Fürstenfeldbruck:"Höhere Fernwärmepreise schlagen unmittelbar durch"

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Fürstenfeldbruck: Die Energiezentrale West der Stadtwerke liefert neben Strom aus eigenen Solarpaneelen Fernwärme sowie Fernkälte vor allem für die benachbarten Industriebetriebe, Schule, Kita und Seniorenheim. Sie kann mit Hackschnitzeln sowie mit Gas und Öl betrieben werden.

Die Energiezentrale West der Stadtwerke liefert neben Strom aus eigenen Solarpaneelen Fernwärme sowie Fernkälte vor allem für die benachbarten Industriebetriebe, Schule, Kita und Seniorenheim. Sie kann mit Hackschnitzeln sowie mit Gas und Öl betrieben werden.

(Foto: Johannes Simon)

Die Stadtwerke und ihre Kunden profitieren noch von langfristigen Lieferverträgen für Gas. Im Interview machen Jan Hoppenstedt und Andreas Wohlmann aber klar, dass Energie teurer wird. Und sie sprechen über weitere Windräder und Geothermie.

Interview von Stefan Salger, Fürstenfeldbruck

Die Stadtwerke bieten ihren Kunden in einem weit über die Stadtgrenzen reichenden Versorgungsgebiet vor allem Strom, Gas und Fernwärme an. Geschäftsführer Jan Hoppenstedt und Vertriebsleiter Andreas Wohlmann reden im SZ-Interview über steigende Preise und mögliche Alternativen zu fossilen Brennstoffen bei der Stromerzeugung.

In welcher Form spüren die Stadtwerke die Kostenexplosion bei fossilen Brennstoffen?

Jan Hoppenstedt: Wir spüren sie sehr stark, haben das aber durch eine gute Einkaufsstrategie für unsere Kunden gut abpuffern können.

Wie und ab wann wirkt sich die von der Bundesregierung beschlossene Gasumlage auf die Preise der Stadtwerke für ihre Kunden aus?

Fürstenfeldbruck: Jan Hoppenstedt hat 2020 die Leitung der Stadtwerke übernommen.

Jan Hoppenstedt hat 2020 die Leitung der Stadtwerke übernommen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Jan Hoppenstedt: Die geplante Umlage für alle Gaskunden soll voraussichtlich ab dem 1. Oktober oder November gelten. Die genaue Höhe der Umlage ist laut Bundeswirtschaftsministerium bis spätestens Ende August bekannt beziehungsweise veröffentlicht. Diese hängt davon ab, welche Ausgleichsansprüche die Gasimporteure geltend machen. Gemäß Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck soll die Umlage zwischen 1,5 und fünf Cent pro Kilowattstunde betragen. Diese Gasumlage wird dann an die Bundesnetzagentur weitergegeben.

Wie teuer ist Erdgas aktuell für Stadtwerkekunden, und wann kommt die nächste Preiserhöhung?

Jan Hoppenstedt: Momentan zahlt ein Kunde rund acht Cent brutto pro Kilowattstunde. Der durchschnittliche Verbrauch eines Vierpersonenhaushalts liegt in der Regel bei circa 20 000 Kilowatt, anhängig von den Wetterbedingungen im Winter. Die Stadtwerke können aufgrund einer sehr vorausschauenden Einkaufsstrategie ihre Kunden momentan zu den bisherigen Konditionen bedienen. Allerdings ist eine Preiserhöhung zum 1. Januar möglich.

Sind auch andere Energieträger betroffen? Und mit welcher Verzögerung schlagen die hohen Bezugspreise durch?

Hoppenstedt: Betroffen sind ebenso andere Energieträger. Es wird relativ viel Strom mit Hilfe von Erdgas erzeugt. Aber auch Holzhackschnitzel sind deutlich teurer geworden. Und da unsere Fernwärme mit Erdgas und Holzhackschnitzel erzeugt wird, steigen folglich die Fernwärmepreise entsprechend.

Andreas Wohlmann: Die höheren Fernwärmepreise schlagen bei uns unmittelbar durch, Strom und Erdgas dagegen wegen der langfristigen Verträge erst mit einem Zeitversatz von bis zwei Jahren.

Stichwort Strom. Wenn ein Stromanbieter pleitegeht, fallen dessen Kunden an den Ersatzversorger. Gibt es viele solcher Fälle?

Hoppenstedt: Im Dezember gab es viele. Der größte war Stromio, das waren allein mehr als 500 Kunden, die damals zu uns gekommen sind. Mit einem Stromverbrauch von zwei Millionen Kilowattstunden. Diese Menge mussten wir kurzfristig am Markt besorgen. Wir haben deshalb einen zweiten Grundversorgungstarif eingeführt für diese Kunden. Das alles war für uns aber kein elementares Problem.

Könnten die Stadtwerke gestiegene Einkaufskosten kurzfristig überhaupt an den Verbraucher weitergeben?

Hoppenstedt: Ganz kurzfristig nicht, schließlich gibt es die Vorankündigungsfristen von etwa sechs Wochen, außerdem muss der Aufsichtsrat zustimmen. Langfristig müssen wir die höheren Preise aber an die Kunden weitergeben.

Wohlmann: Die Fernwärmepreise werden kontinuierlich angepasst. Bei Gebührenanhebungen für Strom und Erdgas muss man zudem den administrativen Aufwand sehen.

Hoppenstedt: Die Regel ist eine Anpassung einmal im Jahr, im Extremfall gibt es ein zweite.

Wie stehen die Stadtwerke beim Strom-Energiemix da und welche Ziele setzen Sie sich?

Hoppenstedt: 46 Prozent des Strombedarfs werden von uns selbst und von privaten Erzeugern in unserem Vertriebsgebiet heute schon regenerativ erzeugt, der Rest wird zugekauft.

Dabei handelt es sich aber ebenfalls um Ökostrom?

Wohlmann: Richtig, allerdings muss man das alles bilanziell sehen. 46 Prozent des verbrauchten Stroms im Landkreis werden regenerativ erzeugt. Und wir wollen auf 100 Prozent kommen, gemeinsam mit sämtlichen EEG-Anlagen. Unser Einspeisemanagement hat einen guten Überblick: es gibt um die 4000 Anlagen in unserem Netzgebiet, die Strom produzieren und ins Netz einspeisen.

Wie bewerten Sie das Engagement von Staats- und Bundesregierung bezüglich Förderung der Öko-Stromerzeugung?

Hoppenstedt: Es ist schon erstaunlich, was im Bereich Wind und Photovoltaik alles möglich ist und dass Belange von Schutzgütern wie Naturschutz und Denkmalschutz nun mal etwas zurücktreten müssen. Da gibt es schon ein spürbares Umdenken.

Öffnen sich durch die Lockerung von Denkmalschutzauflagen für die Windkraft in Bayern nicht neue Perspektiven? Konkret: Könnte dies bedeuten, dass die einst bei Puch geplante und am Denkmalschutz gescheiterte dritte Anlage doch noch gebaut werden darf und hätten die Stadtwerke daran überhaupt noch Interesse?

Hoppenstedt: Man könnte sich das schon überlegen. Eine Prüfung möchte ich nicht ausschließen, aber die Genehmigung wurde ja vom Verwaltungsgericht einkassiert, da müsste man das Windrad komplett neu beantragen und bewerten.

Können Sie Kunden helfen, die Energie sparen wollen? Gibt es den Trend zum Energie-Dienstleister, der eben nicht zwangsläufig am meisten verdient, wenn er am meisten Gas oder Strom oder Fernwärme verkauft?

Hoppenstedt: Wir raten unseren Kunden schon: Schaut auf euren Strom- und Wärmeverbrauch. Wir haben zwar keine Energieberatung, die in die Haushalte geht, doch sind wir an Schulen vertreten und motivieren mit unseren Tipps auf unserer Homepage die Kunden zum Energiesparen.

Nehmen wir ein Einfamilienhaus-Neubauprojekt zum Beispiel am Stadtrand von Bruck. Ihre Empfehlung? Niedrigenergiehaus, Wärmepumpe, Photovoltaik?

Hoppenstedt: Mit Empfehlungen sind wir vorsichtig, aber tendenziell klingt das nach einer guten Lösung. Fernwärme käme wohl infrage, wenn ein Anschluss vorhanden ist oder die Zuleitung für das Grundstück nicht zu lang ist.

Wohlmann: Es kommt immer aufs Gesamtkonzept an. Wenn das Haus gut gedämmt wird, dann sind Wärmepumpe und Photovoltaikanlage in der Regel schon sinnvoll ...

Hoppenstedt: ... und ein Speicher fürs Elektroauto.

Ist es richtig, dass die neue Amperoase mit Gas beheizt wird und ließe sich das noch umplanen?

Hoppenstedt: Das Energiekonzept steht noch überhaupt nicht. Im Zuge eines steuerlichen Querverbunds wäre es naheliegend, ein kleines Erdgas-Blockheizkraftwerk zu betreiben. Aber wie gesagt - es gibt noch kein Konzept. Wir werden das Fernwärmenetz auch weiter an der Lände angeschlossen haben. Wenn man zentral die Wärmeversorgung in Bruck CO₂-ärmer oder frei schalten würde, dann würden die Leute, die dranhängen, mitgehen. Man schaut, wie man den Fernwärmeausbau weiterbringt und man wird sich an zentraler Stelle Gedanken zu Geothermie, Hackschnitzel und Heizwerken machen.

Stadtrat Markus Droth von den Freien Wählern fordert in einem Antrag an die Stadt, diese möge unter Einbeziehung der Nachbarkommunen die Stadtwerke mit der Prüfung eben jener Geothermie beauftragen - für die Versorgung mit Wärme und Strom. Was halten Sie davon?

Hoppenstedt: Da gab es vor mehr als zehn Jahren eine Studie, die Ergebnisse waren aber eher ernüchternd.

Aber da waren die Gaspreise noch viel niedriger.

Hoppenstedt: Richtig, das war natürlich noch alles gegen den günstigen Gaspreis gerechnet.

Wohlmann: Es hat zuvor schon Untersuchungen in den Siebzigerjahren gegeben, im Zuge der Suche nach Erdöl. Deshalb kennt man den Untergrund gut. Es gibt im Vergleich mit Freiham, Unterhaching oder München schlechtere Bedingungen durch den Verlauf der Molasseschicht, an der sich warmes Wasser staut. Bei uns wird 70 Grad warmes Wasser vermutet, zur Stromerzeugung bräuchte man 100 Grad. Auch für die Fernwärme ist das nicht heiß genug, man müsste das Wasser zusätzlich erhitzen. Das müsste man sich nochmal anschauen.

Die Hoffnungen ruhen also weitgehend auf Windkraft und Photovoltaik?

Hoppenstedt: Ja, das sind erprobte Technologien. Große Projekte lassen sich bei der Photovoltaik in eineinhalb bis zwei Jahren realisieren; Windräder, wie wir zwei in der Gemeinde Maisach planen, stehen in der Regel fünf Jahre nach den ersten Planungen.

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