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Puchheim:Jubiläum und Premiere

In verschiedenen Besetzungen gestalten Musiker des Münchner Staatstheaters am Gärtnerplatz den Abend.

(Foto: Günther Reger)

Im Puc wird das im März ausgefallene 100. Konzert der Klassikreihe nachgeholt. Der gelungene Abend ist dabei die erste Veranstaltung seit Pandemie-Ausbruch

Von KLAUS MOHR, Puchheim

Da gibt es ein Jubiläum, und keiner merkt es. Beinahe wäre es mit dem 100. Konzert der Reihe "Kammermusik in Puchheim" genau so gegangen: Coronabedingt musste der Termin im März ausfallen. Jetzt wurde das Konzert, quasi als Premiere nach der monatelangen Pause nachgeholt. Es war die erste Veranstaltung im Innenraum des Puchheimer Kulturzentrums Puc überhaupt seit dem Ausbruch der Pandemie. Und so standen sich Jubiläum und Premiere gegenüber, rein zufällig auch mit dem dazu passenden Motto, das an diesem Abend "Goldene Jugend" lautete. "Golden" ist die Jugend ja meistens in der Retrospektive, wenn Ältere auf ihre Jugend zurückblicken. Als junger Mensch macht man sich darüber meist wenig Gedanken, und wenn doch, dann eher über negative Erlebnisse, die bis später wieder vergessen sind.

So gut die Idee mit der Gründung dieser Konzertreihe war, die in der Regel immer am Montag stattfindet, so wenig hat sich an den Grundlagen in all den Jahren verändert: Es musizieren Mitglieder des Orchesters des Staatstheaters am Gärtnerplatz in München, diesmal waren es 14 Künstler. Dabei erklingen oft eher selten gespielte Werke der Kammermusik in ganz unterschiedlichen Besetzungen. Initiator Johannes Overbeck hat dazu nicht nur die Stadt Puchheim im Boot, sondern auch den Kulturverein. Ein nicht unwesentliches Detail hat sich jedoch positiv entwickelt: Der Zuspruch seitens des Publikums ist stetig angewachsen.

Eigentlich aber bezog sich das Motto "Goldene Jugend" auf die Entstehung der Werke des Abends im Œuvre des jeweiligen Komponisten. Der junge Wolfgang Amadeus Mozart war bei einer Reise nach Mannheim frisch verliebt in die Sopranistin Aloysia Weber, als er als Auftragswerk für einen Arzt das Quartett für Flöte, Violine, Viola und Violoncello in D-Dur KV 285 schrieb. Die federnde Begleitung der Streicher im Kopfsatz Allegro spiegelte hier quasi auf zarte Weise die Empfindungen Mozarts. Die Rolle der Flöte war durchgängig die der Führung mit wunderbaren Kantilenen, so dass bei hoher Intonationsreinheit insgesamt eine ganz klassische Ausgewogenheit entstand. Der serenadenhafte Ton des Adagio entstand durch die geschmeidigen Linien der Flöte und die gezupfte Begleitung der Streicher. Im Final-Rondeau bereiteten die Streicher der konzertierenden Flöte ein weiches Polster und brachten sich mit kleinen dialogisierenden Passagen ein.

Das Terzett in C-Dur op. 74 von Antonín Dvořák für zwei Violinen und Viola folgte. Die Tatsache, dass der Tonumfang der drei Instrumente nahe beieinander liegt, hatte zur Folge, dass durch das Fehlen eines Gegengewichts im Bass ein Klang ohne Erdenschwere entstand. Diesen Umstand verstärkten die drei Streicher in der Introduzione durch sensible dynamische Schattierungen. Böhmische Lebensfreude kam im Scherzo durch die Kombination aus gestrichenen und gezupften Tönen auf, während das dialogisierende Thema des abschließenden Variationensatzes in harmonische Vielfalt eingebettet war. Große Ausdrucksstärke und virtuose Attitüde kennzeichneten die Variationen.

"Flûtes en vacanzes" hieß das Werk von Jacques Casterédès, also "Flöten in Ferien". Gemeint war damit vom Komponisten jedoch nicht, dass statt der Flöten andere Instrumente spielen, weil diese Ferien machen. Vielmehr sollten es Erlebnisse der Flöten im Urlaub sein. Hier erklang eine sehr kurzweilige Bearbeitung der vier Sätze für zwei Oboen und Englischhorn. Francis Poulenc ist dafür bekannt, dass er gängige Regeln hinterfragt. Im Fall des Sextetts für Flöte, Oboe, Klarinette, Horn, Fagott und Klavier galt das für Fragen des formalen Ablaufs, aber auch des musikalischen Miteinanders. Hier waren ständig Überraschungen in klanglicher Hinsicht zu erleben und ganz am Ende eine Art Hymne an die Stadt Paris. Als sichere und erfahrene "Lotsin" agierte die ausgezeichnete Pianistin Anke Schwabe.

© SZ vom 15.09.2020

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