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Philophie:Freies Denken

Der Gröbenzeller Autor Alois Prinz liest am Donnerstag aus seiner Biografie über die jüdische Publizistin Hannah Arendt.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Lesung über Hannah Arendt in Gröbenzell

Von Rafaela Steinherr, Gröbenzell

Ohne "Geländer" denken, das war für die jüdische Publizistin Hannah Arendt ein grundlegender Vorsatz. Damit rief sie die Menschen dazu auf, sich nicht durch festgefahrene Meinungen oder Aussagen anderer beeinflussen zu lassen, sondern immer wieder selbständig eigene Gedanken zu bilden. Ihr Leben und die damit verbundene Weltsicht wird der Schriftsteller Alois Prinz, der eine Biografie über Arendt geschrieben hat, am Donnerstag, 22. Oktober, im Gröbenzeller Bürgerhaus ausführlich schildern. Der Gitarrist Johannes Öllinger wird dabei ihre Lebensstationen musikalisch untermalen.

Obwohl die im Jahre 1906 geborene Hannah Arendt zeitlebens stets betonte, keine Philosophin zu sein - ihr Beruf sei vielmehr die politische Theorie - , wird sie dennoch oftmals als die bedeutendste Frau in der Geschichte der Philosophie bezeichnet. Trotz einer sehr liberalen Erziehung durch ihre Mutter Martha Arendt wirkte sich Arendts jüdische Herkunft aufgrund ihrer Erfahrungen mit Antisemitismus stark auf ihr Denken aus, sagt Alois Prinz. Besonders prägend auf ihre Weltsicht habe auch die Begegnung mit dem Lehrer Karl Jaspers nach ihrer Affäre mit dem Dozenten Martin Heidegger gewirkt. Sie selbst bezeichnete diese Erfahrung als "Schlag mit dem Hammer auf den Kopf". Denn Heidegger sei in seiner Philosophie sehr auf den Einzelnen fixiert gewesen, der den Weg zum Sein finden müsse. "Bei Jaspers war es ganz umgekehrt", erklärt Prinz. Dieser habe das Fremde und den Diskurs mit anderen Menschen als eine Chance gesehen. So habe auch Hannah Arendt die Meinung vertreten, der Mensch müsse sich gezielt dem öffentlichen Diskurs aussetzen.

Ihre Lebensform bestand deshalb nach Prinz aus der Äußerung der eigenen Meinung, dem Streiten, aber auch in dem Vorhaben, mit anderen durch einen Diskurs gemeinsam etwas zu bewegen. "Eigentlich ist das auch der Kerngedanke dessen, was Arendt unter Demokratie versteht", meint der Gröbenzeller Schriftsteller. Denn erst im gleichberechtigten Miteinander ließen sich nach Ansicht der politischen Theoretikerin die wichtigen Fragen des Lebens erfassen. Eben deshalb kann ihre Weltsicht laut Prinz auch als klare Kritik an den aktuellen nationalistischen Bestrebungen beispielsweise in Ungarn, Polen oder auch den USA verstanden werden. Ihre pluralistische Weltsicht, in der es um das Zusammenleben mit anderen Menschen geht, gelte auch international.

Auch Arendts Warnung vor Propaganda sei heute noch aktuell. Schmunzelnd sagt Prinz: "Damals gab es das Wort Fake News noch nicht", aber in einem Aufsatz über Lüge in der Politik spreche sie genau dieses Thema an. Insgesamt sei Hannah Arendt immer wichtig gewesen, dass die Welt unentwegt besprochen wird, da alte Denkweisen nicht mehr funktionieren könnten, um eine neue Welt zu gestalten. So stiftet sie auch Hoffnung, dass ein Anfang im Denken und Handeln immer wieder möglich und auch verpflichtend ist. Die Arendt-Biografie von Prinz wurde im Jahre 2001 mit dem Evangelische Buchpreis ausgezeichnet. "Die Lebensgeschichten, die Alois Prinz schreibt, sind so leidenschaftlich recherchiert, so sorgfältig aufgebaut und gut geschrieben", schreibt der Tages Anzeiger in Zürich.

Hannah-Arendt-Lesung mit Alois Prinz, Donnerstag, 22. Oktober, Bürgerhaus Gröbenzell, 20 Uhr. Anmeldung unter 08142/570313.

© SZ vom 22.10.2020

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