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Schöngeising:Sehnsuchtsort

Erzähltheater 'Fremd.Sein.Heimat', am Jexhof

Großes Theater in der Scheune: Michaela Stögbauer und Kurt Schürzinger erzählen in Fragmenten eine Geschichte von Heimat, Flucht, Versöhnung.

(Foto: Matthias Döring)

Ein Erzähltheater thematisiert auf dem Jexhof berührend eine Vertreibung

Was genau ist eigentlich Heimat? Ein Ort? Ein Geruch? Menschen und ihre Traditionen? Oder vielleicht eher ein Lied? Fest steht jedenfalls, denkt sich der nachdenkliche Besucher nach der Aufführung von "Fremd. Sein. Heimat.", dass "die Heimat" in der Erinnerung ein bisschen aufgehübscht wird. Wie das eben so ist mit dem menschlichen Gedächtnis: Es neigt dazu, vom Positiven mehr zu behalten, dafür vom Negativen lieber weniger. Und fest steht auch, dass die Menschen gut daran tun, ihre Heimat "loszulassen", wenn sie sie aus welchen Gründen auch immer verloren haben.

Das ist das Resümee eines gleichermaßen unterhaltsamen und anregenden Besuchs eines Erzähltheaterstücks im Bauernhofmuseum Jexhof. Die in Schöngeising lebende Schauspielerin Michaela Stögbauer ist sozusagen dessen Urheberin. Es ist die Geschichte ihrer Familie, die vor und nach dem Zweiten Weltkrieg vom tschechischen Teil des Böhmerwaldes in den österreichischen und deutschen Teil, den Bayerischen Wald, umgesiedelt sind. Sie machte aus den Erzählungen ein 800 Seiten langes Manuskript und der inzwischen verstorbene Autor Franz Csiky ein Theaterstück für zwei Personen.

Und so spielt Stögbauer als Linda sich selbst, dazu ihre Mutter Theres sowie deren Mutter Anna, die Mamiomi heißt, und noch zwei weitere Figuren. Ihr Partner Kurt Schürzinger ist als Jost Lindas Bruder, er spielt den in die Vereinigten Staaten geflohenen Onkel, noch einen Onkel und drei weitere Personen. Mittels einer Requisite, oft ein Hut, wechseln die Schauspieler ihre Rollen, wo es passt hat Regisseur Rolf P. Parchwitz, der Mann von Michaela Stögbauer, eine Abblende inszeniert. Spielerische Veränderungen wie etwa die verschiedene Aussprachen helfen den Zuschauern bei der Orientierung. Bei Kurt Schürzinger ist das leicht zu unterscheiden, wenn er etwa den braunen Filzhut aufsetzt und in einem schwer verständlichem, deutlich amerikanisch-gefärbten Deutsch spricht, bei Michaela Stögbauers drei Frauen aus drei Generationen ist das schwieriger. Doch die zierliche, fast mädchenhaft wirkende Schauspielerin fasziniert mit einer unglaublich tiefen Stimme und breitem Niederbayerisch, wenn sie das rote Kopftuch überzieht und zu ihrer Großmutter wird.

"Wir waren für die Bayern immer die Rucksackdeutschen", erzählt die 1934 im Böhmerwald geborene Theres. Lebenslange fehlende Wertschätzung schwingt in diesem Satz mit. Und Kampfgeist: "Meine Tochter, die Linda, ist eine Deutsche." In vielen kleinen Einzelszenen wird so die Geschichte einer ganzen Familie, und da sie denen vieler anderer Familien gleicht, kann man getrost sagen: einer ganzen Generation erzählt.

Da ist die Mamiomi, die vom Böhmerwald schwärmt: dem guten Essen, dem Singen und Tanzen. Ebenso der in die Staaten geflohene Onkel, der feststellt: "Das Bier schmeckt in Amerika halt doch nicht so gut wie im Böhmerwald oder Bayern." Ein Verteibungsbescheid vom 15. Mai 1949 wird vorgelesen, mit Termin und genauen Anweisungen, etwa dass jede Familie nur 50 Kilogramm und 1000 Reichsmark mitnehmen darf. Eine Szene spielt direkt nach der Vertreibung. "Unser Haus war voll bis unters Dach", also schlief sie bei den Kindern im Bett, erinnert Mamiomi. Den Rahmen der Geschichte bildet ein Fluchtkoffer, den Linda und Jost erben. Da in Fragmenten über drei Generationen hinweg bis in die Gegenwart erzählt wird, werden immer wieder Bezüge zur aktuellen Situation mit vielen Geflüchteten hergestellt - und Verständnis für ihre Situation erzeugt.

Einige Szenen, in denen Stögbauer und Schürzinger mit Clownsnasen am Stammtisch sitzen, sind eine deutliche Kritik an den platten Parolen von rechten Sympathisanten. Als "Fremd. Sein. Heimat" 2016 nach jahrzehntelanger Entstehungsphase am Jexhof uraufgeführt wurde, kamen gerade sehr viele Geflüchtete nach Deutschland.