bedeckt München 25°

Olching:Urlaub am Ampersee

Die Mühlbauers sind seit vielen Jahren Stammgäste auf dem Campingplatz bei Graßlfing. Dort ist von der Corona-Krise nicht viel zu spüren, seit einer Woche ist auch für Tagesgäste wieder geöffnet. Zelten ist aber weiterhin verboten

Gartenzwerge dürfen nicht fehlen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Es hat um die 25 Grad, die Sonne brennt vom tiefblauen Himmel. Es könnte irgendwo in Italien oder Spanien sein, dazu würde das leichte Meeresrauschen passen. Doch die südlichen Länder sind coronabedingt immer noch in unerreichbarer Ferne. Und fürs dezente Rauschen ist die Autobahn hinter der Baumreihe zuständig. Ein Meer hat der Campingplatz Ampersee bei Graßlfing nicht zu bieten, dafür aber fast alle sonstigen Annehmlichkeiten. So sehen das auch Karin und Wolfgang Mühlbauer, die um Mittag herum vor ihrem Wohnwagen sitzen und das schöne Wetter genießen - während der fünf Jahre alte Enkel Elias sich seinem Malbuch widmet. Die Fürstenfeldbrucker Familie verbringt seit vielen Jahren die Sommermonate weitgehend auf dem Campingplatz in der Gemeinde Olching. Von der Corona-bedingten Schließung waren sie als Dauercamper nicht betroffen.

Viel intensiver beschäftigen mit dem Thema der Pandemie musste sich naturgemäß Thomas Conradi, 43, Chef der gepflegten Anlage auf dem Landstreifen zwischen Ampersee und Baggersee der Kiesgrube. Seit Samstag darf er auch wieder für die "normalen" Tagesgäste öffnen. Es sieht so aus, als komme er "mit einem blauen Auge" davon. Es gibt Einbußen, aber in der Existenz ist die Einrichtung nicht gefährdet. Trotzdem ist Conradi nicht besonders gut zu sprechen auf die Behörden, die augenscheinlich manchmal ohne Absprache voneinander abweichende Auflagen erlassen, die nicht selten auch noch von wenig Bezug zur Praxis zeugen.

Seine Parzelle darf jeder nach Gusto gestalten.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Da wäre die Sache mit den Zelten. Conradi muss zurzeit regelmäßig Campern absagen, die in der Zeitung gelesen haben, dass die Campingplätze wieder öffnen dürfen. Denn ohne eigene sanitäre Anlage anzureisen - also ohne Wohnmobil oder Wohnwagen, ganz klassisch mit Zelt - geht weiterhin nicht. Da spielt es keine Rolle, dass auf dem Graßlfinger Campingplatz großzügige sanitäre Anlagen vorhanden sind, dass jede zweite Toilette abgesperrt ist, es sogar separate Kabinen gibt und Spender mit Desinfektionsmitteln und Papierhandtüchern installiert wurden. Conradi kann nicht verstehen, dass für ihn das verboten ist, was andernorts offenbar eben doch geht. Er jedenfalls muss sich an einem Informationsblatt der Behörden orientieren. Und darauf steht, dass nicht gezeltet werden darf. Punkt. Nun ja, verstehen muss man das nicht, aber ein Bußgeld von bis zu 25 000 Euro will Conradi natürlich auf keinen Fall riskieren.

Dabei hat er noch Glück. Denn der Anteil der Dauercamper ist auf seinem Campingplatz mit 70 Parzellen ziemlich hoch. 40 weitere Plätze sind für Tagesgäste reserviert. Ein Teil davon wurde auch während des Lockdowns ganz offiziell von Arbeitspendlern oder Monteuren auf der Durchreise genutzt. Für Dauercamper jedenfalls gilt die Schrebergartenverordnung, die Spielraum lässt. Bereits im April haben deshalb Familien wie die Mühlbauers nach der Winterpause alles auf Vordermann gebracht. Manche betagteren Stammgäste waren mit Blick auf die Viruspandemie noch etwas zurückhaltend. Für Juli und August hofft Thomas Conradi, der den seit 1955 bestehenden Campingplatz von seinen Eltern Klaus und Karin übernommen hat, auf die Rückkehr zum Normalbetrieb und damit das Ende der Delle im Umsatz.

Jene Delle wurde freilich von unerwarteter Seite bereits vor fast einem Jahr vertieft. Da habe die Telekom einfach den Vertrag für die ISDN-Leitung gekündigt. Conradi blieb nichts anderes übrig, als die Kröte zu schlucken und um die 19 000 Euro für den Glasfaseranschluss hinzublättern. Denn Internetanschluss ist für Camper heutzutage ungefähr ebenso wichtig wie das Dach über dem Kopf und der Liegestuhl unterm Sonnenschirm.

Das gehört natürlich auch für die Mühlbauers aus Fürstenfeldbruck irgendwie dazu. Viel wichtiger aber ist es für sie, ausspannen zu können und einfach mal raus aus dem Alltag zu kommen. Die Anlage an den Amperauen lädt ein zum Ausspannen. "Hier kann man einfach abschalten", sagt Wolfgang Mühlbauer. Gemeinsam mit seiner Frau Karin und dem Enkel sitzt er vor dem Wohnwagen im Schatten. Das kleine Planschbecken ist leer, der Fünfjährige war gemeinsam mit seiner Schwester sogar schon im See. Sein Gesichtsausdruck lässt darauf schließen, dass es noch ziemlich kalt gewesen sein muss. Seit die Corona-Auflagen gelockert wurden, bekommen die Mühlbauers regelmäßig Besuch von ihren zwei Töchtern und den zwei Enkeln. "Wir sind seit 1990 jedes Jahr hier", so Karin Mühlbauer. Es ist ein Katzensprung, eine Viertelstunde mit dem Auto, von der Wohnung in Bruck. Aber es ist ein Quantensprung, wenn man den dortigen Balkon mit der ansehnlichen Grünfläche mit Seeblick vergleicht.

Unter den Dauercampern kennt man sich. Einige der Nachbarparzellen wurden mittlerweile bereits von der "nächsten Generation" übernommen. Früher hatte der Begriff Dauercamper etwas Angestaubtes. Aber mittlerweile wissen auch die Jüngeren eine solche grüne Insel zu schätzen.

Geschmückt wird gerne mit Blumen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Ist es doch mal längere Zeit schlechtes Wetter, dann unterbrechen die Mühlbauers ihren wochenlangen Aufenthalt auf dem Campingplatz und fahren wieder heim nach Fürstenfeldbruck. Manchmal siegt trotzdem das Fernweh: "Eigentlich wären wir vor zwei Tagen zwei Wochen nach Ägypten geflogen", erzählt Karin Mühlbauer. Ein Hotelurlaub hat auch seine Reize: Da muss man sich nicht ums Kochen, ums Aufräumen und um den Abwasch kümmern. Mit Fernreisen muss man sich noch gedulden. Für Karin und Wolfgang Mühlbauer aber kein allzu großes Problem. Sie fühlen sich auch so wie auf einer Urlaubsinsel.

© SZ vom 06.06.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite