Poesie in Olching:Gänsehautmomente

Lesezeit: 2 min

OLCHING: Porträt der Poetry-Slammerin Sophie Scheffel

Lesen und vorlesen: Die 16 Jahre alte Poetry-Slammerin Sophie Scheffel aus Olching

(Foto: Leonhard Simon)

Goldenes Mikro für Slammerin Sophie Scheffel

Von Manon Harenberg, Olching

"Ich war schon immer ein verträumter Mensch", beschreibt die 16-jährige Sophie Scheffel sich selbst. Die Olchingerin ist Poetry-Slammerin, erst vor einem Jahr hat sie ihre Liebe zum Schreiben entdeckt. An einer ihrer Zimmerwände hängt eine Pinnwand, auf ihr sammelt sie mit Klebezetteln ihre Gedanken und einige Zitate. Abends an ihrem Schreibtisch kommen ihr die meisten Ideen für neue Texte. Dann beginnt sie ihre Gedanken in Worte zu fassen, lässt ihr Geschriebenes zwei Tage ruhen und setzt sich erneut dran.

Mit diesen Texten, die auf bunten Klebezetteln an ihre Wand gepinnt ihren Anfang nehmen, konnte die Newcomerin vor Kurzem schon bei ihrem ersten Auftritt abräumen - bei einem Poetry Slam, quasi einer gesprochenen Lautmalerei. Beim Wettstreit "Bless the mic" im mit Graffiti besprayten Innenhof der Glockenbachwerkstatt kämpfte sie sich mit ihrem Text "Die Sache mit dem für immer" durch die Vorrunde. Ob lustige, ernste, politische oder vollkommen absurde Texte, die lokale Slam-Szene duellierte sich bei diesem Wettbewerb um das "Goldene Mikrofon". Die Poetry-Slammerin sorgte dabei mit ihren Texten für Gänsehautmomente, schaffte es, bekannte Gefühle in Worte zu fassen. Sie schreibt über den Wunsch, die Zeit anhalten zu können, in schönen Momenten für immer zu verweilen. Und dem Bedürfnis nach einem sicheren Hafen, auch wenn der Sturm einen mal alleine aufs Meer treibt. "Egal wie viele Uhren ich anhalte und wie viele Sanduhren ich leere. Egal wie sehr ich es mir wünsche, ist da in meinem Kopf diese Uhr, die tickt. Tick. Tack. Tick. Tack", schreibt Sophie. Die Vergänglichkeit überschattet jede Zeile ihrer Texte. "Momente vergehen, das kennt man schon, besonders wenn man an schönen Orten ist," sagt die 16-Jährige. Ansonsten habe sie nur Weniges aus ihren Texten selbst erlebt, eher verarbeitet sie ihre Gedanken.

Im Finale setzt sie sich dann mit ihrem Text "Ich dachte wirklich, ich würde dich kennen" sogar gegen die zwei erfahrenen lokalen Slammer Raphael Breuer und Bucci durch - das "Goldene Mikrofon" ist damit ihres. "Ich hätte niemals damit gerechnet zu gewinnen", erinnert sie sich. Zuvor übte sie einige Male vor ihrem Spiegel, konzentrierte sich bei ihrem Auftritt dann auf ihre Emotionen und nicht so sehr auf ihr Publikum. "Bei meinem ersten Auftritt war ich schon aufgeregt, gleichzeitig habe sie es sehr genossen, auf der Bühne zu stehen "und meine Gedanken mit dem Publikum zu teilen", sagt sie. Die Reihenfolge der Texte habe sie sich überlegt, als sie von der Schule nach Hause radelte. "Die emotionalere Art des Vortragens liegt mir einfach mehr", sagt sie. Ihr Siegertext übersteigt den ohnehin gefühlvollen Text aus der Vorrunde. Die Sehnsucht nach einem Menschen, der einem langsam entgleitet und die Machtlosigkeit, die Zeit zurückzudrehen. "Ich dachte, wir stehen eines Tages hier zusammen, und lachen über das was war. Aber das wird nie sein, denn du entgleitest mir," lautet ein Teil.

Seit einem Jahr schreibt die Zehntklässlerin nun, anfangs nur für sich selbst, bis sie ihre Texte vor ihrer Klasse vorgetragen hat. Das habe sie so sehr in ihrem Schaffen bestärkt, dass sie den Schritt gewagt habe und sich bei dem Poetry-Slam "Bless the mic" beworben hat. Ihre Begeisterung fürs Texten hat sie einem Buch zu verdanken, das sie inspiriert hat: Der Roman "Weil ich Layken liebe" der amerikanischen Schriftstellerin Colleen Hoover über die Liebesgeschichte zweier Jugendlicher. Die Leidenschaft des Protagonisten für Gedichte und Poetry-Slams habe ihr imponiert.

Zwar wolle sie schon seit sie Denken kann Lehrerin werden, das Schreiben und Auftreten möchte sie dafür aber nicht aufgeben. "Im Schreiben kann man sich selbst verlieren und wiederfinden, gleichzeitig schenkt man anderen etwas", sagt sie. Ihr letzter Auftritt war das sicher nicht, denn eine Einladung zum nächsten Slam habe sie schon erhalten.

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