Puchheim Hot Dogs, Bier, Pointen

Bei der Puchheimer Lesebühne zeigen Wortkünstler, wie gut sie ihr Handwerk beherrschen. Von der Gentrifizierung über Fantasyromane bis hin zum Thailandurlaub reicht das Themenspekturm

Von Emil Kafitz, Puchheim

Der Songwriter Liann sorgt für die passende Musik.

(Foto: Günther Reger)

Der Industriepark Josefstraße wirkt auf den ersten Blick so ausgestorben wie an jedem anderen Tag nach Feierabend. Doch einige Autos, Fahrräder und Fußgänger steuern zielstrebig auf die Schreinerei Jund zu. Hier wurde den ganzen Tag gehobelt, gesägt, gezimmert. Nun stehen direkt neben der großen Kreissäge Bücher zum Verkauf, an der Werkbank werden Hot Dogs ausgegeben. Der Raum mit fleckigem Boden und Neonröhren an der Decke wird auf Einladung von Moderator Volker Keidel zu einem Ort der Kultur. Die Puchheimer Lesebühne findet zum mittlerweile dritten Mal statt.

Singer/Songwriter Liann eröffnet den Abend. Die Klänge seiner Gitarre vermischen sich mit dem Geräusch von Bierflaschen, die geöffnet werden. Geboren und aufgewachsen im Glockenbachviertel, hat Liann miterlebt, wie sich die Gegend veränderte. Die Wohnungen wurden gentrifiziert, die Freunde zogen weg, die Lokalidentität schwand. "Wenn mir dieser Wandel mal wieder bewusst wird, macht mich das ganz melancholisch. Darüber habe ich einen Song geschrieben: Eismann." Lianns Texte sind atmosphärisch, intim und ehrlich. Dennoch schafft er es gerade in den Refrains, das Publikum mitzureißen, das schon beim ersten Song im Chor die Melodie mitsingt.

Vor ausverkauftem Saal erzählt Jaromir Konecny seine Geschichten.

(Foto: Günther Reger)

Die Puchheimer Lesebühne findet einmal im Jahr in der Schreinerei Jund statt, organisiert von Buchhändlerin Nicola Bräunling und Volker Keidel. Hot Dogs und Bier sind im Preis inbegriffen, ungezwungene Stimmung vorprogrammiert, eine einfache Holzpalette stellt die Bühne dar. Eine Kulturveranstaltung der etwas anderen Art. Keidel erzählt, wie es zu der Idee kam: "Nicola und ich hatten beide Lust, etwas in der Art zu organisieren. Über ihre Buchhandlung sind wir in Kontakt gekommen, diese wurde wiederum von der Schreinerei Jund mit eingerichtet. Sie hat mit ihrem Team die Kompetenzen vor Ort, ich dagegen als Moderator von verschiedenen Lesebühnen in und um München die Vernetzungen in der Slam-Szene. So führte das eine zum anderen."

In der dritten Runde des Formats feiert unter anderem Marianne Lindner-Köhler, Schweizerin mit Wahlheimat Puchheim, ihre Lesebühnen-Premiere. In den letzten beiden Jahren noch als Besucherin anwesend, bewies sie diesmal auf der Bühne Wortwitz und Humor: "Woher weiß mein Deo, wann 48 Stunden vorbei sind? Will ich jetzt einen Akademiker oder doch einen mit Niveau?" Für große Erheiterung im Publikum sorgte auch Jaromir Konecny, Autor diverser Romane wie "Dönerröschen" und gebürtiger Tscheche. Seine Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache thematisiert er in einem seiner Texte: "Was sollen diese Umlaute im Deutschen - ä, ü, ö? Wie spricht man die bitte vernünftig aus? Und ich habe früher auch noch in München, Alfred-Döblin-Straße, gewohnt!" Slamgröße Yannik Sellmann liefert wie gewohnt einen sehr starken Auftritt. Ob er nun Hochzeitstraditionen oder Klischees von Fantasyromanen aufs Korn nimmt, er besticht mit verbaler Treffsicherheit und überragender Bühnenpräsenz.

Yannik Sellmann bei seinem Auftritt.

(Foto: Günther Reger)

Das letzte Wort des Abends gebührt dem Veranstalter, Moderator und Autor Volker Keidel. Als künstlerischer Leiter ist er für das Bühnenprogramm zuständig. Mit einer Geschichte aus seinem letzten Thailandurlaub, von der er hofft, dass sie ihn "ins Hochfeuilleton katapultiert" rundet er den Abend ab. "Da könnte man glatt vergessen, dass Keidel mal so peinliche Fußball- und Biergeschichten geschrieben hat" - so zitiert er einen fiktiven Zeitungsartikel.