PuchheimAfD will gegen Auftritt von Dragqueen vor Kindern demonstrieren

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Dragqueen Vicky Voyage liest am kommenden Mittwoch in Puchheim Kindern aus einem Bilderbuch vor und schreckt damit die AfD auf.
Dragqueen Vicky Voyage liest am kommenden Mittwoch in Puchheim Kindern aus einem Bilderbuch vor und schreckt damit die AfD auf. Stadtbibliothek Puchheim

Vicky Voyage kommt am Mittwoch zu einer Bilderbuchlesung für Kinder in die Stadtbibliothek Puchheim. Der AfD-Kreisvorsitzende Erhardt sieht darin eine gefährliche „Frühsexualisierung“ und ruft zu einer Kundgebung auf. Die CSU fordert, die Veranstaltung abzusagen.

Von Peter Bierl, Puchheim

Die AfD mobilisiert gegen eine Lesung mit einer Dragqueen in der Stadtbibliothek von Puchheim. Dort tritt Vicky Voyage am Mittwoch, 19. Februar, auf und liest aus Bilderbüchern vor, Beginn 16 Uhr. Für den Kreisvorsitzenden der AfD, Tassilo Erhardt, ein Fall von „regenbogenbunter Frühsexualisierung“, wie er in einem Videoclip erklärt. Der CSU-Ortsvorsitzende und Stadtrat Dominik Schneider fordert, die Veranstaltung abzusagen. Bürgermeister Norbert Seidl (SPD) bedauert, dass eine Lesung aufgebauscht werde, an der Kinder ihre Freude haben sollten.

Der AfD-Kreisvorsitzende rügt in einer Stellungnahme, dass bei der Veranstaltung eine Dragqueen auftrete, „also ein Mann, der durch Gestus, Make-up und Kleidung eine flamboyante Frauenrolle annimmt – welche Kinder ab vier Jahren über gleichgeschlechtliche Partnerschaften und Transvestitismus aufklärt“. Das erscheine ihm „in vielerlei Hinsicht bedenklich“. Viele Studien belegten, dass „die vorzeitige Konfrontation von Kindern mit derartigen Themen zu Störungen in deren psychischer und emotionaler Entwicklung führen kann“. Erhardt kritisiert außerdem, dass die Veranstaltung in einer öffentlichen Einrichtung stattfindet und mit öffentlichem Geld finanziert werde.

Allerdings ist keine Sexualaufklärung im Sinne einer Unterrichtseinheit an einer Schule vorgesehen. Die Bibliothek hat den Auftritt der Dragqueen als „Bilderbuchlesung“ angekündigt. Dazu heißt es: „Hosen für Jungs und Röcke für Mädchen? Zwei Mamas oder zwei Papas? – Wer sagt eigentlich, was normal ist und was nicht?“ Vicky Voyage zeige bei dieser besonderen Lesestunde, dass das Anderssein zum Leben gehöre und alle so leben dürften, wie sie es sich wünschten. Die Künstlerin selbst wollte sich am Freitag über die Vorgänge auf Nachfrage der SZ „spontan“ nicht äußern.

In seinem Videoclip spricht der AfD-Kreisvorsitzende von einem „Schock“ und fragt sein Publikum, ob es „dieser Person“ ihre Kinder anvertrauen würde, „um mit Gender-Ideologie vollgepumpt zu werden“. Hingegen erklärt der Bürgermeister, es ginge darum, „einen Entwurf, der nicht Mainstream ist“, vorzustellen.

Schutzmaßnahmen

Ursprünglich wollte die AfD ihre Kundgebung direkt neben der Bibliothek abhalten. Das hätte eine „bedrohliche Wirkung“ auf die Kinder gehabt, sagt der Bürgermeister, habe aber abgewendet werden können. „Wir haben uns mit dem Veranstalter auf einen alternativen Standort in der Nähe einigen können, durch den die unmittelbare Konfrontation zwischen der Versammlung und den Teilnehmern der Veranstaltung in der Stadtbibliothek vermieden wird“, erklärt Ines Roellecke, Pressesprecherin des Landratsamtes, das für die Anmeldung von Versammlungen zuständig ist. Angesichts von etwa 100 Teilnehmern, die die AfD angemeldet hat, einer etwaigen Gegendemonstration und „nicht zuletzt zum Schutz unserer eigenen Teilnehmer“ habe man sich darauf geeinigt, sagt Erhardt.

Die Partei und ihr Kreisvorsitzender rufen nun zu einer Kundgebung an einem Platz auf, der knapp 50 Meter entfernt liegt. Die Kreisbehörde hat dafür Auflagen erlassen. Demnach muss die AfD ihre Lautstärke beschränken und darf den Zugang zur Stadtbibliothek und den Ablauf der Veranstaltung nicht behindern oder stören.

„Alles ist kritisch geworden.“

„Das Entscheidende für mich ist, dass die Kinder unbehelligt bleiben und ihren Spaß haben“, sagt der Bürgermeister. Bislang lägen rund 60 Anmeldungen für die Lesung vor. Die Polizei sei informiert und nehme den Aufmarsch ernst, die Stadt habe außerdem einen privaten Sicherheitsdienst engagiert. Seine Sorge um die Sicherheit hat sich nach dem brutalen Anschlag vom Donnerstag auf eine Gewerkschaftsdemonstration in München, an der viele Migranten teilgenommen haben, noch einmal verstärkt. „Alles ist kritisch geworden“, sagt Seidl.

Nach Angaben Erhardts findet die Aktion der AfD über die Parteigrenzen hinaus Resonanz, es hätten sich auch Vertreter anderer Parteien gemeldet, die teilnehmen wollten. Um welche es sich handelt, werde aber erst bekannt gegeben, wenn diese definitiv zugesagt hätten.

Am Freitagnachmittag meldete sich noch der CSU-Ortsvorsitzende Dominik Schneider zu Wort. Er habe „mit großem Befremden“ zur Kenntnis genommen, dass in der Stadtbibliothek eine Lesung für Kinder „zu LGBTQ-Themen“ geplant sei. „Eine solche Veranstaltung halten wir für unangemessen und nicht mit der Verantwortung einer öffentlichen Bildungseinrichtung vereinbar“, heißt es in seiner Stellungnahme. Auch er behauptet, dass Kinder insbesondere im Vorschulalter durch solche Themen verunsichert würden. Umso irritierender sei es, dass eine derartige Veranstaltung mit Steuergeldern aus dem städtischen Haushalt finanziert werde. Die Verantwortung für diese „Fehlentscheidung“ liege beim Bürgermeister. Schneider forderte die Stadtverwaltung auf, die Lesung abzusagen.

Bereits vor knapp zwei Jahren mobilisierte die AfD in München gegen eine Lesung von Vicky Voyage und King Eric Big Clit in der Stadtbibliothek Bogenhausen, nachdem anfangs Politiker von CSU und Freien Wählern gegen den Auftritt gewettert hatten. Die Veranstaltung musste von etwa 200 Polizisten geschützt werden. Hinterher stellte sich heraus, dass Aktivisten einer rechtsextremen Gruppe in das Gebäude eingedrungen waren, um die Veranstaltung zu sprengen, aber von Bibliothekaren gestoppt wurden. Zu einer Demonstration gegen die AfD fanden sich vor dem Haus mehr als 500 Menschen ein, weitaus mehr als die rechte Partei aufbieten konnte.

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