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Schulunterricht:Mulmige Gefühle

Die Corona-Pandemie stellt Lehrer, Schüler und Eltern auf eine harte Probe. Manche haben Angst, andere kommen gut zurecht

Von Ingrid Hügenell

Peter Hilpert (Name geändert) macht sich Sorgen. Eigentlich ist er gerne Lehrer, aber im Moment geht er mit unguten Gefühlen in die Schule. Denn Hilpert hat eine chronische Erkrankung, durch die er als Risikopatient gilt. Außerdem ist seine Frau hochschwanger. "Alles andere wird komplett zugemacht, aber ich stehe in den vollen Klassen", sagt er. Bis zu 140 Kindern und Jugendlichen unterrichte er in einer Schule im Landkreis an manchen Tagen, dazu komme das Gedränge in den Gängen.

Martina Nusser holt Jakob (links) und Emilia von der Grundschule Mitte in Fürstenfeldbruck ab. Sie fürchtet, dass sie irgendwann in Quarantäne müssen. Für die berufstätige Mutter wäre das ein ziemlicher Spagat.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Was, wenn er krank wird und die Krankheit einen schweren Verlauf nimmt? Was, wenn er seine Frau ansteckt und die schwer an Covid-19 erkrankt? Würde das ungeborene Kind Schaden nehmen? Peter Hilpert weiß es nicht, niemand weiß das bisher. Mit ihrem mulmigen Gefühl fühlen er und seine Frau sich ziemlich allein gelassen. Weil Hilpert noch keine 40 ist, relativ fit, und sein Arzt die Krankheit gut im Griff hat, hat er kein Attest bekommen, das ihn vom Präsenzunterricht befreien würde. Was dem Lehrer nicht einleuchtet: Dass es bei niedrigeren Inzidenzzahlen Wechselunterricht gab, also immer nur die Hälfte der Klasse in der Schule war, und nun, da die Zahlen viermal so hoch sind, wieder alle Schülerinnen und Schüler kommen sollen. Was ihm ebenfalls nicht einleuchtet: Dass er im Unterricht mit Leuten aus mehr als hundert Haushalten zusammenkommt und privat nur einen anderen Haushalt treffen darf.

Bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kennt man Fälle wie den von Peter Hilpert gut. "Das sind so die gängigen Fragen, die an uns herangetragen werden", sagt Johannes Schiller, Hauptpersonalrat der GEW. Auch Lehrer, die in der Familie eine Risikoperson hätten, müssten wieder in den Schulen unterrichten und könnten sich nicht, wie während der ersten Welle, befreien lassen. Schiller berichtet vom Fall einer Lehrerin, deren Kind chronisches Asthma hat.

"Es ist nicht verwunderlich, dass in den Bildungseinrichtungen der Unmut und die Angst wachsen", heißt es in einem offenen Brief der Gewerkschaft an die Staatsregierung. Menschen könnten zu Schaden kommen, "weil sie einem nicht mehr kalkulierbaren Risiko ausgesetzt werden". Die Gewerkschaft weist auf die Fürsorgepflicht hin, die die Lehrer gegenüber den Kindern und Jugendlichen und der Staat als Dienstherr gegenüber seinen Mitarbeitern in Bildungseinrichtungen haben. Die Gewerkschaft fordert eine vorübergehende Reduzierung von Unterrichtszeit und Lehrplänen. So würden Lehrer frei, und man könnte in Kleingruppen und Wechselmodellen unterrichten. Auch Schichtbetrieb in den Schulen wäre laut GEW sinnvoll, dann wären auch die Schulbusse weniger voll. Nicht zuletzt würden Lehrer und Rektoren entlastet. "Wir Schulleiter haben keine Möglichkeit, mal abzuschalten", sagt Cathrin Theis, Leiterin der Grundschule im Olchinger Stadtteil Graßlfing. Ständig müsse wieder etwas neu organisiert werden. Ihr gehe es nicht um die Mehrarbeit, sondern um den Druck.

"Man muss die Lehrer schützen, und das wird auch gemacht", sagt Schulamtsleiterin Bettina Betz. Wenn sich Lehrer vom Präsenzunterricht in der Schule befreien ließen, stelle das die Schulen aber vor nicht geringe Probleme. Mobile Reserven oder Teamlehrkräfte müssen einspringen. Letztere sind Aushilfen, die den eigentlichen Lehrer in der Klasse vertreten und nach dessen Vorgaben arbeiten. Bis Ersatz organisiert sei, könnten drei oder vier Wochen vergehen, sagt Betz. Sie hält die Bedingungen in den Schulen durch Rahmenhygienepläne für vertretbar. "Lehrer sind unkündbar, haben einen sicheren Job", das müsse man auch bedenken, sagt sie. "Es gibt viele Leute, die in der Pflege arbeiten oder im Supermarkt an der Kasse sitzen." Natürlich müsse man die Lehrer schützen, aber es gebe eben "ängstliche und andere, die gerne kommen und wollen, dass die ganze Klasse da ist". Das Gros der Lehrer sei froh, wenn die Schüler da seien und sie mit ihnen arbeiten könnten.

Auch viele Kinder sind glücklich, wenn sie in die Schule gehen können, berichten Eltern auf Nachfrage. Andreas Rothenberger, 42, aus Fürstenfeldbruck verlässt sich auf die Hygienekonzepte der Schulen. Die neunjährige Tochter des BBV-Stadtrats besucht die vierte Klasse der Grundschule Mitte, Sohn Wenzel, zehn, die fünfte des Graf-Rasso-Gymnasiums. Zwiegespalten ist Martina Nusser. Denn der Wechselunterricht sei immer "ein Spagat, wenn man berufstätig ist". Dagegen stehe die hohe Inzidenz im Landkreis. "Ich bereite mich emotional auf Quarantäne und intensives Home-Schooling vor", sagt die 41-Jährige, die in Teilzeit als Bankkauffrau arbeitet.

Infizierte und Quarantäne

Die Bedenken zur Ansteckungsgefahr in der Schule sind nicht unbegründet. Das zeigen die Zahlen, die die Brucker Stadträtin Alexa Zierl seit Beginn der Pandemie täglich akribisch zusammenträgt. Zierl ist promovierte Informationstechnikerin. Was ihre Zahlen, die sie vom Landesamt für Gesundheit und vom Robert-Koch-Institut hat, deutlich zeigen: Bevor es im Landreis Wechselunterricht gab, waren die Ansteckungszahlen bei den Fünf- bis 14-Jährigen höher als die der anderen Altersgruppen. Im Wechselunterricht sanken sie - gegen den allgemeinen Trend. Zierls Folgerung: "Der Landrat hatte recht" - damit, den Wechselunterricht einzuführen. Vom 28. Oktober bis 12. November waren laut Landratsamt sieben Grundschulen und 13 weiterführende Schulen von Quarantänemaßnahmen wegen positiv getesteter Schüler betroffen. An sechs weiterführenden Schulen und einer Grundschule betrifft das mehr als eine Klasse. Ines Roellecke, Sprecherin der Kreisbehörde, erklärt die Bedingungen: Wer positiv auf das Coronavirus sei, müsse mindestens zehn Tage in Quarantäne, egal, ob er Symptome zeige oder nicht. Die Quarantäne endet nach Rücksprache mit einem Arzt, wenn es 48 Stunden lang keine Symptome mehr gab. Kontaktpersonen müssen 14 Tage in Quarantäne, in aller Regel betrifft das die ganze Klasse. Mehr als eine Klasse ist etwa betroffen, wenn ein positiv getesteter Schüler mit Schülern mehrerer Klassen Religion oder Ethik hatte. In Quarantäne müssen aber nur die, die wirklich Kontakt zu dem infizierten Schüler hatten. Im Landkreis gibt es mehr als 100 Schulen mit etwa 27 000 Schülern. ihr

Sie hat zwei Kinder, die siebenjährige Emilia und Jakob, acht, die in die Grundschule Mitte in Fürstenfeldbruck gehen. Beide freuten sich, dass sie ihre komplette Klasse wieder um sich hätten, erzählt Nusser. Dass sie einen Mund-Nasen-Schutz tragen müssten, sei ein Wermutstropfen. "Aber sie sehen es ein. Kinder machen das generell besser als die Erwachsenen, sie tolerieren und akzeptieren es." Was beide Kinder vermissten, sei der Sport. "Sie spielen Eishockey, Jakob auch Fußball." Das Auspowern gehe ihnen ab, vor allem Jakob sei hibbelig und angespannt. "Mir tun die Leute leid, die momentan diese Entscheidungen treffen müssen", sagt Nusser noch. "Die müssen viel einstecken."

Ein ähnlich ungutes Gefühl wie Lehrer Peter Hilpert hat Friedrich Pöltl, 47, seit er gesehen hat, wie sich auf dem Pausenhof seines Sohnes Schülerinnen und Schüler von zwei Schulen munter mischten, ohne Masken Fangen spielten und keine Abstände einhielten. Sein 14 Jahre alter Sohn besucht die Kerschensteiner Mittelschule in Germering, die sich den Pausenhof mit der Eugen-Papst-Schule, einem Förderzentrum, teilt. "Die Kinder reißen sich in den Bussen die Masken ab", hat Pöltl beobachtet, beim Eingang und auf dem Hof herrsche Chaos, zu wenige Lehrer führten die Aufsicht. Was er vor allem kritisiert: Nur zufällig habe er erfahren, dass es in der Eugen-Papst-Schule einige Schüler gab, die positiv auf das Coronavirus getestet worden waren. Diese Informationspolitik ärgert ihn, die Eltern der Kerschensteiner Schule müssten doch auch Bescheid wissen, da sich die Kinder ja begegneten.

"Ich habe Respekt vor dem Virus und versuche, nicht in eine Panik zu kommen", sagt Patricia Zak. Ihre Söhne Ben, zehn Jahre, und Finn, acht Jahre, besuchen die Emmeringer Grundschule, Tochter Lana, vier Jahre, den Kindergarten. Zak selbst ist Erzieherin. Sie sei dankbar, dass die Kinder in die Schule und den Kindergarten gehen könnten. "Wir halten uns seit 16. März an alle Vorgaben. Irgendwann wird das zur neuen Normalität." Schwer zu erklären sei aber, dass derzeit die Kinder vormittags ihre ganze Klasse treffen, nachmittags aber nur ein Kind Besuch bekommen darf. Mit dem Wechselunterricht seien sie auch gut zurecht gekommen. "Wir sind froh um alles, was wir haben." Die Kinder gingen mit der Situation gut um. "Wir sprechen offen über Abstandsregeln, über die Masken. Kinder sind anpassungsfähiger als wir Erwachsenen." Kein Verständnis habe sie für Eltern, die Kinder für Demonstrationen instrumentalisieren. "Die Kinder selbst kommen ja nicht auf so eine Idee."

Zu den Ängsten und Bedenken kommt bei vielen Gesprächspartnern Unverständnis, nicht nur darüber, dass der Wechselunterricht trotz steigender Infektionszahlen wieder aufgegeben wurde. Eltern und Lehrer fragen sich auch, warum es noch keine Luftreinigungsgeräte an den Schulen gibt, zumal es beim Stoß- und Querlüften inzwischen doch recht frisch wird. "Es geht leidlich", sagt Cathrin Theis von der Grundschule Graßlfing. Gegen die Kälte setze man auf das Zwiebelprinzip. "Die Kinder sollen Schals und Fleecejacken überziehen, nicht, dass sie vom Lüften krank werden." In der Stadt Olching hatten die Schulleiter immerhin schon Gelegenheit, sich die Geräte im Rathaus anzuschauen. Wie Geschäftsleiter Jürgen Koller mitteilt, will die Stadt "mit der Schulfamilie den Markt sondieren." Für die vier Grund- und eine Mittelschule in der Trägerschaft der Stadt könnte man einen Betrag im sechsstelligen Bereich ausgeben. "Das ist eine komplexe Entscheidung", sagt Koller.

Theis erklärt, wieso: "Die meisten Geräte sind einfach zu laut." Andere, die mit Ozon funktionieren, röchen entsprechend und reizten die Augen. Und wieder andere seien zwar leiser, aber noch nicht für Schulen zugelassen. Eine Lösung gebe es noch nicht. Die Stadt suche aber weiter. Trotz allem Stress, Druck und aller Unsicherheit appelliert Theis an alle Beteiligten: "Wir müssen nach vorne schauen und solidarisch sein. Positives Denken und Optimismus sind gefragt." Wie die zweifach Mutter Nusser fordert auch Theis Verständnis für die Entscheidungsträge auf allen Ebenen: "Wer möchte schon diese Entscheidungen treffen müssen?"

© SZ vom 14.11.2020
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