Puch Open AirViel Wiese und ein bisschen Weltbühne

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Von der kleinen Anhöhe auf dem Gelände der Lehmairs haben die Festivalbesucher einen guten Blick auf die Bühne.
Von der kleinen Anhöhe auf dem Gelände der Lehmairs haben die Festivalbesucher einen guten Blick auf die Bühne. (Foto: Niels P. Jørgensen)

Das Musikfest auf der Biofarm in Jetzendorf ist bekannt für seinen familiären Charakter. Statt mit großen Namen lockt Programmgestalter Peter Wacha diesmal mit handverlesenen Geheimtipps – und einem alten Bekannten.

Von Gregor Schiegl, Jetzendorf

Geklaut wird nur, was begehrt wird, und so muss man es wohl als eine Form der Zuneigung sehen, dass es das Puch Open Air draußen in der großen Stadt so schwer hat mit seiner Öffentlichkeitsarbeit. Mittlerweile verschwinden die Plakate laut Veranstalter „jeden Sommer schneller wieder von den Eingangs- und Toilettentüren der Clubs und Kneipen in München als sie dort angebracht werden können“. Gestaltet werden die Poster von einem Büro in München, das auch schon für das Lenbachhaus oder das Burgtheater in Wien gearbeitet hat.

Flyer und Plakate seien „über die Jahre hinweg zu begehrten Sammlerobjekten“ avanciert, hat Programmgestalter Peter Wacha gehört. Vorstellbar wäre es. Schließlich weckt nicht nur das Design Begehren, sondern auch das Produkt: Inzwischen ist das Puch Open Air legendär. Um die Anfänge des Festivals im Dachauer Hinterland vor 36 Jahren ranken sich die wildesten Geschichten von marodierenden Rockern, einem gefräßigen Hund, der eine ganze Metzgerei ausräuberte, und Bienen, die entgegen der düsteren Prophezeiungen eines Imkers das Publikum doch nicht tot stachen. Zum Glück.

Bisher ist diese weiß-blaues Woodstock en miniature noch immer gut ausgegangen, was sicherlich auch am Karma des Puch Open Air liegt. Die Werte des Gemeinsinns und der Harmonie leben hier fort, zwar nicht in Hippie-Manier als Spielwiese der freien Liebe, aber doch als „Ort, an dem gelebte Solidarität an erster Stelle steht“. Verlautbarung auf der Homepage: „Wir dulden keine Form von Rassismus, Sexismus, Antisemitismus oder jede andere Form von Diskriminierung oder Belästigung.“

Das war mal selbstverständlich, heute ist es normative Vertragsbasis:  Wer ein Ticket fürs Puch Open Air kauft, stimmt diesem „Code of Conduct“ zu, bei Verstoß droht Rauswurf. Aber wer denkt in dieser Idylle schon daran, andere anzupöbeln? Das Publikum sitzt auf der sommerwarmen Wiese, manchmal auch im Schlamm, wenn der Himmel seine Schleusen öffnet.

Als Neuling muss man aber erst einmal hinfinden in diese winzige Einöde Lueg bei Jetzendorf. Zu ihr gibt es einen kurzen Wikipedia-Eintrag, in dem die wichtigsten Vorfahren der Bewohner, vom „Luegbauer“, über den „Luegbartl“ bis zum „Bergveitel“, seit dem 17. Jahrhundert aufgelistet sind. Die Weltgeschichte – hier erschöpfte sie sich im Heiraten. So war es jedenfalls, bis 1989 die Gebrüder Lehmair ihre Boxen einstöpselten und die ersten Gitarrenriffs über die Ausläufer des tertiären Hügellands schallen ließen. Seitdem ist das hier auch ein bisschen, ein ganz kleines bisschen, Weltbühne.

Besuch von der Insel: „Benefits“ aus Großbritannien.
Besuch von der Insel: „Benefits“ aus Großbritannien. (Foto: Veranstalter)
Der Beat der „Ndagga Rhythm Force“ aus dem Senegal dürfte weit zu hören sein.
Der Beat der „Ndagga Rhythm Force“ aus dem Senegal dürfte weit zu hören sein. (Foto: Tim van Veen)
Ganz sicher keine Mainstream-Mucke: „Schnecken im Hochbeet“.
Ganz sicher keine Mainstream-Mucke: „Schnecken im Hochbeet“. (Foto: Schnecke)
Die Münchner Sängerin Vandalisbin hat ihre Karriere als Straßenmusikerin begonnen.
Die Münchner Sängerin Vandalisbin hat ihre Karriere als Straßenmusikerin begonnen. (Foto: Susanne Steinmassl)
Die „Monostars“ sind ein Kassiker auf dem Puch Open Air.
Die „Monostars“ sind ein Kassiker auf dem Puch Open Air. (Foto: Quirin Leppert)

Musikalisch verortet ist das Puch Open Air zwischen Indie, Elektro und Avantgarde. In den vergangenen Jahren hatten sie einige richtige Kracher auf der Bühne, manche traten sogar mehrmals auf. The Notwist, Tocotronic, Element of Crime, Schnipo Schranke oder der österreichische Liedermacher Voodoo Jürgens. Entsprechend viele Leute tummelten sich manchmal auf dem Festivalgelände, bis zu 2000 Menschen. Ein Massen-Event wollten die Veranstalter aber nie heranzüchten, kein Höher, Schneller, Weiter.

Seinen Charme zieht das Festival gerade aus dem familiären Charakter, dem Hemdsärmeligen, liebevoll Improvisierten zwischen Schweinestall und Kühlbox. Beim Aufbau und Parkplatzeinweisen hilft das halbe Dorf mit, im Fall von Lueg ist das zugegebenermaßen kein wahnsinnig großes Kunststück, aber doch Beweis, dass es diesen Spirit noch gibt: das große Miteinander in der großen Welt des Gegeneinanders.

Und was ist auf der Bühne geboten? Die großen Headliner sucht man in diesem Jahr vergeblich. „Es ist halt auch nicht immer so einfach“, sagt der langjährige Programmgestalter Peter Wacha am Telefon. Aber müssen es denn immer die großen Namen sein? Puch war immer auch experimentelle Spielweise, Fundgrube für Neues, Unerhörtes. Als DJ, Clubbetreiber und Plattenlabel-Inhaber weiß Wacha, was gut ist und beim Publikum ankommt. Es wäre nicht das erste Mal, dass der Geheimtipp von heute zwei Jahre später der neue Stern am Indie-Himmel ist.

15 Kilometer weit hört man die Sabar-Drum

Noch am ehesten gehört haben dürfte man von den Benefits aus Teesside in Nordengland.  Auf ihrem neuen Album ist sogar der doch ziemlich bekannte Pete Doherty mit von der Partie. Schubladenkonform ist hier nichts, Spoken Word trifft auf wilde Noise-Attacken. Kingsley Hall wird von Robbie Major an den Synthies flankiert, Mogwai-Live-Schlagzeuger Cat Myers gibt die Rhythmen vor.

Aus dem Senegal kommt die Ndagga Rhythm Force. Im Zentrum ihrer Musik steht der repetitive Sound der Sabar-Drum, die – so liest und staunt man – bis zu 15 Kilometer weit zu hören sein soll. Gemeinsam mit der Tama bildet sie die rhythmische Grundlage für die westafrikanische Musikrichtung Mbalax. Die Ndagga Rhythm Force besteht aus der Sängerin Mbene Diatta Seck und dem Sabar-Schlagzeuger Bada Seck sowie Mark Ernestus, der im Dub und Techno daheim ist.

„Den Punk für die Gegenwart“ verspricht der Veranstalter mit der Band Schnecken im Hochbeet. Gelabelt ist ihre Stilrichtung mit „Bark-Wave“, „Köter-Pop“, „Schneckenpostbank“ oder „Rotzkäfer-Rock“. Der Blick auf die Zutatenliste verrät: Pop, Kraut, Avantgarde und Disco. Wer sich nicht vorstellen kann, was das sein soll: Auf der Homepage des Puch Open Air gibt es ein „Festival Radio“ – eine Playlist mit den Acts dieses Sommers.

Gastgeber Lenz Lehmeier rockt mit

Eine von ihnen ist Vandalisbin. „Meine Musik entsteht oft aus persönlichen Erlebnissen, aber auch aus gesellschaftlichen Themen, die mich beschäftigen“, sagt die Münchner Sängerin. Erste Konzerterfahrung sammelte sie mit Akustikgitarre als Straßensängerin am Stachus. Ihre Songs mit deutschen und englischen Texten handeln von queerer Sexualität, Liebe, Gewalt und Selbstermächtigung.

Bei Jahtari & The Other Others trifft experimenteller Deep House auf Afro-Futurismus, mittendrin die Spoken Word-Performance von Dubpoetin Jasmine. Sie wurde in Tokio geboren, wuchs in Jamaika auf und lebt mittlerweile in Deutschland. Inspirieren lässt sie sich unter anderen von Grace Jones und Theo Parrish.

Dem Stammpublikum nicht mehr vorstellen muss man die Monostars. Sie „gehören zum Puch Open Air wie die Apfelbäume und Schweinewiese, schließlich ist Lenz Lehmair nicht nur Gitarrist und Keyboarder, sondern auch der Gastgeber des Festivals“, wie es auf der Homepage heißt. Lehmair hatte schon 1989 seine Band am Start, damals hieß die noch Animal Crakers. Es dürfte die berühmteste Rockband sein, die dieser winzige Ort seit dem 17. Jahrhundert hervorgebracht hat.

Das Puch Open Air 2025 startet am Samstag, 12. Juli, um 16 Uhr auf der Biofarm der Familie Lehmair in Lueg bei Jetzendorf. Es verkehrt wieder ein Shuttlebus vom Bahnhof Petershausen, außerdem gibt es die Möglichkeit, auf einer Wiese zu campen. Alle weiteren Informationen online auf puch-openair.de.

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