Ein Blick in die Archive: SZ-Serie:Kraut und Rüben und eine Flasche Rotwein

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Ein Blick in die Archive: SZ-Serie: Einzelkämpferin: Archivarin Mandy Frenkel zeigt alte Pläne.

Einzelkämpferin: Archivarin Mandy Frenkel zeigt alte Pläne.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Die Stadt Puchheim knausert am Geld für ihr lokales Gedächtnis, das Archiv ist schlecht untergebracht und es fehlt Personal.

Von Peter Bierl, Puchheim

Eigentlich hat Puchheim eine Geschichte, die weit zurückreicht. Die Gegend ist uraltes Siedlungsgebiet, das älteste schriftliche Dokument, das bekannt und in dem der Ort erwähnt ist, stammt aus dem achten Jahrhundert, dem frühen Mittelalter. Anno 1422 trugen die Wittelsbacher ganz in der Nähe einen Familienstreit blutig aus.

Ein Blick in die Archive: SZ-Serie: Gehört zu den ältesten Stücken im Archiv: ein Sitzungsbuch des Gemeinderates von 1839, der Name der Gemeinde lautet damals "Buchheim".

Gehört zu den ältesten Stücken im Archiv: ein Sitzungsbuch des Gemeinderates von 1839, der Name der Gemeinde lautet damals "Buchheim".

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Das Stadtarchiv wird dieser Vergangenheit nicht wirklich gerecht. Die ältesten Originaldokumente sind Urkunden von Notaren von 1836 sowie Sitzungsbücher des Rates von "Buchheim" von 1839. Daneben finden sich Akten und eine Amtsblattsammlung ab den 1870er Jahren. Der frühere Gemeinderat Johann Aichner hat Dokumente aus den vergangenen fünf Jahrhunderten in staatlichen und kirchlichen Archiven kopiert und beigesteuert. Von Aichner sowie aus dem Nachlass des früheren Kreisheimatpflegers Erich Rupprecht stammen außerdem viele Fotos, Dias, Negative und Repros. Dazu Videokassetten und Filme, darunter einer von der 1000-Jahr-Feier von 1960. Rupprecht hat dem Archiv auch einen Projektor hinterlassen, um die Dias zu zeigen.

Ein Blick in die Archive: SZ-Serie: Geschenk einer Partnergemeinde: eine Flasche Rotwein, Jahrgang 2016.

Geschenk einer Partnergemeinde: eine Flasche Rotwein, Jahrgang 2016.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Lebensmittelkarten aus der Nachkriegszeit

Zu den Schätzen aus wissenschaftlicher Perspektive zählen die Karteikarten im A-4-Format zur Vergabe von Lebensmitteln aus der Nachkriegszeit sowie die Registrierung der Einwohner durch die lokale US-Militärregierung. Auf jedem Zettel ist der Name des Einwohners vermerkt sowie der Hinweis, dass es "strengstens" verboten sei, Puchheim zu verlassen. In einem Regal steht eine Flasche Rotwein, Jahrgang 2016, aus einer der Partnerstädte Puchheims, die Bürgermeister Norbert Seidl (SPD) hat einlagern lassen.

In den Jahren 2000 bis 2004 hat Stefan Pfannes die Verzeichnisse des Puchheimer Archivs neu bearbeitet sowie neue Bestände erschlossen, etwa Foto- und Diasammlungen sowie Material von Vereinen. Dabei hat der gelernte Versicherungskaufmann mehr als 1700 Akten sortiert. Er war damals gleichzeitig in den Archiven von Puchheim, Gröbenzell und Maisach tätig. Dienstherr war die Gemeinde Gröbenzell, die Pfannes für zehn Stunden in der Woche nach Puchheim auslieh. Seine Nachfolgerin Mandy Frenkel hat noch weniger Zeit. Sie hat zwar eine Vollzeitstelle im Rathaus, aber nur zehn Prozent ihrer Arbeitszeit sind für das Archiv vorgesehen. Die gelernte Historikerin ist seit Mitte 2015 für diese Aufgabe zuständig. Weitere personelle Unterstützung gibt es nicht.

Ein Blick in die Archive: SZ-Serie: Regale voller Schachteln und Ordner: Blick in den Archivraum.

Regale voller Schachteln und Ordner: Blick in den Archivraum.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Kaum Quellen aus der NS-Zeit

Diese bescheidene Ausstattung ebenso wie der Zustand des Archivs sind ein weiterer Beleg dafür, dass Puchheimer Kommunalpolitiker wenig Interesse an der Geschichte ihrer Stadt haben. Die Geschichte des Flugfeldes von 1910 haben Privatleute um Erich Hage aufgearbeitet, der damalige Bürgermeister hielt das für überflüssig. Noch vor der Stadterhebung beschloss der Gemeinderat seinerzeit, die NS-Zeit aufarbeiten zulassen, aber daraus ist bis heute nichts geworden. Aus der NS-Zeit ist an Quellen ohnehin fast gar nichts erhalten. Pfannes vermutete damals, dass der Ortsgruppenleiter der NSDAP die meisten Dokumente zu Hause verwahrt und bei Kriegsende vernichtet habe. Auch von den Unterlagen aus der Nachkriegszeit sei das meiste weggeworfen worden. Ein weiterer Missgriff war, dass die Belege zu den Gemeinderechnungen aussortiert worden waren, welche Auskunft über den Flughafen und das Kriegsgefangenenlager hätten geben können, berichtet Pfannes. Obendrein hat es im alten Rathaus von Puchheim-Ort mal gebrannt, so dass einiges verloren gegangen sei, sagt Frenkel.

Die Quellenlage bessert sich erst mit dem Bauboom der Sechzigerjahre, den vielen Wohnhäusern, dazu Straßen, Schulen und Sportanlagen, die errichtet wurden. Frenkel hat dazu ein Zeitungsarchiv angelegt, es besteht aus Ordnern, in denen sie Kopien der Artikel thematisch sortiert abheftet.

Ein Blick in die Archive: SZ-Serie: Durcheinander: Meldekarten der Einwohner, unsortiert in Plastikboxen.

Durcheinander: Meldekarten der Einwohner, unsortiert in Plastikboxen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Nur wenige Dokumente sind digitalisiert

Das ist echte Handarbeit, denn im Puchheimer Archiv ist fast nichts digitalisiert, anders als etwa in Fürstenfeldbruck, denn dafür müsste man weitere Kräfte einstellen. Das erschwert jede Recherche, den Zugriff auf Dokumente und beschert der Archivarin sehr viel unnötige Arbeit. Die Meldekartei, die um 1911 beginnt, ist nicht einmal alphabetisch sortiert, sondern ein einziges großes Durcheinander, verteilt auf mehrere Plastikboxen. Das hat zur Folge, dass Frenkel stundenlang suchen muss, wenn ein Bürger wissen will, wann die Eltern oder Großeltern zugezogen sind. Solche Familienforscher stellen das Gros der Interessenten. Frenkel bekommt etwa ein Dutzend Anfragen im Monat aus diesem Kreis, deren Beantwortung sie jeweils bis zu acht Stunden kostet.

Da bleibt wenig Zeit für andere Tätigkeiten. Trotz solcher Widrigkeiten hat Frenkel zusammen mit ihrem unmittelbaren Vorgänger Werner Dreher einige Broschüren zu Details der Stadtgeschichte recherchiert und veröffentlicht. Allerdings hat die Knausrigkeit des Stadtrates auch den Wert solcher Publikationen geschmälert, weil Recherchen in den wichtigen Archiven in München nicht möglich waren.

Ein Blick in die Archive: SZ-Serie: Registratur der Stadt: Rollregallager mit Akten der Verwaltung.

Registratur der Stadt: Rollregallager mit Akten der Verwaltung.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Ganz schlecht ist, dass sich das Büro der Archivarin im zweiten Obergeschoss befindet, weit weg vom Depot. Direkt an den Kellerraum schließt sich die Registratur der Stadtverwaltung an, ein Rollregallager voller Akten. Wenn die Abteilungen eine Akte nicht mehr brauchen, übernimmt Frenkel, die die Unterlagen prüfen und aufheben soll, was von historischem Interesse sein könnte und deshalb der Nachwelt erhalten bleiben wird.

Ein Raum für Besucher fehlt

Für Besucher gibt es nicht einmal einen Arbeitsplatz in einem Archiv, das aus einem einzigen, dafür nicht einmal besonders großen und niedrigen Kellerraum besteht, der vollgestopft ist mit Regalen, Schubfächern, Kartons und Kisten, Büchern, Gemälden und Plänen. Notwendig wäre ein Raum für Besucher mit Schreibtischen und Stühlen, dort könnte man auch die Bücher aufstellen. Etliche Werke haben keinen Bezug zu Puchheim, manches wäre im Altpapier bestens aufgehoben, anderes als Hintergrundmaterial durchaus interessant, etwa die 36 Bände über die einzelnen Feldzüge und Schlachten des Ersten Weltkrieges, die das Reichsarchiv danach veröffentlicht hat. Die zwei Bände von Adolf Hitlers "Mein Kampf" müsste man im Giftschrank verschließen.

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