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Puchheim:Tor des Durchblicks

Franz Hämmerles Skulptur soll zum Nachdenken über Machtverhältnisse zwischen Nord und Süd anregen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Franz Hämmerle erneuert sein Mahnmal zur Invasion Amerikas

Von Peter Bierl

Noch in diesem Jahr soll das neue Mahnmal "Nord-Süd-Durchblick" in Puchheim aufgestellt werden. Der Bildhauer und Theologe Franz Hämmerle arbeitet derzeit noch an dem Kunstwerk in seinem Atelier in Windach. Er hat für das Tor eine zweite Inschrift entworfen. In Großbuchstaben steht da: "Weniger Macht mehr Leben." Die Schreibweise soll mehrere Deutungen zulassen. Noch in diesem Jahr soll das neue Mahnmal nördlich des Bahndamms aufgestellt werden.

Die Verbindung Hämmerles zu Puchheim rührt eigentlich von der Musik her. Der Bildhauer, der jahrelang am Gymnasium von Sankt Ottilien Kunstunterricht erteilte, leitet seit 30 Jahren die Byzantinische Chorgemeinschaft. Der Chor probt in Puchheim in der Pfarrei von Sankt Josef. Vor der Kirche, auf dem Grünen Markt, stand bereits eine Skulptur aus Bronze, eine Begegnungsgruppe, ebenfalls von Hämmerle gestaltet. Deshalb fragten ihn die Aktivisten des Vereins Campo Limpo, der mit Gewerkschaften, Landarbeitern und Kleinbauern Projekte in Brasilien realisiert, ob er ein solches Mahnmal entwerfen könnte. Ursprünglich war an eine Skulptur gedacht, aber Hämmerle fand ein Tor besser und konnte Campo Limpo überzeugen.

Das Mahnmal wurde 1992 aufgestellt, anlässlich des 500. Jahrestages der europäischen Invasion in Amerika, die ungeheure Verbrechen wie Völkermord, Sklaverei und Landraub zur Folge hatte. Ihre Folgen beeinträchtigen das Leben vieler Menschen bis heute. Seitdem versammeln sich Puchheimer am 10. Dezember am Mahnmal, um den Tag der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen von 1948 zu begehen. Über die Jahre ist das Tor marode geworden, der Pfosten auf der Südseite des mehr als vier Meter hohen Tores wurde von einem Pilz befallen, das Werk wurde im April 2018 demontiert.

Hämmerle erzählt, er habe die Kommune jedes Jahr genau davor gewarnt. Die Pfosten standen frei vier Zentimeter über dem Boden auf Stahlrohren, um sie vor Nässe zu schützen. Allerdings habe wohl die Kehrmaschine des Bauhofes im Herbst immer wieder Laub und Kehricht dort hingewirbelt. Spritzwasser könne es nicht gewesen sein, sonst hätten beide Pfosten befallen sein müssen, sagt er. Wer mag, kann in den vergeblichen Mahnungen des Künstlers eine gewisse Symbolik erkennen. Denn trotz des Denkmals, das wie so viele andere Aktivitäten der Aufklärung über gesellschaftliche Verhältnisse dient, hat sich wenig zum Besseren verändert.

Der Künstler ist sich dessen bewusst. Auch der Dadaismus habe Sand ins Getriebe werfen wollen und sei bald zum ästhetischen Gag verkommen, sagt Hämmerle. Er hofft dennoch, dass das Tor an dieser zentralen Stelle Menschen animiert, über die Welt nachzudenken und ihnen einen Durchblick auf die Beziehungen zwischen Norden und Süden zu vermitteln. Er setzt auf die dauerhafte Bildwirkung.

Ursprünglich wollte Hämmerle die Neuauflage in Marmorblöcken aus verschiedenen Ländern aufführen, nicht weil Massivität der Lage angemessen wäre, sondern wegen der Beständigkeit. Aber das wollte der Stadtrat nicht, im Kulturausschuss wurde diese Variante als zu klotzig und eventuell zu teuer abgelehnt. Es bleibt also bei Eichenholz. Für das erste Mahnmal erhielt Hämmerle seinerzeit rund 5000 Euro. Die Kosten für die Neuauflage werden auf 19260 Euro geschätzt, dazu sind 3000 Euro einkalkuliert, um das Tor aufzustellen.

Im vorigen Herbst hat Hämmerle im Atelier auf dem Gehöft in Windach drei Stämme mit der Motorsäge zugeschnitten, zwei lange Pfosten und den kurzen Querbalken. Anschließend musste das Holz trocknen. Mit einem Stemmeisen hat er dann größere Stücke herausgebrochen, und nun ist er mit dem Handhobel zugange.

Eine glatte Fläche ist für die Inschriften notwendig, für die alte, die da lautet "Nur ein Wir, nur eine Erde", und für die zweite neue. Außerdem braucht es 90-Grad-Winkel an den Pfosten, um den Balken einzufügen. Überlegt werde noch, die neuen Holzstämme unten mit einem metallenen Schaft vor Feuchtigkeit zu schützen, erzählt er.

Franz Hämmerle berichtet in einem kurzen Film über seine Arbeit, der am Mittwoch, 5. August, unter einem Videolink auf www.puchheim.de zu sehen sein wird.

© SZ vom 04.08.2020

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