Polizei in Germering/Gauting:Freund, Helfer, Kommunikator

ALLING: Porträt von Andreas Ruch

Als eine "interessante und lehrreiche Zeit" bewertet Andreas Ruch seine neun Jahre in Germering. Als Leiter der Dienststelle Gauting arbeitet der 55-Jährige künftig seinem Wohnort.

(Foto: Leonhard Simon)

Hauptkommissar Andreas Ruch schätzt an seinem Beruf die Vielfältigkeit. Nach neun Jahren in Germering wird er Inspektionsleiter in Gauting. Das bedeutet mehr Verantwortung in einer Gesellschaft, die die Polizeiarbeit schwieriger macht

Von Christian Hufnagel, Germering/Gauting

"In Germering passiert immer etwas. Es gibt nichts, was es nicht gibt." Eine Aussage, die Anerkennung sein könnte, wenn sie sich etwa auf das gesellschaftlich-kulturelle Leben beziehen würde. Nach dem Motto: Diese Stadt ist keine Schlafstadt. Aber die Erkenntnis rührt aus einem anderen Berufsleben her, das sich mindestens mit den grauen Bereichen des menschlichen Handelns, wenn nicht gar mit den ganz dunklen Seiten beschäftigen muss. Neun Jahre hat Andreas Ruch Erfahrungen gesammelt, die zu diesem scharfen Blick auf die größte Kommune im Landkreis führen: als Polizeibeamter in der Funktion des stellvertretenden Inspektionsleiters.

Es sei eine "interessante wie lehrreiche Zeit" für ihn gewesen in einer "großstädtisch geprägten" Umgebung. Was eine solche Struktur zur Folge hat, ist ein Einsatzspektrum "in der ganzen Bandbreite der Polizei". Ruch erinnert sich etwa an den renitenten Mann, der drei Kollegen verletzte und nur mit Hilfe der SEK überwältigt werden konnte; an betrunkene Jugendliche, die Autospiegel in ganzen Straßenzügen abtraten; an Einbrüche, Trickdiebstähle, an schwere Unfälle und an Radler, die sich an keine Regeln halten wollen. Das alles wird für den Ersten Polizeihauptkommissar nun nicht der Vergangenheit angehören, schließlich hat er bis zur Pension noch sieben Jahre. Aber es werde in Zukunft "alles eine Nummer kleiner ausfallen", schätzt er die Situation an seiner neuen Arbeitsstätte ein. Die liegt zwar nur neun Kilometer entfernt, aber in einer Gemeinde, die nicht einmal die Hälfte der 41 000 Einwohner der Nachbarstadt zählt. Und weniger Einwohner bedeuteten eben auch weniger Straftaten, sagt Ruch, der aber dort zugleich mehr und ganz in der Verantwortung steht: Er wird Leiter der Polizeiinspektion in Gauting, offiziell zum 1. November.

Eine Beförderung, über die er sich sehr freut, und das weniger, weil er nun in seinem Wohnort auch arbeitet und damit "ein Stück Lebensqualität" gewonnen hat. Vielmehr habe er sich ganz bewusst dafür entschieden, die ganze Verantwortung zu übernehmen und "eigene Schwerpunkte setzen zu wollen". Was das für einen Inspektionsleiter bedeuten kann, schildert Ruch an einem eindringlichen Fall aus der Germeringer Zeit: Ein Mann hat bei einer Party seine Gäste plötzlich mit einer Pistole bedroht und sie aus seiner Wohnung geworfen. Da heißt es abzuwägen, ob man mit den eigenen Leuten in die Wohnung geht und die Kollegen vielleicht in Gefahr bringt oder das erfahrene Sondereinsatzkommando zu Hilfe holt. In diesem Fall ging die Situation mit den Germeringer Beamtinnen und Beamten gut aus, die den unberechenbaren Mann in der Wohnung überwältigen konnten.

Aber der Fall macht deutlich: "Jeder Einsatz birgt eine neue Gefahr. Jeder Einsatz ist anders. Und man muss aufpassen, nicht in Schablonen zu handeln", sagt der 55-jährige gebürtige Münchner. Er kann auf ein äußerst abwechslungsreiches Berufsleben zurückblicken: Mit 24 will es der Zufall, dass Ruch eine Polizeiausbildung anfängt. Danach folgen Stationen bei der Kripo in Garmisch Partenkirchen, der Bereitschaftspolizei, dann in München bei der Fahndung, dem Kriminaldauerdienst, der Öffentlichkeitsarbeit im Präsidialbüro, schließlich als stellvertretender Inspektionsleiter in Starnberg. 2012 kam Ruch nach Germering und nun wird er Polizeichef in Gauting.

Bei dieser Vita ist es vollkommen verständlich, dass Ruch sich keinen anderen und spannenderen Beruf vorstellen kann, in dem man so viele Möglichkeiten hat. Vordergründig findet er damit immer wieder "den Reiz des Neuen". Aber die eigentliche Erfüllung zieht der erfahrene Polizeibeamte aus einer anderen Motivation, die sich eben Berufung nennen lässt: "Die Polizei, dein Freund und Helfer - diese Losung hat mich immer begleitet." Für ihn sei es stets "ein tolles Gefühl", wenn er Tipps geben und damit Menschen helfen kann. Als Beispiel nennt er seine "Passion", ältere Menschen über die Gefahr und Arbeitsweise von Trickbetrügern aufzuklären. Nach seinen Vorträgen vor Seniorengruppen zeigten sich immer wieder Zuhörer sehr dankbar für die Ratschläge. Ein solches Feedback ist für Ruch "erhebend".

Wie notwendig diese Art der Präventionsmaßnahmen ist, zeigte sich wenige Tage nach Arbeitsbeginn in Gauting. Da habe er gleich einen traurigen Fall zu bearbeiten gehabt, berichtet er. Eine Seniorin war von einer falschen Putzfrau abgelenkt worden, während der Komplize Bargeld und Schmuck im Wert von 3000 Euro aus ihrer Wohnung stahl. Ruchs Appell - nicht nur an die Alten - lautet deshalb: "Lassen Sie niemals Ihnen unbekannte Personen in Ihre Wohnung."

Da Verbrechen und Ordnungswidrigkeiten auch in Gauting nie ausgehen werden, wird Ruchs Berufsleben sicher erfüllt bleiben. Gleichwohl gebe es eine gesellschaftliche Tendenz, die den Alltag für ihn und seine Kollegen immer schwieriger mache: "Autorität wird per se abgelehnt", beschreibt er ein Verhalten gegenüber den Hütern von Recht und Ordnung, das sich seiner Meinung nach "kolossal gewandelt" hat.

Gerade für die jungen Kollegen sei dies nicht einfach: "Der Umgangston ist für die Polizei rauer geworden." Mögliche Sanktionen schreckten manche Leute nicht mehr ab. Ein Wermutstropfen ist das schon, aber er kann Ruch nicht die Freude an seinem Beruf nehmen. Zu der zählt auch eine Leidenschaft, die unter seinen Kollegen sicherlich selten ist, von der aber die Öffentlichkeit stark profitiert. Er schreibt gerne die täglichen Presseberichte über die Einsätze.

Das hält Ruch für sehr wichtig: "Über eine gute Öffentlichkeitsarbeit erreichen wir viele Menschen", ist der neue Inspektionsleiter überzeugt, der Journalist werden wollte, bevor er den Ordnungshüter als Beruf für sich entdeckte. Wie viel und wie ausführlich die Polizei über ihre Arbeit tagtäglich mitteilt, ist nämlich nicht vorgegeben und obliegt mehr oder weniger der Eigeninitiative in der jeweiligen Inspektion. Zuletzt haben die Germeringer von Ruchs Engagement für diese Aufgabe und auch von seiner Formulierungsgabe profitiert. Nun werden dies die Nachbarn in Gauting tun.

© SZ vom 25.09.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB