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Schauspiel und Musik:Ein Leben für die Kunst

Godela Orff

Godela Orff in ihrem Haus in Grafrath im Jahr 2006: Die Vermittlung der Musik des Vaters war ihr großes Lebensthema.

(Foto: Günther Reger)

Die Grafrather Schauspielerin und Musikpädagogin Godela Orff wäre an diesem Sonntag 100 Jahre alt geworden

Von Florian J. Haamann, Grafrath

Das Überbleibsel einer Tragödie. So beschreibt sich die Schauspielerin und Musikpädagogin Godela Orff in ihrem Buch über ihren Vater. Die Tragödie ist dabei die leidenschaftliche, aber nur kurze Ehe von Carl Orff mit der Schauspielerin Alice Solscher - nach nur einem Jahr ist davon nicht mehr viel übrig. Bis eben auf die am 21. Februar 1921 geborene Godela. An diesem Sonntag wäre die Wahl-Grafratherin 100 Jahre alt geworden.

Mehrere Jahrzehnte hatte sie bis zu ihrem Tod am 6. April 2013 in ihrer Grafrather Villa gewohnt, auf dem Grundstück, das ihre Großeltern 1906 gekauft hatten. "Voller Dankbarkeit lebe ich heute an dem selben Ort wie sie damals, unter den Bäumen, die sie gepflanzt haben, in der vertrauten, sanften oberbayerischen Landschaft, in der ich 'daheim' bin", schreibt Orff in ihren Erinnerungen. Das Anwesen der Großeltern war vor allem in ihrer Kindheit ein Ankerpunkt für Godela Orff. Denn nach der Trennung der Eltern wird sie ab ihrem zweiten Lebensjahr "bei verschiedenen Leuten abgestellt", wie sie schreibt. Alleine in den ersten vier Schuljahren habe sie neunmal die Schule wechseln müssen. Erst eine Lungenkrankheit führt zu ein wenig Beständigkeit, von 1931 bis 37 schickt sie der Vater, der sein Leben seinem Werk verschrieben hat, in die Schweiz. "Unverständlich bleibt mir bis heute, dass mein Vater mich nicht bei meinen geliebten Großeltern aufwachsen ließ".

Zumindest zu Besuchen kommt sie aber immer wieder nach München und Grafrath, bringt ihrem Vater bedingungslose Liebe entgegen, fühlt sich in diesen Zeitfenstern wohlbehütet. Eine wichtige Rolle spielt neben dem Vater die Großmutter, eine gebildete und musikalische Frau.

"Wir musizierten zusammen und mein Musikempfinden wurde entwickelt, mein Gehör und Gefühl sensibilisiert und die natürliche Freude an Klang und Rhythmus geweckt", erinnert sich Orff an die Zeit bei ihrer Großmutter zurück.

Mit 16 Jahren zieht Orff dann aus der Schweiz zurück nach München zu ihrem Vater. "Hier erwarteten mich gleich große Aufregungen. Mein Vater machte mir klar, dass ich Schauspielerin werden solle und mich bemühen müsse, ein Stipendium an der Staatlichen Schauspielschule zu bekommen", so Orff. Eine Nacht lang habe sie ihrem Traum, Medizin zu studieren, nachgeweint. Dann sei sie dem Wunsch gefolgt. Orff bekommt während der NS-Zeit ein Stipendium an der Staatlichen Schauspielschule in München, noch während ihrer Ausbildung erhält sie erste Hauptrollen und hat als 18-Jährige am Staatsschauspiel ihre erste große Rolle als Luciana in Shakespeares "Komödie der Irrungen". Sie kommt schnell voran, ihr Vater schreibt für sie "Die Bernauerin". "Ich erlebte eine Traumkarriere ohne Mühe. Ich war aber auch fleißig", schreibt Orff über diese Phase, ihr Gesicht ist in den Illustrierten zu sehen, die Presse angetan.

Doch dann entscheidet sich Orff gegen die Karriere, die sie ja nicht selbst für sich gewählt hatte. "Stattdessen blieb ich zuhause, widmete mich Mann, Heim und Tieren und nützte meine beruflichen Möglichkeiten nicht aus". Das Verhältnis zum Vater war bereits abgekühlt, nachdem er die bedingungslose Liebe, die sie ihm und seinem Werk gegenüber gezeigt hatte, nicht erwiderte und stattdessen erneut heiratete. Orff lernte zu unterscheiden: zwischen dem Vater als Menschen und als Künstler. Zweiteren schätzte und bewunderte sie, widmete ihm ihre zweite Karriere. In den Fünfzigern präsentierte sie sein Schulwerk im Bayerischen Fernsehen, war von 1963 bis 1975 Sprecherin bei der Vertonung seiner musikpädagogischen Werke. 1969 wurde sie vom Mozarteum damit beauftragt, am Orff-Institut eine Abteilung "Spracherziehung und Sprachgestaltung" aufzubauen, dort war sie viele Jahre Dozentin, unterrichtete später Lehrer. Als Vermittlerin des väterlichen Werks war sie stets mit ihm verbunden - und hat sich doch einen eigenen Namen gemacht.

© SZ vom 20.02.2021
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