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Puchheim:Ministerium verbietet Werteunterricht

Um die Trennung von Klassen in Corona-Zeiten zu ermöglichen, erarbeitet die Grundschule in Puchheim eine Alternative zu den Religionsstunden. Nun kommt aus München ein Veto

Von Peter Bierl, Puchheim

Viele Eltern der Grundschule am Gerner Platz in Puchheim sind sauer auf das bayerische Kultusministerium. Denn die Lehrer hatten wegen der Corona-Pandemie einen Plan ausgearbeitet, um zu verhindern, dass Kinder aus verschiedenen Klassen im Religions- und Ethikunterricht zusammenkommen. Die Umsetzung erlaubt das Ministerium nicht. "Dazu besteht kein Anlass", erklärte ein Sprecher. Dem Infektionsschutzgesetz sei bereits Genüge getan. Außerdem könne das Ministerium ohne Einverständnis der Kirchen nicht den Religionsunterricht verändern.

Die Lehrer der Schule haben ein aufwendiges Konzept erarbeitet, damit die Schüler verschiedener Klassen unter sich bleiben, etwa auch in den Pausen. Im Fall einer Covid-Infektion oder eines Verdachts müsste nur die betroffene Klasse und ihre Lehrkraft in Quarantäne. Bloß im Religions- und Ethikunterricht, der je nach Konfession klassenübergreifend abgehalten wird, kommen die Kinder zusammen und unterlaufen das Hygienekonzept.

Die Lehrer hatten deshalb einen klasseninternen gemeinschaftlichen Werteunterricht ausgearbeitet. "Wir haben uns die Lehrpläne für den katholischen, evangelischen und Ethikunterricht angeschaut und die wichtigsten Themen rausgesucht unter dem Gesichtspunkt der Werteerziehung", sagte Rektorin Ruth Frank-Amberger. Die meisten Eltern waren von der Idee angetan, bloß die Behörden nicht. Vergangene Woche habe die Schule die Eltern informiert, dass das Ministerium darauf beharrt, dass der Unterricht in seiner bisherigen Form durchgeführt werden muss, berichtete Christoph Völker der SZ.

Er ist Arzt und Vater von drei Kindern, die die Schule besuchen. Völker hat sich deswegen mit einem Brief an das Kultusministerium gewandt, in dem er sein Unverständnis äußert. Dass die Kinder nun klassenübergreifend in Religion und Ethik unterrichtet werden sollen, findet er nicht nachvollziehbar. "Entgegen aller bisherigen Bemühungen und entgegen jedweder Vernunft" würden nunmehr wieder ganze Jahrgangsstufen von Schülern durchmischt. Das sei weder für Schüler, Eltern oder Lehrer einleuchtend und konterkariere alle Bemühungen vor Ort, rügt Völker.

Es sei davon auszugehen, dass an der Grundschule irgendwann ein Covid-Fall auftritt. Sollte das der Fall sein, müssten wegen des gemeinsamen Religionsunterrichts vielleicht ganze Jahrgangsstufen statt bloß einzelner Klassen in Quarantäne geschickt werden. Die Rektorin wollte sich zu dem Vorgang nicht äußern, bestätigte jedoch, dass ab Dienstag der klassenübergreifende Religions- und Ethikunterricht erteilt wird. Insgesamt besuchen 490 Kinder die Schule am Gerner Platz, die Jahrgänge umfassen zwischen vier und sechs Klassen. In einem Fall würden im evangelischen Religionsunterricht Schüler aus vier Klassen zusammenkommen.

Die Elternbeiratsvorsitzende Tanja Olszak kritisierte die Vorgabe ebenfalls: "Das ganze Konzept der Trennung in der Schule hat überhaupt keinen Sinn, wenn in Religion und Ethik wieder alle zusammen sind." Sie berichtet, dass die Schulleitung nach der Intervention des Ministeriums einen neuen Plan ausarbeiten musste. Demnach soll es eine getrennte Sitzordnung für die Schüler aus den verschiedenen Klassen geben. Die Rektorin bestätigte dieses Konzept. Im Fall des evangelischen Religionsunterrichts würden Schüler aus vier Klassen in die vier Ecken des Zimmers gesetzt.

Viele Eltern haben sich über diese Vorgabe des Kultusministeriums beschwert. Völker appellierte an das Ministerium, seine Haltung zu überdenken. "Die Verunsicherung unter den Eltern ist groß, vor allem bei denen, die berufstätig sind und eine Schulschließung fürchten", berichtete Olszak. "Wir hoffen noch auf eine Einsehen." Darauf warten die Eltern wohl vergebens.

Ein Sprecher des Ministeriums sagte der SZ am Montag, "eine Unterrichtung im Klassenverband anstelle des Religionsunterrichts in gemischten Lerngruppen ist im Rahmenhygieneplan nicht vorgesehen". Wenn Schüler aus verschiedenen Klassen zusammenkommen, sei auf eine "blockweise Sitzordnung der Teilgruppen" im Klassenzimmer zu achten und der Mindestabstand von 1,5 Metern einzuhalten. Hintergrund sei der verfassungsmäßige Anspruch auf separaten Religionsunterricht, den die Kirchen haben. "Das Kultusministerium schafft nur die Rahmenbedingungen."

© SZ vom 29.09.2020

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