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Selbsthilfe:Gemeinsam gegen die Angst

Psychische Erkrankung

Zusammen mit anderen Betroffenen gelingt es leichter, aus der Abwärtsspirale der Krankheit zu entkommen.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Franz Bauer ist auf der Autobahn unterwegs, als plötzlich gar nichts mehr geht: "Mein Körper hat mir gezeigt: Stopp, du musst was verändern." Ihm hat die Selbsthilfegruppe "Mutiger" zurück in ein gesundes Leben geholfen.

Von Ingrid Hügenell

Die Panikattacke kommt aus heiterem Himmel. Franz Bauer fährt auf der Autobahn, er ist Außendienstler. Plötzlich ein Schweißausbruch, Todesängste. Bauer kann nicht weiterfahren. "Vier Wochen konnte ich nicht selbst ein Auto bewegen", berichtet er. Der Grund der Attacke: "Da ist ein Fass übergelaufen. Mein Körper hat mir gezeigt: Stopp, du musst was verändern." Er habe Stress gehabt im Job, mit der Gesundheit und auch mit der Gesundheit seiner Frau.

Er sei ein logischer Mensch, sagt Bauer. Deshalb lässt er zunächst beim Arzt abklären, ob organisch alles in Ordnung ist. Das ist der Fall. Also sucht er sich psychiatrische Hilfe, einen Therapeuten und sehr schnell auch eine Selbsthilfegruppe. Er findet "Mutiger". Heute, zehn Jahre nach der Panikattacke und neun Jahre, nachdem er als Teilnehmer beim ersten Treffen war, ist Bauer, 63, der Vorsitzende des Vereins mit Sitz in Gröbenzell. Gruppen gibt es dort, in Fürstenfeldbruck und Germering, aber auch in Starnberg, Pasing sowie zwei in Dachau.

"Wenn die Angst die Lebensqualität einschränkt, wird es Zeit, sich Hilfe zu holen", sagt Bauer. "Für einen Übergang in das gesunde Leben ist die Selbsthilfe ein wesentlicher Baustein" - neben der psychiatrischen und therapeutischen Anbindung. "Wir stellen uns den Ängsten und lernen, sie auszuhalten. Die Angst zeigt uns, wenn wir etwas übertreiben". Bauer nennt seine Angst seinen schwarzen Hund. "Er ist wie ein Schutzengel, passt auf mich auf. Er sagt mir: Es wird dir zu viel."

In den Mutiger-Gruppen treffen sich derzeit etwas mehr Frauen als Männer im Alter von 23 bis 80 Jahren. Momentan kommen mehr Männer dazu - eine Folge der Corona-Pandemie, die Angstpatienten besonders beutelt. Vertreten sind alle Formen: soziale Ängste vor Menschen, oder die vor Spinnen ebenso wie die vor dem Fliegen oder dem Überqueren großer Plätze.

Oft geht es bei Angststörungen um den Kontrollverlust. Auch Menschen in einer depressiven Episode sind dabei. Die Mitglieder sprechen in den Gruppensitzungen über Medikamente und deren Nebenwirkungen, machen mit Profis Workshops, Übungsfahrten, etwa in der S-Bahn, oder therapeutische Wochenenden. Kontrollierte Konfrontationen mit dem Angstauslöser gehören fest zum Programm. Wer finanziell weniger gut gestellt ist, kann einen Zuschuss für die Angebote erhalten. Die Landkreise Fürstenfeldbruck und Dachau fördern "Mutiger" finanziell.

Wichtig sei, dass alles nach Spielregeln ablaufe, sagt Bauer: Auf Augenhöhe, mit Respekt voreinander, ohne Verniedlichung. Und ohne, dass jemand einem Betroffenen sagt, er solle sich mal zusammenreißen. "Jemand, der so starke Ängste hat, dass er das Haus nicht verlassen kann, der kann sich nicht zusammenreißen", sagt Bauer und ergänzt: "Genauso wenig wie jemand, der sich das Bein gebrochen hat."

Angst-Selbsthilfe "Mutiger", http://mutiger.info. E-Mail: kontakt@mutiger.info; telefonische Sprechstunde und Anmeldung unter 0151/22 73 89 42, E-Mail: kontakt@mutiger.info

© SZ vom 12.06.2021/infu
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