Seit 1975 hat der Verein Campo Limpo aus Puchheim Menschen in Brasilien unterstützt: Kleinbauern, Gewerkschafter, Slumbewohner, Landlose und Indigene im Kampf um ihre Rechte, Jugendliche und Frauen bei der Aus- und Fortbildung, Gesundheitsdienste oder biologischen Land- und Gartenbau. In Deutschland machten sich die Ehrenamtlichen für einen Schuldenerlass stark, für ein Lieferkettengesetz und zuletzt für ein Tempolimit auf Autobahnen, um den CO₂-Ausstoß zu senken, ohne dass es etwas kosten würde. Jetzt löst sich Campo Limpo auf, weil die Vorstandsmitglieder ein hohes Alter erreicht haben und niemand ihre Aufgabe übernehmen mag. Dazwischen liegt ein halbes Jahrhundert, in dem die Welt nicht besser geworden ist.
Im August 1970 hielt der Franziskanerpater Xystus Teuber in der Pfarrei Sankt Josef in Puchheim eine Bettelpredigt, die Walter Ulbrich so bewegte, dass er einen Arbeitskreis Dritte Welt mitbegründete. Ulbrich promovierte in Elektrotechnik und gehörte wie Klaus Lindhuber zu einer Gruppe junger Menschen, die christlich geprägt waren, in München arbeiteten, mit ihrer Familien nach Puchheim gezogen waren und sich dort engagierten. Ulbrich wurde 1971 in den Pfarrgemeinderat gewählt und war Gründungsvorsitzender von Campo Limpo. Lindhuber zog 1972 nach Puchheim und führte den Verein später 46 Jahre lang als Vorsitzender.
Einige Monate vor der Predigt hatten Aktivisten einen Friedensmarsch in Nürnberg veranstaltet und dabei Kilometergeld gesammelt. Die Spender aus Puchheim beschlossen nun, damit die Projekte des Franziskaners Teuber in der Gemeinde Campo Limpo in São Paulo zu fördern. Nach einiger Zeit der Zusammenarbeit erklärte der Pater der Puchheimer Gruppe, dass er ein Ausbildungszentrum für Jugendliche aufbauen wolle, dafür aber kontinuierliche Unterstützung brauchte.
Zu diesem Zweck gründeten etwa 30 Menschen im Februar 1975 den Verein in Puchheim, und benannten ihn nach der Gemeinde in Brasilien. Ulbrich wurde dessen erster Vorsitzender. Dabei sei der Verein trotz seiner katholischen Ursprünge immer strikt ökumenisch ausgerichtet gewesen, betont Lindhuber.

Von Anfang an ging es um konkrete Hilfe zur Selbsthilfe dort, aber auch um Aufklärung hier. Allerdings habe mancher Gläubige in Puchheim mit Entrüstung reagiert, wenn in Jugendgottesdiensten oder in der Messe am Sonntag über Themen wie kritischer Konsum gesprochen wurde, erzählt Ulbrich.
Im Lauf der Jahrzehnte hat Campo Limpo mit 78 verschiedenen Basisorganisationen in Brasilien zusammengearbeitet und im Schnitt jedes Jahr zehn bis zwanzig verschiedene Projekte gefördert. Von 1975 bis 2024 überwiesen die Puchheimer Aktivisten dafür mehr als 3,5 Millionen Euro. Anfangs habe man sehr viele Projekte gleichzeitig unterstützt, nach zwei Jahrzehnten habe man sich stärker fokussiert, sagt Lindhuber. Dadurch war es möglich, stets enge Kontakte und einen direkten Austausch zu pflegen, zumal die Arbeit von Campo Limpo stets ehrenamtlich geleistet wurde, es gab nie einen hauptamtlichen Angestellten.
Außerdem verlagerte der Verein seine Hilfe aus den Städten im Süden in den Nordosten Brasiliens, den ärmsten Teil des Landes, und konzentrierte sich auf die Unterstützung von Kleinbauern. „Unser Ziel war, die Menschen dabei zu unterstützen, ihre Rechte einzufordern“, sagt Ulbrich. Ein Problem sei, dass manche Familien seit Generationen ein Stück Land bewirtschaften, aber keinen verbrieften Eigentumstitel haben. Sobald ein Investor ein Auge auf ihren Grund und Boden geworfen hat, darunter auch deutsche Firmen, droht ihnen die Vertreibung.

Besonders gravierend sei die Lage in trockenen, wenig fruchtbaren Gebieten, wo viele Familien gemeinsam große Flächen mit Gestrüpp als Weide für ihre Ziegen nutzen. Campo Limpo hat solche Gruppen dabei unterstützt, sich gemeinsam ins brasilianische Grundbuch eintragen zu lassen.
Eines der letzten Projekte von Campo Limpo war, eine Gruppe von zehn Frauen in einem Außenbezirk der Stadt Salvador bei ihrem Fernstudium zu fördern, etwa durch Übernahme der Gebühren. Das Problem sei, dass Kindergärten und Vorschulen vom Staat nur finanziert werden, wenn sie qualifiziertes Personal aufbieten können, deren Abschluss müsse etwa dem eines Bachelor in der EU entsprechen, sagt Ulbrich. Das Projekt veranschaulicht deutlich die Strategie von Campo Limpo, mit wenig Geld etwas zu bewegen. „Bei Bauprojekten unterstützen wir unsere Partner oft dabei, bei größeren Hilfswerken Anträge zu stellen“, erzählt Ulbrich. Campo Limpo arbeitete vornehmlich mit Misereor zusammen.

Parallel zur Solidaritätsarbeit für Brasilien engagierte sich Campo Limpo in Puchheim und der Region in der politischen Aufklärung. Etwa 60 Veranstaltungen organisierten die Ehrenamtlichen allein in Zusammenarbeit mit dem Puchheimer Podium, einer ökumenischen Bildungseinrichtung in der Stadt. Campo Limpo kritisierte, dass die Bundesregierung den Bau von Atomkraftwerken in Brasilien durch Steuergelder finanziell absicherte, die konventionelle Landwirtschaft mit ihren Monokulturen und ihrem Gifteinsatz, den Export von Soja, von Rohstoffen und Energie, neuerdings auch von Wasserstoff sowie die Tendenz zum Greenwashing, zur Schönfärberei durch vermeintlich ökologische Maßnahmen. So kann Ulbrich dem Begriff „fairer Handel“ wenig abgewinnen, wenn nicht hinterfragt wird, wie die Arbeitsbedingungen der Produzenten wirklich ausschauen.
Er verweist darauf, dass Windräder in Brasilien mitten in gemeinschaftlich genutzten Weideflächen aufgestellt werden und die Betreiberfirmen um sie herum weiträumig das Gelände absperren. Ulbrich kritisiert die Vorstellung, man müsse hierzulande lediglich alles auf erneuerbare Energien umstellen, aber das Wirtschaftswachstum ewig vorantreiben. Dafür seien Rohstoffe wie Kupfer, Kobalt und Lithium notwendig, für deren Abbau anderswo Natur zerstört, Wasser verseucht und Menschen von ihrem Land vertrieben werden. „Unser Ziel war immer, Hintergründe aufzuzeigen und darauf zu verweisen, was wir hier ändern müssen“, sagt Ulbrich.
Im Frühjahr 2023 schrieb Campo Limpo an den damaligen FDP-Verkehrsminister Volker Wissing und forderte ein Tempolimit für deutsche Autobahnen. Ein Satz aus diesem Brief bringt die Perspektive des Vereins auf den Punkt: „Wir können noch so viele Entwicklungsprojekte unterstützen – die entscheidende Wende für mehr Gerechtigkeit und die Überlebensfähigkeit auf unserer einen Erde muss durch eine grundlegende Reform des Wirtschaftens im industrialisierten globalen Norden erfolgen“, schrieben Lindhuber und Karl Gschwindt vom Vorstand. Wissing habe sie nicht einmal einer persönlichen Antwort gewürdigt und die neue CDU/CSU-SPD-Koalition räume das Lieferkettengesetz ab, klagt Ulbrich.
„Für Junge sind wir schwer zugänglich, weil zu eingefahren“, sagt Walter Ulbrich selbstkritisch
Entsprechend gemischt ist die Bilanz von Campo Limpo. Die Aktivisten haben mit ihrer Hilfe vielen Menschen in Brasilien geholfen, aber hierzulande an den gesellschaftlichen Verhältnissen wenig verändert. Ulbrich erzählt, dass zu ihren Veranstaltungen immer weniger Menschen kämen. Einen Grund dafür sieht er darin, dass manche Themen, die Campo Limpo anspricht, darauf abzielen, den Lebensstil in Deutschland zu verändern. „Das schreckt viele ab.“
Der Verein ist von mehreren Hundert auf etwa 150 Mitglieder geschrumpft, immerhin gibt es noch etwa 200 Spender. Die Führungsriege kann die Arbeit nicht fortsetzen. Ulbrich ist 82 Jahre alt, Lindhuber 88 Jahre. Weil niemand ihre Arbeit übernehmen wollte, beschloss die Mitgliederversammlung, den Verein zur Jahresmitte aufzulösen. Zuvor hat man noch einmal kräftig Spenden gesammelt, um die verbliebenen zwölf Projektpartner ein letztes Mal zu fördern.
Dass sich keine Nachfolger finden, sieht Ulbrich durchaus selbstkritisch: „Für Junge sind wir schwer zugänglich, weil zu eingefahren.“ Aber es sei auch ein gesellschaftliches Phänomen, das viele ehrenamtliche Projekte betreffe. Die mittlere und jüngere Generation sei im Regelfall durch ihre Arbeit ausgelastet, die immer mehr intensiviert und verdichtet wird; obendrein gebe es jede Menge Ablenkung. Im Ergebnis seien junge Leute zwar für einzelne Projekte zu begeistern, sagt Lindhuber, aber nur die wenigsten bereit, sich über einen längeren Zeitraum verbindlich zu engagieren.

Bleiben wird der Nord-Süd-Durchblick, ein Mahnmal, das 1992 auf Initiative von Campo Limpo am Bahnhof in Puchheim aufgestellt wurde, anlässlich des 500. Jahrestages der europäischen Invasion in Amerika, die Kolonialismus, Rassismus, Völkermord, Sklaverei und Landraub gebracht hat und deren Folgen das Leben vieler Menschen bis heute beeinträchtigen. Die Installation, die der Bildhauer und Theologe Franz Hämmerle erarbeitet hat, kann weiter zum Nachdenken anregen. Bei der Renovierung des Denkmals 2020 hat Hämmerle eine zweite Inschrift entworfen, in Großbuchstaben ist dort seitdem zu lesen: „WENIGER MACHT MEHR LEBEN“. Das ist vieldeutig interpretierbar, als Mahnung an Politiker – „weniger Macht, mehr Leben“ – oder wachstumskritisch: „Weniger macht mehr Leben“.
Wer die Arbeit von Campo Limpo detaillierter nachvollziehen will, findet die Rundbriefe auf ihrer Homepage unter https://campo-limpo.eu/.

