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Amnesty International:Vergessene Gefangene

Amnesty-Briefkasten

Werner und Ilse Boltz (von links) am Stand von Amnesty International im Foyer des Puchheimer Rathauses mit Bürgermeister Norbert Seidl, der selbst drei der Briefe unterzeichnete.

(Foto: Günther Reger)

Amnesty International sammelt im Rathaus bei einem Briefmarathon Unterschriften für zwölf Opfer von Menschenrechtsverletzungen. Das prominenteste ist der Whistleblower Eduard Snowden

Im Foyer des Puchheimer Rathauses befindet sich ein kleiner Stand mit einer Plakatstellwand. Der davor stehende Tisch ist gepflastert mit Flyern und Broschüren. Den größten Platz nehmen aber drei Formulare ein. Auf jedem sind ein kurzer Text und ein Bild abgedruckt. Was auf den ersten flüchtigen Blick aussehen könnte wie der Werbestand einer beliebigen Firma, beschäftigt sich in Wahrheit mit einer sehr ernst zu nehmenden Thematik.

Dass Worte oft einen größeren Einfluss als alles andere haben können, dürfte bekannt sein. Vor allem wenn viele Menschen dieselben Worte für eine Sache finden, ist die Auswirkung oft besonders groß. Beim Briefmarathon der gemeinnützigen Organisation Amnesty International, wird versucht genau diesen Einfluss gegen Menschenrechtsverletzungen einzusetzen. Was man sich genau unter dem doch sehr abstrakten Begriff Briefmarathon vorstellen kann, erklärt Amnesty Mitglied Werner Boltz. "Auf der ganzen Welt finden Menschenrechtsverletzungen statt. Manche werden grundlos inhaftiert, andere werden von Mitarbeitern staatlicher Behörden misshandelt. Beim Briefmarathon bieten wir den Leuten an, vorgefertigte Protestbriefe gegen einige spezielle dieser Ungerechtigkeiten zu unterzeichnen. Diese Briefe werden anschließend an die Regierungen verschickt", erklärt er. "Es ist erstaunlich zu sehen, was man mit bloßen Worten erreichen kann". Einen solchen Marathon veranstaltete die gemeinnützige Organisation bereits im vergangenen Jahr. Bei vier von zwölf inhaftierten Personen konnte damit die Freilassung erreicht werden. Weltweit wurden bei der Aktion 3,7 Millionen Briefe verschickt.

Auch dieses Jahr wurden von Amnesty International wieder zwölf Fälle herausgesucht. Der Name von einem der Betroffenen, dürft wohl jedem ein Begriff sein: Edward Snowden, Whistleblower aus den Vereinigten Staaten. Der Großteil der Personen ist allerdings völlig unbekannt. Boltz beschreibt sie auch als "vergessene Gefangene oder vergessene Geschädigte". So verhält es sich auch im Fall von Máxima Acuña. Sie ist eine der drei Personen, für die im Puchheimer Rathaus unterschrieben werden kann. Die Kleinbäuerin lebt im Norden Perus und sitzt im wahrsten Sinne des Wortes auf einem Goldschatz. Zumindest glaubt das ein Bergbauunternehmen, welches ihr Land für eigene Zwecke nutzen will. Um der Bäuerin ihr Gelände streitig zu machen, schrecken die Behörden vor nichts zurück. 2011 wurden Máxima Acuña und ihre Tochter von Polizisten bewusstlos geschlagen. Fünf Jahre später vernichtete eine private Sicherheitsfirma ihre gesamte Kartoffelernte.

Im Puchheimer Rathaus kann nun jeder gegen diese Ungerechtigkeit ohne viel Aufwand etwas tun. "Worte sind wie Tropfen, die alleine nicht viel ausrichten können." Amnesty-Mitglieder wie Werner Boltz und seine Frau Ilse helfen dabei, diese Tropfen zu sammeln. So werde ihnen Beachtung geschenkt, sagt Puchheims Bürgermeister Norbert Seidl. "Wenn man sich heute über Flüchtlingsströme Gedanken macht, muss man auch über die Ursachen für diese Massenflucht nachdenken", merkt er an. Er selbst unterschrieb bereits je einen der drei Briefe. Bis Donnerstag können noch den Amnesty-Stand im Rathaus Briefe unterzeichnet werden.

© SZ vom 10.12.2016

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