Satire Hirn, Humor und Haltung

Die Fachjury kürt Gregor Pallast zum Sieger der zweiten Vorrunde des Paulaner-Solo-Wettbewerbs in Fürstenfeldbruck.

(Foto: Günther Reger)

Politisches Kabarett feiert in der zweiten Runde des Paulaner-Solo-Wettbewerbs ein höchst unterhaltsames Comeback

Von Sonja Pawlowa, Fürstenfeldbruck

In der zweiten Vorrunde beim Paulaner-Solo-Wettbewerbs 2019 sind wie gewohnt Vertreter unterschiedlicher Genres gegeneinander angetreten. Man kann von einem sehr sportlichen Wettbewerb sprechen. Für die Fachjury zählt nur die Bühnenpräsenz und Originalität des Künstlers innerhalb des Zeitfensters, das ihm zur Verfügung steht. Hart, aber gerecht.

Rudi Schöller hätte um ein Haar seinen Auftritt in Fürstenfeldbruck verpasst. Nach einem Zwischenstopp bei den Eltern in Linz geriet er in den Wochenendstau. Smart berichtet er von seinem Vater, der sich Youtube-Videos ausdrucken will, und seiner Mutter, die den Reifungsprozess der Nachbarstomaten in Google Maps verfolgt - das erntet Lacher. Schöllers Moderne zwischen Homeoffice und Biosupermarkt ist allgegenwärtig: Von Slow Food "Wenn ein Hamburger Fast Food ist, dann müsste man mit einem Dinkelweckerl zeitreisen können" bis hin zu glücklichem Fleisch vom Wellness-Bauern, der "das Bioschwein im Spa-Bereich zu Tode massiert". Dass er nicht nur österreichische Klangfärbung kann, beweist Schöller gesanglich. Udo Lindenberg, Herbert Grönemeyer und Jan Delay als Künstlergruppe mit einem Lied für Angela Merkel - Schöller, der Sprach-Tausendsassa.

Mit Musik ging es weiter. Franziska Ball und Marty Jabara traten als Clara Loft und Piano Reaves in Sachen Erziehung von Teenagern, Aging und Midlife Crisis an. Musikalische Geschichten aus dem Leben einer Mutter und Ehefrau, viel Selbstironie, klanglich bebildert von einer facettenreichen professionellen Singstimme. Marty Jabara brilliert nicht nur am Klavier, sondern warf bisweilen trockene Kommentare ein, ganz wie ein griechischer Chor. Da treffen Liedtexte über schlampige 13-jährige Jungs auf ungewaschene Ohren. Denn der Sohn findet ein Leben ohne Dusche höchst löblich: "Jetzt chill doch mal, ich will doch nur Wasser sparen." Beliebte und bekannte Melodien von "Don't stop me now" bis "Those were the days" erzeugen Wohlbefinden und unterhalten großartig. Kurzum: ein Antidepressivum.

Nach der Pause wurde es ernst. Gregor Pallast brachte mit kritischen Inhalten die alte Tugenden des Politkabaretts zurück, nämlich Hirn, Humor und Haltung. So sarkastisch und trocken wie Pallast eine Spitze auf die andere setzt, hat das Publikum Mühe, das Tempo mitzuhalten. Es gilt, ein Feuerwerk von messerscharfen Formulierung und skandalösen Informationen zu erfassen. Zwischen Faktencheck und Staunen bleibt dem Zuschauer nur die Bewunderung mit offenem Mund. Dass beispielsweise ein Smart die gleiche Energieeffizienzklasse wie ein Leopard II hat oder dass der halbe Liter Fidji-Wasser für 1,79 € tatsächlich von den Fidschi-Inseln kommt, ist auf bittere Art witzig. Pallast präsentiert eine korrupte Gesellschaft, die sich selbst in die Tasche lügt. Am Ende war die Begeisterung des Brucker Publikums so groß und der Applaus so anhaltend, dass Pallast nochmals die Bühnentreppe zu einer zweiten Verbeugungsrunde erklimmen musste.

Es mag schwer sein, im Nachhall der Begeisterungsstürme eine Bühne zu betreten. Mia Pitroff zeigte sich jedoch unbeeindruckt. Sie stellte sich einen Wecker auf, wegen der 20-Minuten-Regel, und plauderte langsam und entspannt auf Fränkisch los. Dass sie im Dialekt langsam spricht und vermeintliche Denkpausen einlegt, entfaltet einen durchdringenden Charme, der den Saal sofort einhüllte. Lebensnahes wie die Einlieferung eines Pakets bei der Post oder der 65. Geburtstag ihrer Mutter führen zu bösen Überlegungen. "Kein deutscher Rentner, der nicht die Alpen überquert hat. So wie der Vater mit dem E-Bike, begleitet von der Mutter im SUV", sagt Mia Pitroff und legt nach der "fränkischen" Pause noch ein " . . . mit Defibrillator" nach. Doch erst mit ihrem Lied über den brutalen Spießbürger Jürgen kann Mia Pitroff ihre gesamte professionelle Contenance unter Beweis stellen. Als das Playback mit der Begleitmusik abbricht, kommentiert sie spontan, legt noch einen Witz drauf und bleibt cool, als das Playback erneut spinnt: "Mach's aus. Is wurscht", ruft sie und singt a capella weiter. Nonchalance, belohnt mit dem ersten Platz beim Publikumsentscheid.

Künstler und Publikum freuen sich nun auf den 13. Oktober. Dann treten die Vorrundengewinner gegeneinander an. Die Spannung steigt.