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Puchheimer Kulturzentrum:Begehbare Literatur

Die Künstlerin Lotte Llacht zeigt eine Installation aus Büchern, die sonst wohl weggeworfen worden wären. Dabei ist ausdrücklich erwünscht, dass die Besucher auf den Bänden herumgehen und in ihnen stöbern

Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn man zum ersten Mal die Installation von Lotte Llacht betritt. Irgendwie falsch scheint es, auf echten Büchern herum zu laufen. Doch Schritt für Schritt gewöhnt man sich daran, akzeptiert, versteht. "Literarisches Parkett" heißt die Installation, die in der Galerie des Puchheimer Kulturzentrums zu erkunden ist. Die Bücher, die Llacht hier zu einem Mosaik auf dem Boden zusammengefügt hat, bekommt sie von Menschen geschenkt, die sonst nichts damit anzufangen wissen, sie vielleicht sogar wegwerfen wollten. Insofern ist die Installation auch eine Rettungsaktion.

Schnell gewinnt man nach dem Betreten Lust, hemmungslos zu stöbern, sei es im Bildband über die schnellsten Züge der Welt, Rudolph Moshammers "Mama und ich" oder Stéphane Hessels Manifest "Empört euch". Die Bandbreite ist groß, die Reizüberflutung für jeden Buchliebhaber auch. Am liebsten würde man hier Stunden verbringen. Aufgeteilt sind die Bücher nach Farben, rot, grün, blau, es gibt Themeninseln, etwa Sex oder Religion und kleine, versteckte Büchertresore mit Geheimnissen für junge und ältere Besucher.

Ein Mosaik aus Büchern, sortiert nach Farben und ergänzt durch Themeninseln, lädt die Besucher zum Stöbern ein.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Die Reaktionen, die Llacht auf die Installation anderswo bekommen hat, waren meistens positiv. Aber es gab auch Besucher, die nicht verstehen konnten, dass man Bücher zum Betreten freigibt. "Einmal hat sich jemand beschwert: Früher hat man Bücher verbrannt, heute läuft man darauf rum." Aber es sind vor allem schöne Geschichten, die die Künstlerin erzählen kann. Einmal sei ein junges Mädchen da gewesen und habe lange in einem Buch geblättert. "Am nächsten Tag ist sie dann mit der ganzen Familie wieder gekommen. Sie hatte einen Reiseführer über Jordanien entdeckt. Das war die Heimat der Familie und sie haben darin geblättert und die Fotos von Orten angeschaut, die mittlerweile zerstört sind. Das geht einem schon nah".

Auch eine Palme aus gefalteten Büchern gibt es zu sehen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Zwar ist die Installation kein Bücherflohmarkt, wer aber ein Exemplar entdeckt, das er unbedingt haben möchte, der kann es markieren. Llacht lässt es dann nach Ende der Installation im Puc, damit es abgeholt werden kann. "Auf die Idee gekommen bin ich, als ich eine Studentin da hatte, die unbedingt ein Yogabuch aus den Sechzigern mitnehmen wollte, weil sie es für eine Arbeit gebraucht hat", erzählt Llacht. "Ich habe gesagt, das geht eigentlich nicht. Nur, wenn sie mir ein Buch bringt, das genau die gleiche Größe hat. Am nächsten Tag ist sie tatsächlich mit einem Maßband gekommen und hat dann in einer Buchhandlung nach einem Buch mit identischer Größe gesucht."

Mit ihrer Installation verbindet Llacht aber auch eine, wie sie sagt, provokante Botschaft. "Vielleicht sind Bücher ja ein Baustoff der Zukunft. Sie bestehen aus einem nachwachsenden Rohstoff, sind stabil und brennen tatsächlich nur schwer. Also wären sie doch eine Alternative". Um das zu verdeutlichen hat sie nicht nur das Buchparkett geschaffen, sondern auch schon Blusen aus Büchern, einen Messerblock und einen Visitenkartenständer.

Literarisches Parkett, Rauminstallation von Lotte Llacht, zu sehen bis zum 17. November im Puchheimer Kulturzentrum. Geöffnet Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag von 8 bis 12 Uhr, zusätzlich dienstags von 14 bis 16 Uhr und donnerstags von 14 bis 18 Uhr. Eintritt frei

© SZ vom 24.10.2019

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