Runder Tisch Geothermie bleibt umstritten

Die Stadträte können die Ängste vor Erdbeben und Schäden an den Häusern nicht zerstreuen. Über den ökologischen und ökonomischen Nutzen des Projekts gehen die Meinungen weit auseinander

Von Peter Bierl, Puchheim

Einen schweren Stand hatten die Befürworter der Geothermie beim Runden Tisch am Mittwoch im Puchheimer Rathaus. Nach den Beifallskundgebungen unter den etwa 150 Besuchern zu urteilen, die sich im Sitzungssaal drängten, war es ein Heimspiel für die Gegner. Erst in der zweiten Halbzeit gelang es Manfred Sengl (Grüne), wenigstens argumentativ zu punkten, als er die Kohlendioxid-Bilanz der Bürgerinitiative auseinandernahm. Am 22. Juli stimmen die Puchheimer in einem Bürgerentscheid über das Projekt ab.

Die Gegner waren durch Dirk Reimann, Harald Wendl, Roland Ullrich und Michael Peukert von der Bürgerinitiative sowie den Planungsingenieur Michael Pausch vertreten. Die Befürworter schickten Projektleiterin Katharina Dietel vom Umweltamt ins Rennen, dazu den Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Manfred Sengl, als Vorsitzenden des Umweltbeirates, sowie seinem CSU-Kollegen Thomas Hofschuster für das neue "Bündnis für Geothermie" der großen Ratsfraktionen. Curd Bems, der Geschäftsführer der Firma Exorka GmbH, habe seine Teilnahme abgesagt, weil er sich und sein Unternehmen durch Äußerungen der Bürgerinitiative angegriffen fühle, erklärte Bürgermeister Norbert Seidl (SPD), der den Abend moderierte.

Über Geothermie streiten (v.l.) Manfred Sengl, Thomas Hofschuster und Katharina Dietel mit Michal Peukert, Dirk Reimann, Harald Wendl sowie Roland Ullrich und Michael Pausch (nicht im Bild). Norbert Seidl (Mitte) moderiert.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

"Dass Geothermie Erdbeben auslöst, ist Fakt", sagte Peukert in seiner Eröffnung. Er verwies auf Unterhaching, Poing und zuletzt Aying. Der weiche Moorboden in Puchheim würde Erschütterungen verstärken und weil nur 2100 Meter tief gebohrt werden soll, lägen die Epizentren von Beben näher an der Oberfläche, erklärte Pausch. Bei Rissen in den Gebäudewannen würden die Keller wegen des hohen Grundwasserstands absaufen.

Dietel sagte, erst ab Beben der Stärke drei treten Schäden auf und dann auch nur Risse im Putz. Sengl entgegnete, der Untergrund in Puchheim sei anders als in Poing, Beben deshalb weniger wahrscheinlich. Im nahen Freiham sei nach einem Jahr in Betrieb noch keines registriert worden. Reimann konterte mit dem Interview eines Experten, den die Befürworter gerne zitieren. In Poing könne es nicht zu einem Erdbeben kommen, habe der 2014 erklärt. "Tatsächlich wissen wir nicht, was in Puchheim passieren wird", sagte Reimann.

Hofschuster meinte, mit Geologen sei es wie mit Juristen, frage man zwei, habe man drei Meinungen. Ein Statement, das fast einem Eigentor gleichkam. Aber Hofschuster zog einen anderen Schluss: "Als Entscheidungsträger muss ich mich auf Sachverständige verlassen." Sei man nicht bereit, ein Restrisiko einzugehen, käme man zu gar keiner Entscheidung mehr.

Sollte tatsächlich ein Schaden auftreten, würde die Versicherung zahlen, die Regulierung sei "wie bei einem Verkehrsunfall", erklärte Hofschuster, womit er den Unmut von Zuhörern auf sich zog. Peukert, Pausch und Reimann argumentierten, Rechtsschutz für Verfahren nach dem Bergrecht gebe es nicht und die Versicherung des Betreibers würde Gründe finden, um nicht zu zahlen, so dass ein teurer und langwieriger Prozess samt Gutachterstreit drohe. Schon das Beweissicherungsverfahren sei ungenügend: "Sie müssten jede Grundwasserwanne von unten anschauen und nach Mikrorissen absuchen, die kaum zu finden sind. Wie soll das gehen und wer bezahlt das?", fragte Reimann. "Das Recht durchzusetzen, ist schwierig, wie überall", räumte Hofschuster ein.

Rund 150 Zuhörern kamen zum Runden Tisch.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Was den ökologischen Nutzen betrifft, rechnete Pausch vor, dass sich der CO₂-Ausstoß bei "globaler" Betrachtung sogar vergrößere. Die Pumpe, um das heiße Wasser aus der Tiefe zu holen, verursache 2000 Kilogramm pro Jahr und wenn die Bayernwerke ihre zwei Blockheizkraftwerke abbauen, sobald die Geothermie läuft, müsse Strom von auswärts bezogen werden. Der CO₂-Aufwand dafür betrage beim aktuellen Strommix knapp 7000 Tonnen. Sengl machte ihn darauf aufmerksam, dass bei globaler Betrachtung zu berücksichtigen sei, dass die Blockheizkraftwerke anderswo eingesetzt werden und der Effekt damit neutralisiert werde.

Auch über den ökonomischen Effekt gab es keine Einigung. Der Bürgermeister sprach vom "Schatz in der Tiefe". Das Fernwärmenetz müsste jedoch verdoppelt werden, um das Potenzial der Geothermie aufzunehmen, sagte Sengl. Die Bürgerinitiative warnt, für die Verbraucher würden die Heizkosten um mehr als das Zweifache steigen. Ihre Werbung für ein Biomassekraftwerk als Alternative rügte Sengl als geschönt. Neben Problemen mit Abwasser und Rückständen würden die Holztransporte einen gewaltigen Lkw-Verkehr produzieren. "Wir hatten die Debatte schon mal, als eine Anlage in Germering geplant war. Ruckzuck hat sich dagegen in Puchheim eine Bürgerinitiative formiert."