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Puchheim:Ein Gefühl von Stadt

Vor zehn Jahren hat Puchheim seinen neuen Titel bekommen. Geändert hat sich kaum etwas

Von Peter Bierl, Puchheim

Am Montag feiert Puchheim den zehnten Jahrestag der Stadterhebung im Mai 2011. Wegen der Corona-Pandemie fällt die Geburtstagsparty bescheiden aus, das Programm wird digital übertragen, und die Gäste sitzen zu Hause vor ihren Bildschirmen. Die Entscheidung damals war nicht unumstritten, aber inzwischen haben sich Gegner und Befürworter an den neuen Titel gewöhnt. Als größte Errungenschaft bezeichnet Bürgermeister Norbert Seidl (SPD) einen neuen Geist, Offenheit und Dynamik. "Es hat sich nicht viel geändert", sagt Johann Aichner von den Freien Wähler, die damals die Stadterhebung ablehnten.

In diesem Punkt sind sich die beiden durchaus einig. "Es hat sich nicht viel verändert, in dem Sinn, dass es anderes gekommen wäre, wenn wir Gemeinde geblieben wären", räumt der Bürgermeister durchaus ein. Entscheidend sei, dass mit dem Begriff eine Bedeutung, eine andere Idee verbunden sei, im Sinn von Innovation, Offenheit, Modernität und Dynamik. Der Titel Stadt ist ein Signal nach innen und außen. "Diese Bedeutung wurde verinnerlicht und angenommen", sagt Seidl. Möglicherweise sei die Stimmung im Altdorf, der Keimzelle Puchheims, immer noch eine andere, aber auch Puchheim-Ort verändere sich.

"Wir hätten genauso gut als Gemeinde weitergemacht", wendet Aichner ein. Die Infrastruktur habe sich durch den Titel nicht wesentlich geändert, ein Ortszentrum fehle immer noch, und das Gewerbe "prosperiert nicht gerade". Er verweist auf die Stadt Bruneck in Südtirol, die mit knapp 17 000 Einwohnern deutlich kleiner sei, aber über einen historischen Kern verfüge. In Puchheim wäre hingegen das historische Dorf die Altstadt. Der Ort sei insgesamt keineswegs urbaner geworden, und darum komme kein rechter Bürgerstolz auf. "Aber vielleicht dauert es auch bloß länger und kommt noch" räumt der frühere langjährige Gemeinderat ein.

Aichner verweist darauf, dass die Kluft zwischen Puchheim-Ort und Puchheim-Bahnhof keineswegs verschwunden sei. Die Ortler orientierten sich immer noch mehr an Eichenau und Germering und besuchten kaum Veranstaltungen im Kulturzentrum Puc. Allerdings räumt er ein, dass sich bei den Jüngeren diese Haltung "etwas verwischt". Im Kulturverein d'Buachhamer, der einen Geschichtspfad mit Informationstafeln für die gesamte Stadt entwickelt hat, hätten Bewohner von Puchheim-Bahnhof inzwischen den Vorsitz inne. Der Verein hatte damals ein altes Gemeindeschild "gerettet" und in seine Sammlung aufgenommen.

Seidl ist klar, dass Puchheim nicht durch eine glanzvolle Geschichte oder markante Bauten besticht, das wesentliche seien die Menschen und die Atmosphäre. "Hier leben viele Leute mit unterschiedlichen Lebensentwürfen, die sich wohlfühlen und sich einbringen." Dass viele Einwohner ein urbanes Zentrum vermissen, ist dem Bürgermeister bewusst. Aichner hofft, dass von dem geplanten Umbau des Komplexes am Alois-Harbeck-Platz mit Hotel, Geschäften und Gastronomie ein Impuls ausgeht. Seidl verweist auf das kleine neue Kaffeehaus nebenan am Grünen Markt, das schon eine gewisse "Bindungskraft" entfaltet habe, zumindest vor der Pandemie. Das alte Schulhaus schräg gegenüber könnte in Zukunft als Bürgerhaus fungieren und hinter dem Bauwerk aus den späten Zwanzigerjahren will Stadt mit den geplanten Neubauten für Volkshochschule, Musikschule und Bibliothek als "Bildungscampus" ein Zentrum schaffen, "wenn wir noch Geld haben".

Im Rathaus geht man einerseits davon aus, dass die Folgen der Pandemie ein Loch in die städtische Kasse reißen und die Steuereinnahmen in den nächsten Jahren nicht mehr so üppig ausfallen. Andererseits hat der Bürgermeister in einem Vorausblick eine Reihe von Maßnahmen benannt, die in den kommenden zehn Jahren verwirklicht werden sollen, weil sie für die Zukunft entscheidend seien. Dazu gehört ein attraktives Angebot an Waren und Dienstleistungen in Konkurrenz zum Onlinehandel, die Digitalisierung in Betrieben und Schulen, die Verbesserung von Schulen und Kindergärten, aber auch eine bessere Vorsorge für Notfälle und Katastrophen. Es gelte, neuen und bezahlbaren Wohnraum und neue Arbeitsplätze zu schaffen, sämtliche Gebäude auf regenerative Energien umzustellen sowie ÖPNV und Radverkehr auszubauen.

Dieses Programm dürfte im Stadtrat Konsens sein, so wie es die Stadterhebung seinerzeit war. Die Initiative ergriff der damalige Bürgermeister Herbert Kränzlein (SPD). Er kündigte die Absicht Ende 2008 im Mitteilungsblatt der Gemeinde an. Er ging davon aus, dass Puchheim "nach Größe und Ausstrahlung sowie dem Angebot an die Bürger" alle Voraussetzungen erfüllte. Sein erster Versuch scheiterte jedoch daran, weil das bayerische Innenministerium keine weitere Stadt in unmittelbarer Umgebung von München haben wollte. Kränzlein ließ sich davon jedoch nicht entmutigen. Er gewann den damaligen Ersten Landtagsvizepräsidenten Reinhold Bocklet (CSU) für die Idee, der den Kreis der Anwärter noch um Gröbenzell und Olching erweiterte und Innenminister Joachim Herrmann (CSU) umstimmte. Allerdings erwies sich der Widerstand ausgerechnet in Bocklets Heimatgemeinde Gröbenzell als so stark, dass die Stadterhebung per Bürgerentscheid im April 2011 abgelehnt wurde. Die Grünen, aber auch einige Vertreter anderer Parteien hatten sich dagegen ausgesprochen.

In Puchheim hingegen wurde das Projekt faktisch von einer Allparteien-Koalition getragen. Ein eher zahmer Protest kam von der Bürgerinitiative "Lebensraum Puchheim" und den ihnen verbundenen Freien Wählern. Inhaltliche Argumente wurden kaum vorgebracht, allenfalls Mutmaßungen über höhere Gebühren oder Kfz-Versicherungsbeiträge, die angehenden Städtern drohten. Die Initiative sammelten zwar mehr als 1500 Unterschriften für ein Bürgerbegehren, das jedoch vom Bürgermeister als rechtlich unzulässig zurückgewiesen wurde. Der Versuch des FW-Vorstandes, ein Ratsbegehren zu lancieren, führte dazu, dass die beiden FW-Gemeinderäte ihren Austritt aus der Wählergruppe erklärten.

Damit war der Weg endgültig frei. Am 17. Mai 2011 überreichte Innenminister Herrmann im Rahmen eines Festaktes im Puc die Stadterhebungsurkunde. Anschließend wurde eine große Torte angeschnitten. In diesem Jahr wird wieder im Kulturzentrum gefeiert, am Montag, 17. Mai, von 19 Uhr an. Die Veranstaltung wird direkt online über die Plattform "GoToMeeting" übertragen. Bürgermeister Seid wird das Programm mit Musik, Grußworten, Poetry Slam und einem Bürgermeister-Quizduell moderieren.

© SZ vom 15.05.2021
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