Die meisten haben sich schon auf den Weg gemacht. Die Schwalben sind zum Überwintern in den Süden gezogen. Hierzulande haben sie den Sommer verbracht und ihren Nachwuchs großgezogen. Doch ihre Lebensbedingungen haben sich vielerorts verschlechtert. An zahlreichen Gebäuden, an denen sie früher ihre Nester bauen konnten, ist ihnen der Zugang versperrt, auch finden sie oft nicht mehr genügend Insekten als Nahrung. Zumindest im Landkreis Fürstenfeldbruck sind ihre Lebensumstände jedoch besser als gedacht. Das ist das Ergebnis einer Kartierung, die der Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV) jetzt vorgenommen hat und die viele neu entstandene Nester dokumentiert.
Grund für die Fürstenfeldbrucker Kreisgruppe des LBV, nachzusehen, wie es den Schwalben in diesem Jahr erging, war der Dauerregen im Spätsommer des vergangenen Jahres, dem bayernweit Tausende Schwalben zum Opfer gefallen waren. Aktive des LBV sprachen nun über zehn Monate hinweg landwirtschaftliche Betriebe sowie Eigentümerinnen und Eigentümer von Scheunen, Werkstätten und auch Wohnhäusern im ganzen Landkreis an, ob dort Schwalben brüten. Finanziell unterstützt wurde das Projekt „Schwalbenschutz“ von der Stiftung der Sparkasse Fürstenfeldbruck.

Kontakte zu 96 Standorten wurden aufgenommen, an 63 davon wurden 466 Nester von Rauchschwalben und 299 Nester von Mehlschwalben dokumentiert – im ganzen Landkreis, von Moorenweis im Westen über Egenhofen im Norden bis nach Gröbenzell im Osten. Der Starkregen vom Vorjahr hatte sich offenbar nicht so gravierend ausgewirkt wie befürchtet. Laut LBV deutet dies auf eine erfolgreiche Brut in der vergangenen Saison hin, die die Verluste durch das Extremwetterereignis weitgehend ausgleichen konnte.
„Schwalben sind ein Indikator für ein funktionierendes Ökosystem“, fasst Simon Weigl, Projektleiter und Artenschutzexperte des LBV Fürstenfeldbruck, zusammen: „Dort, wo sich viele Schwalben finden, sind ihre Lebensräume intakt.“ Etwa Kuh- oder Pferdeställe, Scheunen, offene Gebäude, in oder an denen sie nisten, unbefestigte Wege mit Lehmpfützen, in denen sie Nistmaterial finden, sowie eine Umgebung, die genügend Insekten als stabile Nahrungsgrundlage bietet. Das klingt erst einmal beruhigend. Denn eigentlich sind die Bestände der Schwalbenarten in ganz Bayern stark rückläufig: Die Rauchschwalbe, zu erkennen am schwarz-glänzenden Gefieder, der karminroten Kehle und Stirn und dem langen, gegabelten Schwanz, steht auf der Vorwarnliste der Roten Liste, die Mehlschwalbe ist als gefährdet eingestuft.
Denn den Schwalben gehen die Nistmöglichkeiten aus. Flächenversiegelung und Gebäudemodernisierung nehmen ihnen Lebensraum und Nahrungsgrundlage. Wie andere Gebäudebrüter leiden sie daran, dass Häuser und Stallungen keine offenen Strukturen mit An- und Einflugmöglichkeiten mehr haben wie etwa landwirtschaftliche Ställe früherer Zeiten. Vielen Menschen gelten sie zudem als nicht willkommene Untermieter.

„Das Höfesterben ist das größte Problem für die Schwalben“, sagt Simon Weigl. Die LBV-Kreisgruppe Fürstenfeldbruck lobt deshalb jene Gebäudeeigentümer, die die gefiederten Mitbewohner ganz bewusst dulden und zeichnet 26 von ihnen im Zuge der Kartierung mit der LBV-Plakette „Schwalbenfreundliches Haus“ aus.
Zu ihnen gehört auch die Familie Sepp, die in Germering den Hofladen „Beim Joche“ betreibt. Das große Gelände dort, die offene Stallhaltung und die tierfreundliche Umgebung ziehen vor allem Mehlschwalben an. Rund um den Hof gibt es laut Mitteilung des LBV etwa 40 Schwalbennester. Auch Reitställe sind ein von Schwalben bevorzugter Ort. Wie jener der Emmeringer Familie Göttler. Aus Rücksicht auf die Vögel, so berichtet es der LBV, steht dort im Stall ganz bewusst ein Fenster offen, damit die Vögel ein- und ausfliegen und ungestört brüten können.
Auch Peter Freytag öffnet über die Sommermonate eigens ein im Schiebetor zu seiner Werkstatt angebrachtes Fenster für die Schwalben. Freytag unterhält im kleinen Maisacher Ortsteil Diepoltshofen eine Werkstatt für Garten- und Landmaschinen. Er zeigt sich aufgeschlossen für die Bedürfnisse der Vögel. Es ist wohl das, was man friedliche Koexistenz nennen würde. Wenn die Vögel ihren Nachwuchs füttern, herrscht regelrecht „Tiefflugalarm“, berichtet er der SZ mit einem Grinsen. Und manche Begleiterscheinung nimmt er mit der nötigen Gelassenheit hin, etwa, dass er immer wieder den Kot der Vögel entfernen oder seine Maschinen davor mit einem Tuch schützen muss. Ein halbes Dutzend Nester war in diesem Jahr belegt, in manchen Jahren seien es auch doppelt so viele, erzählt er. Jetzt, wo es kalt wird in seiner Werkstatt und die Schwalben in Richtung Süden abgeflogen sind, kann er das Fenster im Tor wieder beruhigt schließen.



