Süddeutsche Zeitung

Puchheim:Bilder im Kopf

Hariet Paschke und Cordula Hubrich regen mit ihrer Lesung "Kunst liegt im Auge des Betrachters" im Bürgertreff zum Nachdenken an

Von Sonja Pawlowa, Puchheim

Am Sonntagabend ist im Bürgertreff Puchheim die Ausstellung des Malers Tom Hawes zu Ende gegangen. Als akustischer Schlussakt regte eine Lesung der beiden Schauspielerinnen Hariet Paschke und Cordula Hubrich mit dem Titel "Kunst liegt im Auge des Betrachters" die Zuhörer zu weiterführenden Gedanken und interessanten Diskussionen an.

Neben der Finissage fand gleichzeitig eine Premiere statt: Marta Zientkowska-Schulz, die frisch gewählte Vorsitzende des Kulturverein Puchheim, brachte zur Lesung ihre Familie mit. Zientkowska-Schulz will Kinder und Jugendliche in den Verein einbinden. Projekte und Veranstaltungen sollen inhaltlich Grenzen ausweiten, neue Formen der Kultur einbinden und generationsüberschreitend mehr Publikum ansprechen. Sie will Kunst und Kultur weiter fassen, mit neuen Mitteln, auch an bisher nicht wahrgenommenen Orte.

Wie Gemälde wahrgenommen werden und ob Kunst überhaupt wahrgenommen wird, ist nicht nur eine Frage des Geschmacks, sondern ebenso ein weißer Fleck in der Biologie und der Medizin, sagt die Kunsthistorikerin Hariet Paschke. Das Auge sieht ja nicht, sondern wirft nur eine umgekehrte Projektion auf die Netzhaut, ergänzt Tom Hawes. Das Bild entsteht im Gehirn. Und zwar bei jedem individuell und höchst unterschiedlich.

Natürlich wird ein Mensch in der Gegenwart mit einem Übermaß an bildlichen Darstellungen überflutet. Abgesehen von Werbebildern und gestalteter Schrift gibt es Piktogramme im Verkehr und gesellschaftlichen Leben, die Ordnung und eine schnelle Verständigung gewährleisten. Wie sehr es dabei auf einen Codex und erlerntes Wissen ankommt, zeigen Auslandsreisen. Wenn die Symbole für männliche und weibliche Toiletten nicht verstanden werden, Verkehrszeichen und Warnschilder unbekannt sind, verkompliziert sich jede alltägliche Handlung. Effizienter sind Bilder also nur, wenn der Betrachter sie versteht.

Wie aber ist das mit der Kunst? Hariet Paschke führt aus, dass seit der Antike darüber gestritten wird, ob nun in der Literatur oder in der bildenden Kunst die höhere Aussagekraft zu finden sei. Ist in einem Gemälde mehr Tiefe zu finden oder in einem Text? Der Schriftsteller Karl Owe Knausgard behauptet, dass ein Bild allein schon durch die Farben mehr Sinne anspricht als ein schwarz-weiß gedrucktes Buch. Doch Bilder entstehen im Kopf, wie bereits erwähnt. Erreichen die Beschreibungen von Gemälden eine ähnliche Gefühlsmacht wie das Bild selbst?

Darüber sollen sich die Anwesenden selbst ein Urteil bilden. Deshalb liest die Schauspielerin und Moderatorin Cordula Hubrich eine Auswahl an Texten aus Literatur- und Kunstepochen, die sich von der Antike bis ins 20. Jahrhundert erstreckt. Von Homer, der das Schild des Achilles beschreibt, über Rosa Luxemburgs Begeisterung für Turner transportieren die beschreibenden Literaten ein zweites Bild neben dem Beschriebenen: Das Bild, das sie sahen, lässt beim Leser ein anderes Bild entstehen als das, das er kennt.

Besonders deutlich machen das die Briefe Else Lasker-Schülers an Franz Marc: "Blauer Franz ..., deine Tiere riechen nach Milch." Das sieht oder empfindet nicht jeder so, aber es macht Laune, Kunst neu zu betrachten.

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Quelle:
SZ vom 22.09.2021
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