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Protest:"Das macht mich fassungslos"

Fee Dürr fühlt sich durch die Maßnahmen gegen Corona in ihren Grundrechten beschnittenen. Deshalb organisiert sie in Olching Demonstrationen

Das Treffen findet statt im Daxerwirt in Olching, dessen Biergarten nun wieder geöffnet hat. Auf dem Weg zu einem der luftig aufgestellten Tische ist Mundschutz zu tragen, zuvor soll man sich in eine Adress- und Telefonliste eintragen, um in einem möglichen Infektionsfall informiert werden zu können.

Fee Dürr, 40, ist Alleinerziehende Mutter und Webdeveloperin. Sie hat die Demonstrationen an den beiden vergangenen Sonntagen auf dem Nöscherplatz organisiert - gemeinsam mit Unterstützerinnen, die sich in der Gruppe "Amperfeen" zusammengeschlossen haben. Sie wehren sich gegen die Auflagen und Beschränkungen, mit denen die Verbreitung des Virus Sars-CoV-2 gebremst werden soll, fühlen sich in unverhältnismäßiger Weise in ihren Grundrechten eingeschränkt. 80 Personen fanden sich am Sonntag ein, Rechtsextreme oder Verschwörungstheoretiker waren offenbar nicht darunter.

SZ: Wie sind Sie darauf gekommen, Demos zu organisieren?

Fee Dürr: Vor ein paar Wochen bin ich zu Demos nach München gefahren. In der S-Bahn habe ich andere Olchingerinnen kennengelernt, da waren wir zu viert. Und wir haben uns gedacht, wäre doch super, wenn wir das auch in Olching machen könnten.

Was wollen Sie damit erreichen?

Die Aufhebung diverser Einschränkungen: Schulen und Kitas sind noch immer stark reduziert, was einen tiefen Einschnitt in die pädagogische Entwicklung bedeutet. Dazu kommen die wirtschaftlichen Auswirkungen und die Kontaktbeschränkungen. Den Sinn des Mundschutzes stellen wir auch in Frage, weil Experten sagen, dass der sogar schädlich sein kann.

Warum das?

Er schützt ja nur den jeweils anderen, hilft also, wenn man selbst infiziert ist. Aber bei Atemwegserkrankungen ist er schädlich, weil man gerade dann eine gute Durchlüftung der Lunge braucht. Wer krank ist, sollte doch einfach am besten zu Hause bleiben.

Halten Sie Einschränkungen zumindest in der Anfangsphase der Coronakrise für gerechtfertigt?

Da gibt es bei den Teilnehmern der Demonstrationen verschiedene Meinungen. Ich fand die Einschränkungen von Anfang an übertrieben.

Haben Sie sich nie selbst Sorgen gemacht?

Nein, meiner Ansicht nach ist es wie eine Grippe. Ich lebe sehr gesund und habe generell keine Angst vor Virenerkrankungen. Bei uns in Deutschland haben interessanterweise die grippebedingten Sterbefälle im Vergleich zu den Vorjahren im gleichen Maße abgenommen wie die statistisch Covid-19 zugeordneten Sterbefälle zugenommen haben.

Wenn Sie es mit einer Grippe vergleichen, wie erklären Sie sich dann die massenhaften Todesfälle wie in Italien, Spanien und den USA?

In den Statistiken wurde zu Beginn gar nicht aufgeschlüsselt, wie viele der Todesfälle an Covid-19 gestorben sind und wie viele zwar infiziert waren, aber aus anderen Gründen gestorben sind. Nach meinen Informationen sind zum Beispiel in Italien 96 Prozent an anderen Erkrankungen gestorben.

Und das soll wirklich die zigtausend Tote in Norditalien innerhalb weniger Wochen erklären?

In Norditalien gibt es zudem ein hohes Maß an Luftverschmutzung und deshalb bereits eine Häufung von Lungenerkrankungen. Und die Bevölkerung ist vergleichsweise sehr alt, deshalb gehören viele zur Risikogruppe. Dazu kommt noch das hohe Maß an Antibiotikaresistenzen und Krankenhauskeimen in Italien.

Fee Dürr ist eine der Organisatorinnen der Corona-Demos in Olching. Sie fordert eine sofortige Aufhebung der Kontaktbeschränkungen und befürchtet einen weiteren Eingriff in die Grundrechte, sobald ein Impfstoff auf den Markt kommt.

(Foto: Stefan Salger/oh)

Aber in den USA, Spanien und Großbritannien gibt es sehr ähnliche Entwicklungen bei den Todesopfern und den Infizierten.

Man muss auch einen Zusammenhang sehen: Je mehr getestet wird, desto mehr findet man auch.

In Deutschland wurde versucht, mit Beschränkungen die Zahl der Infizierten niedrig zu halten, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Wäre es Ihrer Ansicht nach besser gewesen, der Infektion im Sinne einer Herdenimmunisierung freien Lauf zu lassen, auch wenn das möglicherweise viel mehr Menschenleben gekostet hätte?

Hier bin ich gespannt, welche Ergebnisse letztendlich Schweden vorweisen wird, das bislang ohne Lockdown auskam.

Aber auch dort gibt es nun einen deutlichen Anstieg bei den positiv auf das Virus Getesteten.

Die Kontaktbeschränkungen bei uns haben jedenfalls nicht viel bewirkt. Wenn ich mir Zahlen des statistischen Bundesamts und des Robert-Koch-Instituts ansehe, dann wird deutlich, dass während des Lockdowns die Sterbezahlen gestiegen sind, aber nicht die Fälle von Atemwegserkrankungen. Die Sterbezahlen sind also nicht auf Covid-19 zurückzuführen. Es ist eher anzunehmen, dass es was mit dem Lockdown zu tun hat.

Deutschland steht bei den Sterbefällen in jüngster Zeit aber im Vergleich zu fast allen Ländern außerordentlich gut da. Liegt da nicht der Schluss nahe, dass das frühzeitige Runterfahren wirkungsvoll war?

Unser Gesundheitssystem war nicht in Gefahr, überlastet zu werden. Leider hat jedoch die Angst vor Corona viele Menschen davon abgehalten, andere Krankheiten behandeln zu lassen.

Was würden Sie jetzt machen?

Wenn ich Politiker wäre - erst mal deeskalieren, man muss den Leuten die Angst nehmen, gerade Risikogruppen. Leute haben Todesangst, das wird so hochgekocht. Die Botschaft müsste sein: Die Gefahr ist vorbei. Lasst eure anderen Erkrankungen wieder behandeln. Und ich würde die Kontaktbeschränkungen komplett aufheben. Zudem gibt es schon viele Immunisierte.

Wie kann man das den Leuten in Pflegeheimen und Pflegern vermitteln?

Gerade alte Menschen brauchen den Kontakt zu anderen Menschen. Auch die palliative Betreuung ist sehr wichtig.

Aber wenn das Virus in Altenheime getragen wird, sterben erfahrungsgemäß sehr viele Senioren. Kann man da wirklich alle Beschränkungen aufheben?

Das normale Leben sollte wieder voll starten. Vielleicht könnte man die Risikogruppen aber noch drei oder vier Wochen lang schützen, auch um ihnen das Gefühl der Sicherheit zu geben, dass sie nach dieser Angstphase vermutlich noch eine Weile brauchen. Am besten sollte man aber dazu die Senioren selbst befragen, was sie gerne möchten.

Südkorea wird immer wieder als Vorbild genannt, weil das Land die Infektion weitgehend im Griff zu haben scheint. Dort ist Mundschutz obligatorisch, und es werden Handy-Apps genutzt, aber die weiteren Beschränkungen sind überschaubar. Was halten Sie davon?

Gar nichts. Am Beispiel Chinas sieht man, dass die Apps zur Überwachung und Zensur genutzt werden. Da gibt es sogar ein Scoring-Bewertungssystem, das den Leuten sagt, was sie machen dürfen und was nicht. Das ist doch total krass und datenschutzrechtlich ein Fiasko.

Teilnehmer werfen Politikern und Medien vor, Ängste zu schüren.

(Foto: Stefan Salger/oh)

Auch dann, wenn zugunsten der Bluetooth-Variante auf eine zentrale Speicherung der Daten verzichtet wird?

Überwachungs-Apps machen für mich generell keinen Sinn.

Eine der Forderung der Demonstranten auf dem Nöscherplatz war es, sich stärker an wissenschaftlichen Erkenntnissen zu orientieren. Warum? Gerade die Experten dringen bislang doch stark durch in Politik und Medien.

Da sieht man fast nur den Virologen Christian Drosten und den Leiter des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler. Aber die 125 Experten weltweit, die sich schon kritisch geäußert haben, kommen kaum zu Wort.

Wo fühlen Sie sich in den Grundrechten eingeschränkt?

Zum Beispiel bei einer verpflichtenden Impfung. Es fällt mir schwer zu glauben, dass die nun wirklich nicht mehr geplant ist. Immunitätsausweise wären so was wie die Impfpflicht hintenrum. Denkbar wäre, dass man ohne ihn keine Konzerte besuchen oder nicht verreisen könnte. Dadurch würden Grundrechte massiv eingeschränkt, darüber mache ich mir Sorgen.

Werden Sie sich gegen Corona impfen lassen, wenn das möglich ist?

Nein, definitiv nicht. Obwohl ich nicht grundsätzlich gegen das Impfen bin. Aber ich kenne zwei Menschen mit Impfschäden, sogar einen Todesfall, und gerade beim Impfstoff gegen Sars-Cov-2 wurde bereits angesprochen, Zulässigkeitsstudien abzukürzen.

Verschwörungstheoretiker und Rechtsextreme versuchen offenbar, Corona-Demos als Bühne zu nutzen. In Olching war das bislang nicht der Fall. Achten sie darauf?

Ja. Aber ich sehe mir viele Beiträge von Demonstrationen im ganzen Land an. Und wenn zehn von zehntausend Demonstranten Rechtsradikale sind, dann darf man nicht alle anderen in eine Schublade stecken. Das macht mich fassungslos. Wir rufen in Olching ausdrücklich dazu auf, friedlich zu bleiben gegenüber Passanten, Presse, Polizei. Wenn Extremisten oder Verschwörungstheoretiker auftreten würden, würde ich etwas unternehmen und Stellung beziehen.

Demonstration gegen die Corona-bedingten Auflagen und die Einschränkung der demokratischen Grundrechte. Sonntag, 24. Mai, 15.30 bis 16.30 Uhr, Volksfestplatz, zugelassen sind maximal 120 Teilnehmer. SZ-Artikel aus verschiedenen Perspektiven auf das Thema Corona: "Mundschutz ja, Entmündigung nein" von Heribert Prantl sowie "Krude Ideen, gefährliche Gespinste - Corona-Mythen im Faktencheck" (verschiedene Autoren) unter https://projekte.sueddeutsche.de/artikel/wissen/corona-faktencheck-e401112

© SZ vom 23.05.2020
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