, der die Leitung der Stadtwerke mit ihren aktuell 159 Mitarbeitern 2020 übernommen hatte. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass 2021 ein Fehlbetrag von etwa 600 000 Euro ausgewiesen wird. Grund sind die im vergangenen Jahr erforderlichen Rückstellungen für Sanierungen im Bereich Wasserkraft und ein Defizit bei der Fernwärme in Folge der verzögerten Anpassung der Preise. Für 2022 werden allerdings bereits wieder schwarze Zahlen prognostiziert. Die gute Nachricht: Bei Strom und Gas sei die Versorgungssicherheit auf absehbare Zeit gegeben, auch wenn die Krise in der Ukraine die Energiepreise deutlich nach oben treiben wird. Und die regenerative Stromproduktion vor allem mittels Windrädern und Photovoltaikanlagen soll mit Hochdruck ausgebaut werden.

In diesem Jahr sei der kurzfristige Strom-Einkaufspreis spürbar gestiegen, so Wohlmann, aktuell hat sich die Lage wieder etwas beruhigt. Der "Standardkunde" der Stadtwerke zahlt etwa 33 Cent. Verkehrte Welt: Mancher Billiganbieter, dessen Geschäftsmodell darauf fußt, auf länger laufende Verträge mit Lieferanten zugunsten der kurzfristigen Beschaffung am Strommarkt zu verzichten, berechnet seinen Kunden schon mal mehr als 50 Cent. Die Stadtwerke sehen sich mit ihrer langfristigen Einkaufsstrategie da auf er sicheren Seite, auch wenn sie zum 1. August die Preise nachjustieren mussten und damit rechnen, "dass die Verbraucherpreise für Bestandskunden zum Jahresbeginn um 20 Prozent steigen können", so Wohlmann.

Fürstenfeldbruck: Die Energiezentrale West der Stadtwerke liefert neben Strom aus eigenen Solarpaneelen Fernwärme sowie Fernkälte vor allem für die benachbarten Industriebetriebe, Schule, Kita und Seniorenheim. Sie kann mit Hackschnitzeln sowie mit Gas und Öl betrieben werden.

Die Energiezentrale West der Stadtwerke liefert neben Strom aus eigenen Solarpaneelen Fernwärme sowie Fernkälte vor allem für die benachbarten Industriebetriebe, Schule, Kita und Seniorenheim. Sie kann mit Hackschnitzeln sowie mit Gas und Öl betrieben werden.

(Foto: Johannes Simon)

Kaum vorhersehen lässt sich die Entwicklung beim Gas, weil Putin jederzeit den Hahn zudrehen könnte. Wohlmann will nicht ausschließen, dass sich dort in absehbarer Zeit die Verbraucherpreise verdreifachen. Auch hier sind die einstigen Billiganbieter ins Hintertreffen geraten, weil diese sich oftmals sehr kurzfristig am Markt eindecken müssen und damit hohen Schwankungen ausgesetzt sind. 22 500 Haushalte beliefern die Stadtwerke, deren Versorgungsgebiet im Süden bis Ammersee und Wörthsee reicht, mit Strom, 800 mit Erdgas und knapp 400 mit Fernwärme. Gerade die Fernwärme hat eine Achillesferse: 20 Prozent wird mit Bioerdgas sowie Hackschnitzeln produziert, 80 Prozent mit Erdgas. Das schlägt direkt auf die Preise durch, die Ende 2022 im Vergleich zum Vorjahr denn auch um 70 Prozent gestiegen sein werden.

Das von den Stadtwerken betriebe Hallenbad würde im Fall, dass das Gas von der Bundesregierung rationiert werden muss, wohl geschlossen werden. Zurzeit spricht aber offenbar nichts dagegen, am 17. September planmäßig zu öffnen. Müsste das Hallenbad dicht gemacht werden, träfe es wohl auch die Eislaufbahn - denn die Umkleiden und sanitären Anlagen der Amperoase werden mit Fernwärme beheizt.

Weil sich die Entwicklung in der Ukraine und die Laune Putins kaum vorhersagen lässt, hilft nur eine Maßnahme wirklich zuverlässig, auf breiter Front Kosten und Emissionen zu sparen und vielleicht auch dem russischen Despoten ein Schnippchen zu schlagen. Hoppenstedt und Wohlmann empfehlen, konsequent nach Energiesparmöglichkeiten zu suchen. Etwas kürzer Duschen, die Raumtemperatur in der kalten Jahreszeit von den oft üblichen 22 auf 19 Grad abregeln, die Heizungsanlage überprüfen und optimieren lassen - sofern man Handwerker findet. All dies rechnet sich angesichts der Teuerung. In der Stadtverwaltung gebe es bereits ein Umdenken, sagt Oberbürgermeister Erich Raff (CSU), Aufsichtsratschef der Stadtwerke. Heizungsanlagen sollen in der bevorstehenden kalten Jahreszeit heruntergeregelt werden, Sporthallen und Schulen werden zurzeit geprüft. Auch die Umrüstung der Straßenlaternen auf sparsame LED-Technik, die sich die Stadt 200 000 Euro im Jahr kosten lässt, ist eines der Mosaiksteinchen, um ökonomisch wie auch ökologisch zukunftsfähig zu sein.

Beim Strom wollen die Stadtwerke erreichen, dass ihr 300 Quadratkilometer großes Netzgebiet trotz des kontinuierlich steigenden Bedarfs bis 2035 komplett CO₂-neutral versorgt wird. Aktuell werden dort noch 54 Prozent des Bedarfs konventionell erzeugt. Zu schaffen ist das nur mit einem kontinuierlichen Ausbau der Sonnenenergie (nötig wäre ein Zubau von 68 Megawatt Maximalleistung) und Windenergie (Zubau von 48 MW), an dem sich möglichst viele private Kleinerzeuger sowie private Investoren oder Genossenschaften beteiligen sollten - durch Solarmodule auf dem Dach. Eine große PV-Freiflächenanlage gibt es in Kottgeisering an der Bahnlinie (fast drei Megawatt). Und im November wollen die Stadtwerke den Solarpark in Windach an der A 96 anschließen. Der dortige Solarpark soll etwa 2,3 Megawatt Leitung haben und damit annähernd 700 Vierpersonenhaushalte mit klimafreundlichem Strom versorgen. Für weitere Anlagen werden noch Grundstücke gesucht. Fortgesetzt wird auch das auf private Haushalte zugeschnittene Programm "FFB-Stromdach". Gleiches gilt für den Ausbau der Windkraft, für die die Politik in Bund und Land den Weg ebnen will. Ein Beitrag könnte nach Meinung des Oberbürgermeisters Erich Raff (CSU) die Reduzierung des Mindestabstands zur Wohnbebauung auf etwa tausend Meter sein. Die Stadtwerke betreiben die bislang einzigen Anlagen in Mammendorf und Malching, zwei weitere in der Gemeinde Maisach in den Ortsteilen Prack und Malching sind konkret geplant. Und das muss längst noch nicht das Ende der Fahnenstange sein. Eine Herausforderung auf dem Weg zum energieautarken Landkreis dürfte freilich der Ausbau der erforderlichen Netze sein.

Stadtwerke in Zahlen 2021 (und Vorjahr)

Mitarbeiter und Besucher Amperoase

Mitarbeiter 159 (155)

Besucher 97 661 (109 083)

Stromerzeugung in MWh

Blockheizkraftwerke 16 172 (17 489)

Wasserkraft 8656 (7646)

Photovoltaik 1569 (1230)

Windkraft 6500 (7043)

Technische Kennzahlen

Absatzmenge Strom in MWh 253 163 (245 790)

Strom-Hausanschlüsse 22 458 (22 257)

Fernwärme Absatzmenge in MWh 51 627 (47 025)

Fernwärmenetz in Kilometern 22 (22)

Fernwärme Hausanschlüsse 357 (356)

Kaufmännische Kennzahlen in Tausend Euro

Umsatzerlöse 96 926 (95 035)

Überschuss/Fehlbetrag -611 (2389)

Investitionen 6413 (4439)

Eigenkapitalquote in Prozent 49,9 (53)

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