Süddeutsche Zeitung

Online-Lesung:Die Hose von Meister Yoga

Volker Keidel stellt in einer Online-Lesung sein neues Buch vor

Von Florian J. Haamann, Puchheim

Die Absurditäten und Liebenswürdigkeiten des Lebens beobachten und sie dann unterhaltsam aufschreiben. Das ist das Metier des Puchheimers Volker Keidel. Wobei; eigentlich ist sein Metier das Verkaufen von Büchern. In seiner Freizeit allerdings schreibt und veröffentlicht er regelmäßig selbst Bücher, meist mit Kurzgeschichten. Damit hat er sich einen Namen gemacht als einer der Alltagschronisten, die in München seit Karl Valentin eine starke Tradition haben. Keidel ist also einer, der schon viel gesehen und erlebt hat. Aber die Vorstellung seines neusten Werks "Wer alkoholfreies Radler trinkt, hat sich schon aufgegeben", das ist auch für ihn etwas Neues. Denn statt wie gewohnt vor Publikum, liest er dieses Mal einfach in eine Kamera, während die Zuschauer in ihren Wohnungen am Bildschirm sitzen und ihm via Livestream zuhören - auf Facebook und Instagram

Keidel sitzt dabei in der Puchheimer Buchhandlung Bräunling an einem improvisierten Tisch, im Hintergrund sieht man die gefüllten Regale des aktuell für den Publikumsverkehr geschlossenen Ladens. Sein Auftritt ist so, wie man es von Keidel erwartet. In ein Bettlaken gehüllt erscheint er aus dem Hintergrund, setzt sich auf seinen Stuhl. "Eieiei, saulustig oder?" sagt er zu den Zuschauern und zieht das Laken über den Kopf. Die Geisterlesung kann beginnen. Schon der Titel der ersten Geschichte ist keidelesk: "Meister Yoga".

Darin beschreibt er den Besuch einer Yogastunde gemeinsam mit einer Freundin. Wenig überraschend ist dem Autor das Dehnen und Biegen irgendwie suspekt, trotzdem kniet er sich voll rein. Und beschreibt die quälenden Schmerzen, die er dabei erleidet - seelisch, weil er sich einbildet, wie die anderen diesen im wahrsten Sinne des Wortes Fremd-Körper innerlich belächeln, und physisch, weil sein Sportprogramm sonst eher aus Bierflaschen öffnen besteht als aus Bewegung. "Es tut sehr weh, aber alle anderen tun so, als wäre es das Normalste der Welt. Im Spiegel sehe ich, wie alle im Flow sind und sich gleichzeitig bewegen. Nur ich bewege mich wie ein dicker, 50-jähriger ehemaliger Fußballprofi." Doch mit der Zeit findet er momentweise auch Freude am Yoga. "Vielleicht werden wir alle Freunde. Beckenbodenfreunde", lautet sein euphorisches Fazit.

In seiner typischen Art schont Keidel dabei sich selbst am wenigstens. Er spielt mit seinen Schwächen und Fehlarbeiten, nimmt seine eigenen Verhaltensweisen immer wieder ins Visier. Wer Keidel hört, der versteht, dass der Mensch fehlbar ist, und dass das, wenn man es mit Humor nimmt, gar nicht schlimm ist - eher schön. Diese Identifikationsmöglichkeit, dieses Artikulieren von Dingen, die viele Menschen fühlen, das ist es, womit Keidel die Herzen seiner Fans erobert.

Und auch, wenn sie nicht vor Ort sein können, zeigen sie zumindest im Chat ihre Begeisterung: "Wir lachen uns schlapp! Herrlich - theWAGNERfive", "Super! Ich amüsiere mich prächtig, vielen Dank und schöne Grüße aus Berlin." "Ich hab hier grad sowas von nem Lachflash." "Sehr coole Aktion und tolles Buch", heißt es da unter anderem. Etwa 250 Menschen verfolgen die Lesung im Livestream, das sind mehr, als in die ursprünglich als Veranstaltungsort für die analoge Lesung angedachte Schreinerei Jund gepasst hätten.

In seiner zweiten Geschichte nimmt Keidel die Leser mit zu einer für wohl viele Männer so stressigen wie schmerzlichen Aufgabe: Hosenkauf. Sofort denkt man an Thomas Bernhards legendäres Mini-Drama "Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen", in dem dieser die Absurdität eines solchen Nachmittags beschreibt.

Bei Keidel allerdings geht es nicht um Eitelkeit, sondern darum, dass die moderne Hose irgendwie nicht für den klassischen Mann geschnitten sind. "Schaue ich irgendwie slim oder fit aus?", fragt er und seine Einkaufsbegleiterin murmelt "eher schlimm und fett".

Wer also hohe Literatur erwartet, der wird sich bei Keidel nicht wiederfinden. Wer allerdings gerne über die einfachen Skurrilitäten des Alltags lacht, der muss Keidel lieben.

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Quelle:
SZ vom 08.04.2020
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