Smartphones Gefangen in der Filterblase

Zu einem bewussten Umgang mit dem Internet ermahnt Medienpädagoge Rainer Viehbeck die Brucker Berufsschüler.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Medienpädagoge Rainer Viehbeck klärt Fürstenfeldbrucker Berufsschüler über die Gefahren der Digitalisierung auf

Von Max Grassl

Ein chinesischer Ingenieur heiratet seine selbstgebaute Roboterfrau. Die Nachrichtenagentur Xinhua stellt ein virtuelles Programm vor, das Verhaltensformen von echten Nachrichtensprechern lernt und im Umkehrschluss übernimmt. Zwei Beispiele, die Rainer Viehbeck, der medienpädagogische, informationstechnische Berater an der Regierung von Oberbayern, in seinem Vortrag über Digitalisierung an der Berufsschule Fürstenfeldbruck nennt.

Man muss nicht bis zu den technik-affinen Großstädten Asiens schauen, um die Digitalisierung zu spüren. Es reicht, wenn man in seine Handtasche oder Hosentasche sieht - vorfinden wird man bei nahezu jedem ein Smartphone. Rainer Viehbeck kommt auf den täglichen Wegbegleiter immer wieder zu sprechen. Sei es dadurch, dass die Autoversicherungen mithilfe der installierten Karten-App und dem damit verbunden GPS-Tracking das Fahrverhalten der Benutzer analysieren und gegebenenfalls die Beiträge für rasante Fahrer erhöhen, oder Gesundheitskassen, die registrieren, wenn man Freunden Bilder vom ungesunden Mittagsessen schickt. Die Techniker Krankenkasse sowie die DAK Gesundheit werben sogar mit Zusatzprämien beim Tragen einer Smartwatch, mit ihr können die Daten noch akribischer erhoben werden. Schritte werden gezählt und der Puls überwacht - die Kassen freuen sich über soviel Körperbewusstsein.

Jeder, der ein Handy bei sich trägt und nicht völlig analog lebt, hinterlässt einen digitalen Fußabdruck. Die Datenmengen, die von jedem Einzelnen durch Google und andere Suchmaschinen gespeichert werden, sind undenkbar viele. Wissenschaftler der US Berkley School of Information haben zur Jahrtausendwende damit begonnen, den Zuwachs, der auf der ganzen Erde gesammelten Daten, zu schätzen. Einkaufshistorien von Kunden, Tweets, Suchanfragen, Lieder - alles, was sich in irgendeiner Form digital speichern lässt. 2002 waren es noch 5,6 Milliarden Gigabyte, 2011 wurde diese Datenmenge bereits binnen 48 Stunden produziert, 2013 in zehn Minuten. Dieses riesige Datenwachstum ist vor dem Hintergrund der Big Data ein Dauerthema der digitalen Transformation.

Viele der erhobenen Daten beziehen sich auf das User-Verhalten und treiben die "Personalisierung" voran. Die Nutzer bekommen nur noch das zu sehen, was zu ihrem Profil passt. So kann es passieren, dass ein Sportenthusiast das Wort "Golf" googelt und danach auf Seiten, die sich mit der Sportart befassen, verwiesen wird, ein Autoenthusiast jedoch nur Informationen zu einem Kleinwagen bekommt. Der User befindet sich dann in einer so genannten "Filter Bubble". Wir hören und sehen nur noch das, was die Internet Big Player denken, dass zu unserer abgestammten Überzeugung passt. Oft wissen wir gar nicht, dass die Daten gefiltert sind. All das auf Kosten der Meinungsvielfalt. Die Autorin Eli Pariser beschreibt das Phänomen in ihrem Buch "Filter Bubble - wie wir im Internet entmündigt werden".

Rainer Viehbeck ist neben seiner Tätigkeit als Berater an der Regierung von Oberbayern als Lehrer beim staatlichen beruflichen Schulzentrum bei Wasserburg am Inn angestellt. Er erzählt die Anekdote, als er an einem Sonntagabend mit einem Glas Wein den "Tatort" schaute und im Anschluss darauf die Push-Nachricht der ARD-Mediathek-App auf seinem Handybildschirm angezeigt bekommen hat: "Wie hat Ihnen der heutige Tatort gefallen?". Ein Schüler entgegnet, dass er mit einem Freund über Hundefutter redete und daraufhin Werbung dafür bei Instagram geschaltet bekommen hat- für Viehbeck ein durchaus realistisches Szenario.

Er betont dennoch, dass die Digitalisierung freilich nicht nur Negatives mit sich bringe. Er beschreibt intelligenten Straßenlaternen, die das Licht heller dimmen, wenn man sich ihnen nähert, und dunkler werden, wenn man sich von ihnen entfernt. Oder smarte Energienetze, die eine effiziente und zuverlässige Energieversorgung gewährleisten. Dennoch sind für ihn die negativen Folgen weitaus schwerwiegender als die positiven. Und deshalb wird Viehbeck nicht müde, den 70 Schülern immer wieder zum bewussteren Umgang mit dem Internet zu raten. Sie sollen verstehen, was die Floskel "das Internet vergisst nie" alles zu bedeuten hat. "Früher war sogar die Zukunft besser". Mit diesem Zitat des Kabarettisten Karl Valentin beendet er seine Präsentation.