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Schauplätze der Geschichte:Bruderzwist und Familienfrieden

Hoflach Fresken

Der Familienzwist der Wittelsbacher gipfelte 1422 in der Schlacht bei Alling.

(Foto: Schmidt)

Im 15. Jahrhundert streiten sich die Wittelsbacher nicht nur um das Erbe Kaiser Ludwigs des Bayern, sondern auch um eine standesgemäße Heirat. Ein Wandgemälde in der Kapelle bei Hoflach zeigt den Kampf bei Alling im Jahr 1422, der von späteren Chronisten zur blutigen Schlacht ausgemalt wird.

Von Peter Bierl

Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit, lautet ein ebenso bekannter wie falscher Spruch. Falsch deshalb, weil der Satz unterstellt, in Friedenszeiten würde stets die Wahrheit gesagt. Das Fresko in der kleinen Kapelle von Hoflach bei Alling im Landkreis Fürstenfeldbruck ist dafür ein Beleg. Dargestellt wird die sogenannte Schlacht bei Alling am 19. September 1422, ein Scharmützel zwischen Verwandten aus dem Hause Wittelsbach, die ihren Familienzwist um Macht und Herrschaft blutig austrugen. Von späteren Chronisten sei das Ereignis ziemlich übertrieben dargestellt worden, einige Aspekte seien frei erfunden und auf dem Bild werde die Versöhnung zwischen Herzog Ernst und seinem Sohn Albrecht III. in den Vordergrund gerückt, sagt der Kunsthistoriker Lothar Altmann, der sich mit dem Fresko und dem Gefecht intensiv beschäftigt hat.

Nach dem Tod von Kaiser Ludwig dem Bayern 1347 auf der Bärenhatz bei Puch schwand der Einfluss des Hauses Wittelsbach im Reich rasch wieder. Die Erben stritten untereinander, was zu einer Dreiteilung Altbayerns in die Herzogtümer Bayern-München, Bayern-Ingolstadt und Bayern-Landshut führte. Herzog Ludwig III. von Bayern-Ingolstadt lebte eine Zeitlang am französischen Hof, heiratete dort zwei hochadelige Witwen und wurde zu einem der reichsten Männer Europas. Weil er den Bart nach französischer Mode stutzte, trug er den Beinamen der Gebartete.

Ludwig versuchte, seine bayerischen Besitzungen auszuweiten, und legte sich mit Herzog Heinrich von Bayern-Landshut sowie den gemeinsam regierenden Herzögen Ernst und Wilhelm von Bayern-München an. Ludwig machte geltend, er sei bei der Landesteilung zu kurz gekommen. Einen für ihn ungünstigen Schiedsspruch des Römischen Königs akzeptierte er nicht. Gleichzeitig machte er den Burggrafen von Nürnberg das Recht auf die Mark Brandenburg und die damit verbundene Kurwürde streitig. Mit seinem Vorgehen isolierte sich Ludwig und wurde mit dem Kirchenbann belegt. Er warb im Ausland Söldner an und überfiel von seinen Besitzungen aus schlecht geschützte Nachbarn. Etwas anderes als diese Nadelstichtaktik blieb ihm angesichts der Vielzahl seiner Feinde nicht.

1422 schloss Ludwig mit Heinrich von Bayern-Landshut und mit den Nürnberger Grafen dann einen Waffenstillstand. Als König Sigmund mit den Hussiten in Böhmen beschäftigt war, schien Ludwig die Gelegenheit günstig und so wies er seine Hauptleute an, mit etwa 500 Söldnern und zwangsrekrutierten Bauern von der Amper her nach München vorzustoßen. Altmann vermutet, dass Ludwig gehofft hatte, Zwistigkeiten in der Stadt ausnutzen zu können. Das Kalkül ging nicht auf. Ludwigs Truppe brannte auf dem Marsch nach München die Dörfer Aubing, Gauting, Germering und Pasing nieder. Rauch und Flammen alarmierten die Münchner Herzöge, die mit Reitern und Fußvolk nach Westen eilten. Bei Puchheim "am Bühel vor dem Wald jenseits des Wassers" sollen sie Ludwigs Truppen überrumpelt haben. Mit dem Wasser könnten Starzelbach und Gröbenbach gemeint sein, sagt Altmann.

Die Einheiten von Herzog Ernst waren wohl besser ausgerüstet und ausgebildet und auch besser motiviert als die zwangsrekrutierten Bauern Ludwigs. Dessen Ritter waren möglicherweise gerade abgesessen und konnten bei dem Überfall mit ihren schweren Rüstungen nicht mehr rechtzeitig die Pferde besteigen. Auf den Überraschungseffekt verweist auch der Umstand, dass es nur wenige Tote und Verletzte, dafür aber viele Gefangene gab. Auf jeden Fall scheinen die Münchner eine deutliche Übermacht besiegt zu haben. Für Phantasie hält Altmann jedoch die Darstellung, die Münchner Fußtruppen hätten nach vorangegangenem Marsch und Kampf die fliehende feindliche Reiterei bis ins Dachauer Moos oder ins Haspelmoor verfolgt.

Altmann hat die ältesten Überlieferungen mit späteren Darstellungen verglichen. "Die Geschichte wurde immer weiter aufgebauscht", sagt er. Aus dem Scharmützel wurde eine blutige Schlacht. Die Chronisten vermehrten die Zahl der Feinde und der Gefangenen, verlängerten die Dauer des Geschehens auf drei Tage und dehnten die Kampfzone bis Menzing aus, wodurch aus der 1432 erstmals erwähnten Blütenburg eine Blutenburg wurde. Dass die Ingolstädter die Stadt München hätten stürmen wollen, hält Altmann ebenso für eine spätere Erfindung wie die Erzählung, dass ein Hauptmann eine Attacke auf das Münchner Angertor gewagt haben soll. Zum Dank für den Sieg stifteten Ernst und Albrecht die kleine Kirche bei Hoflach. Altmann vermutet, dass die Kapelle erst zehn Jahre nach dem Gefecht gebaut wurde. Auch die Entstehungszeit des sieben Meter langen Wandfreskos hat der Kunsthistoriker neu bestimmt. Die Angabe, das Gemälde sei um 1425 entstanden, also schon drei Jahre nach der Schlacht, hält Altmann für unwahrscheinlich. Verewigen ließen sich darauf Vater und Sohn samt adeligem und bürgerlichem Gefolge und himmlischem Beistand. Die Waffenröcke sind entsprechend der Mode um 1430 gestaltet. Auf dem Wappen des Rahmens sind die Mutter und die Gemahlin des siegreichen Herzogs Ernst dargestellt. Dazu ist die heilige Anna zu sehen und die verweist laut Altmann auf Anna von Braunschweig, die Herzog Albrecht erst 1437 auf Geheiß des Vaters heiratete, nachdem dieser Albrechts erste Gemahlin, Agnes Bernauer, 1435 hatte ertränken lassen. Herzog Ernst war gegen diese Heirat seines Sohnes mit einer Bürgerlichen gewesen.

Ein wesentliches Motiv für den Maler war es demnach, die Versöhnung zwischen Vater und Sohn zu demonstrieren. Die Episode, wonach Herzog Ernst seinen Sohn in der Schlacht aus einer Schar von Feinden herausgehauen haben soll, gibt es in der frühen Überlieferung gar nicht. Damit sollte Ernst als sorgender Vater herausgestellt werden, um sein brutales Vorgehen gegen die Bernauerin zu überdecken, vermutet Altmann. Entsprechend gilt die Hoflacher Kapelle als Votivkapelle für die glückliche Befreiung Albrechts durch seinen Vater. Diese Interpretation sei erst lange nach der Schlacht möglich gewesen. Alle diese Indizien weisen für Altmann darauf hin, dass das Fresko, dessen Maler unbekannt ist, erst um 1437 entstand.

Außer Frage steht die weitreichende Bedeutung des Gefechts. Für Ludwig den Gebarteten ging es von da an bergab. Im Oktober 1422 musste er einen Waffenstillstand schließen. Sein Teilherzogtum übernahm ein königlicher Verwalter. Schließlich rebellierte sein eigener Sohn Ludwig der Bucklige mit Unterstützung der Münchner und nahm den Vater 1443 gefangen. Seine letzten vier Lebensjahre verbrachte Ludwig als Geisel in Festungshaft in Burghausen. Sein Besitz fiel an Bayern-Landshut. 1503 wurde Bayern unter Herzog Albrecht dem Weisen wiedervereinigt.

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© SZ vom 05.09.2014

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