Nach den Schüssen in MünchenLeere Stühle, gedrückte Stimmung

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Alles ist vorbereitet, doch dann wird die Gedenkveranstaltung abgesagt.
Alles ist vorbereitet, doch dann wird die Gedenkveranstaltung abgesagt. Carmen Voxbrunner

Unter dem Eindruck des mutmaßlichen Anschlags auf das israelische Generalkonsulat sagt das Landratsamt die Gedenkveranstaltung für die Opfer des Olympia-Attentats vor dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck ab.

Von Erich C. Setzwein, Fürstenfeldbruck

Nach dem mutmaßlichen Anschlag am Donnerstagmorgen in München ist die Gedenkveranstaltung für die Opfer des Olympia-Attentats vor dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck sofort abgesagt worden. Wie seit 1997 üblich, hätten sich vor dem Tor der Kaserne interessierte Bürger mit Angehörigen der Opfer, Vertretern aus Politik und Gesellschaft sowie des Staates Israel versammelt, um an die elf am 5. September 1972 von palästinensischen Terroristen ermordeten israelischen Sportler und einen bayerischen Polizeibeamten zu erinnern. So aber blieben die Stühle der Ehrengäste unbesetzt, und andere Besucher mussten an den von der Polizei gesperrten Zufahrtsstraßen zum Fliegerhorst kehrtmachen.

„Wenn sie das wollten, dann haben sie ihr Ziel erreicht“, sagt der Gröbenzeller Bildhauer Hannes L. Götz. Er kommt am Donnerstagvormittag an der Hauptwache des Fliegerhorstes Fürstenfeldbruck an, ahnend, dass es wohl nichts werden wird mit der Gedenkveranstaltung. Denn an diesem 5. September wäre auch ein Jubiläum begangen worden; seit 25 Jahren wird die Veranstaltung vor dem von ihm geschaffenen Gedenkstein abgehalten. „Man hätte es nicht absagen müssen“, sagt der 91-Jährige, als er aus dem Auto steigt. Götz macht einen verärgerten Eindruck: „Man gibt jetzt wieder nach.“

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Es sind noch nicht viele Informationen aus München nach Fürstenfeldbruck gelangt, aber Götz und andere, die allerdings dienstlich vor dem Fliegerhorst stehen, ziehen Parallelen: ausgerechnet vor einer israelischen Einrichtung in München und dem NS-Dokuzentrum, ausgerechnet am Gedenktag in Fürstenfeldbruck. Niemand der Sicherheitskräfte oder Luftwaffenoffiziere äußert eine offizielle Meinung, aber das Stimmungsbild ist eindeutig. Man lebe jetzt mit einer Bedrohung.

Die Absage aus dem Landratsamt erreicht die Ehrengäste, unter ihnen die Generalkonsulin des Staates Israel in München, Talya Lador-Fresher, und die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, kurzfristig. Nicht mehr umdrehen auf dem Weg nach Fürstenfeldbruck wollen die Fahrradfahrer mit Mitgliedern des Sportklubs Maccabi München. Sie erreichen Fürstenfeldbruck unter starkem Polizeischutz fast pünktlich und dürfen sofort in den Fliegerhorst fahren.

Der Bildhauer Hannes L. Götz legt einen Kiesel an dem von ihm geschaffenen Gedenkstein ab.
Der Bildhauer Hannes L. Götz legt einen Kiesel an dem von ihm geschaffenen Gedenkstein ab. Carmen Voxbrunner

Für Hannes L. Götz ist es dennoch ein besonderer Moment, als er vor seinem Gedenkstein aus Stahl und Stein steht und aus einem wie jedes Jahr bereitgestellten Körbchen einen Kieselstein herausnimmt und ihn zu den vielen anderen Steinen legt, die nach altem jüdischen Brauch zur Erinnerung abgelegt werden. Über einige Steine ist schon Moos gewachsen, die mächtige Steinschale hat, ebenso wie die zwölf aufwärts strebenden Stahlstäbe, Patina angesetzt. „Und so soll es auch bleiben, es soll nicht gereinigt werden“, sagt Götz. Er ist der Meinung, dass der Gedenkstein nach der Öffnung des Fliegerhorstes und der Nutzung des alten Towers als musealem Erinnerungsort vor dem Tower aufgestellt werden sollte.

An den Gedenkstein kommt dann auch der frühere Kasernenfeldwebel Xaver Hanrieder und erinnert sich gemeinsam mit Götz an die Bauarbeiten, als das fast acht Tonnen schwere Gebilde im Sommer 1999 aus dem Garten des Ateliers in Gröbenzell nach Fürstenfeldbruck gebracht wurde. Hanrieder, der vor zehn Jahren aus dem aktiven Dienst in der Bundeswehr ausgeschieden ist, hat sich als Reservist wieder seine Tarnuniform mit den Rangabzeichen eines Oberstabsfeldwebels angezogen, um in der Truppe auszuhelfen. Momentan seien es viele ehemalige Soldaten, die im Fliegerhorst den Laden am Laufen hielten. Wie auch Dieter Rubenbauer, früher Bürgermeister von Gröbenzell, der derzeit als Oberst der Luftwaffe in der Führung der Offizierschule dient. Er ordnet die abgesagte Gedenkveranstaltung in die weltpolitische Lage ein und macht auf die Auswirkungen auf Fürstenfeldbruck aufmerksam.

Im Fliegerhorst ist zur Erinnerung an die ermordeten Sportler die israelische Flagge aufgezogen worden.
Im Fliegerhorst ist zur Erinnerung an die ermordeten Sportler die israelische Flagge aufgezogen worden. Carmen Voxbrunner

Vor 52 Jahren war der Fliegerhorst am 5. September Schauplatz des gescheiterten Befreiungsversuches von neun israelischen Geiseln durch die bayerische Polizei. Nachdem sie in München bereits zwei Angehörige der israelischen Nationalmannschaft, Moshe Weinberg und Yossef Romano, umgebracht hatten, ließen sich die acht palästinensischen Terroristen der Gruppe „Schwarzer September“ mit ihren neun Geiseln nach Fürstenfeldbruck fliegen, um von dort mit einer bereitgestellten Lufthansa-Maschine ausgeflogen zu werden. Als die Terroristen die ihnen von der Polizei gestellte Falle erkannten, begann ein Schusswechsel, in dessen Verlauf sie die in zwei Hubschraubern gefesselten Geiseln ermordeten. Dort starben David Berger, Ze’ev Friedman, Yossef Gutfreund, Eliezer Halfin, Amitzur Shapira, Kehat Schorr, Mark Slavin, André Spitzer und Yakov Springer. Bei der Schießerei wurde auch der Polizist Anton Fliegerbauer getötet.

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Der Landkreis Fürstenfeldbruck erinnert seit 1997 an die Opfer des Olympia-Attentats. Eine Jury wählte 1998 den Entwurf von Hannes L. Götz aus und ließ ihn den von zwölf Stahlstangen umringten Stein bauen. Es ist, wie Götz sagt, wie eine dreidimensionale Menora, die auf drei Stufen aus Granitsteinen steht, die wiederum die Form des siebenarmigen Leuchters darstellen. Die zwölf dicken nach oben züngelnden Flammen sollen sowohl an die zwölf Stämme Israels als auch an die zwölf Opfer des Attentats von 1972 erinnern. „Kleine Steine liegen oben auf, wollen Zeugnis abgeben, sind stumme Stein-Zeichen des Erinnerns an eines der größten terroristischen, an zivilen Menschen verübten Massaker der Menschheitsgeschichte“, schrieb Götz in dieser Woche in einem Brief an Charlotte Knobloch.

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