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Raum für Kunst in Fürstenfeldbruck:Digitales Schaufenster für Künstler

FÜRSTENFELDBRUCK: Innenstadt am Abend im Advent

Auf den Straßen und in den Veranstaltungshäusern können die Menschen aktuell keine Kultur erleben. Online dafür schon.

(Foto: Leonhard Simon)

Ein Projekt der Corona-Nachbarschaftshilfe und der IG Lichtspielhaus präsentiert 38 Videos lokaler Kulturschaffender

Von Florian J. Haamann, Fürstenfeldbruck

Es ist ein Ort, an dem man den Brucker Oberbürgermeister Erich Raff nicht unbedingt erwartet: Auf einem breiten grauen Sessel sitzt er mitten im Foyer des Lichtspielhauses. Denn es ist kein Geheimnis, dass sich der Rathauschef sonst auf dem Boden der Wittelsbacher Halle bei den Handballern wohler fühlt als auf dem kulturellen Parkett. Aber jetzt, da die Corona-Pandemie die Künstler im Landkreis stärker bedroht als den Zweitligisten des TuS Fürstenfeldbruck, ist er ins Lichtspielhaus gekommen, um eine ernste Botschaft zu verkünden: "Bekanntlich ist der Applaus das Brot der Künstler. In Coronazeiten ist ihnen nicht einmal das vergönnt."

Um lokalen Künstlern zumindest virtuellen Applaus zukommen zu lassen, haben die IG Lichtspielhaus und die Corona-Nachbarschaftshilfe die Plattform brucker-weihnachtskonzert.de eingerichtet, auf der zahlreiche Videos von Künstlern aus dem Umkreis online gestellt worden sind. Erich Raff unterstützt das Projekt mit einem Grußwort.

Die 38 Videos zeigen die große Leidenschaft, mit der die Künstler auch in der Pandemie aktiv sind. Einige von ihnen haben für die Webseite sogar eigene Lieder komponiert, manches dreht sich - natürlich - um das Thema Corona. Zu finden ist alles, vom Zitherclub über kleine Lesungen und eine Feuershow bis hin zu einem experimentellen Poesiefilm. In seiner Gesamtheit ist so ein kleines digitales Kulturfestival entstanden, das auch im neuen Jahr noch einen Besuch wert ist.

Zu entdecken gibt es etwa Hans Well und die Wellbappn mit ihrem Lied "Santa Corona". Zu Akkordeon, Tuba und Trompete besingen sie in bekannter Well-Tradition satirisch-bissig diejenigen, für die die Pandemie zum Segen geworden ist: Klopapierfabrikanten und Markus Söder. Und auch der Rest der Familie, die Well-Brüder aus'm Biermoos, melden sich zu Wort. In "Corona Bavariae IV" lesen sie aus dem Evangelium von einem gewissen Markus dem Franken, der als "großer Coronator" die Österreichurlauber an den Grenzen zum Test zwingt.

Der Bassist und "gelegentliche Songwriter", wie es auf der Seite heißt, Stefan Hauzenberger, widmet dem Brucker Central Café" einen eigenen Song: "Es hat g'schloss'n, des Central Café". Platziert hinter einem Geländer, dessen Streben so zu Gitterstäben werden, besingt er, sich selbst auf der Gitarre begleitend, das Schicksal eines heimatlos gewordenen Stammgastes: "Du kannt es seh'n von Weitem, der Zettel hängt no draus, die Fenster san dunkel, die Lichter san aus. Es hat geschloss'n, das Central Café, und koana ist mehr da". Leidtragender der Schließung ist in diesem Fall nicht nur der namenlose Stammgast, sondern ganz real auch Central-Café-Chef Mani, der selbst gemeinsam mit Grobi einen Song zur Seite beisteuert: "I wui noch an der Amper sitzen und nicht auf Mallorca schwitzen. I wui mei Bruck, Bruck, Bruck, mei Fürstenfeldbruck, Bruck Bruck" heißt es in ihrer Heimathymne "Bruck".

Etwas lernen können die Zuschauer, wenn "Mundlaut" erklärt, warum in dem bekannten britischen Volkslied "Scarborough fair", das der ein oder andere aus dem Film "Die Reifeprüfung" mit Dustin Hoffman kennen dürfte, Parsley, Sage, Rosemary and Thyme, also Petersilie, Salbei, Rosmarin und Thymian besungen werden und was sie mit einer Liebesgeschichte zu tun haben.

Wer an den Videos gefallen findet, der kann über die Webseite dann auch direkt etwas für die Brucker Künstler spenden - damit Applaus nicht ihr einziger Lohn bleibt.

Zu finden sind die 38 Videos und das Spendenformular online unter www.Brucker-Weihnachtskonzert.de

© SZ vom 13.01.2021
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